Ärzte Zeitung, 23.04.2013

Rheuma

Verzögert die richtige Therapie den Gelenkersatz?

Jeder vierte Rheuma-Patient benötigt innerhalb von 20 Jahren eine Gelenkprothese. Jetzt hat eine Studie untersucht, ob sich mit Biologicals oder mit klassischen Therapeutika der Gelenkersatz verzögern lässt. Das Ergebnis überrascht die Forscher.

Von Thomas Müller

Verzögert die richtige Therapie den Gelenkersatz?

Viele Rheuma-Patienten benötigen Gelenkprothesen. Klaro

HELSINKI. Bei Patienten mit rheumatoider Arthritis (RA) werden oft auch die Gelenke stark beschädigt, etwa ein Viertel der Patienten benötigt nach Studiendaten innerhalb von 20 Jahren eine Gelenkprothese.

Da das künstliche Gelenk und der Eingriff nicht gerade billig sind, stellt sich die Frage, ob die Wahl einer geeigneten RA-Therapie den Gelenkersatz verzögern oder die Haltbarkeit verlängern kann.

Hoffnung setzen Ärzte hier vor allem auf Biologicals, die die Krankheitsaktivität in der Regel stärker bremsen als klassische Basistherapeutika (DMARD, Disease Modifying Anti-Rheumatic Drugs).

Bisher lieferten Studiendaten allerdings widersprüchliche Ergebnisse bei der Frage nach dem Gelenkersatz unter diversen Therapeutika.

550 Gelenke wurden ersetzt

Forscher um Dr. Kalle Aaltonen von der Universität in Helsinki wollten nun anhand von finnischen Registerdaten etwas mehr Klarheit erlangen (Sem Arthritis Rheum 2013; online 5. März).

Sie verglichen den Krankheitsverlauf bei etwa 4800 RA-Patienten zwischen den Jahren 1999 und 2010. 2700 der Patienten hatten nur DMARD bekommen, 2100 waren auch mit Biologicals behandelt worden.

Aus beiden Gruppen wählten die Forscher nun etwa 1500 Patienten aus, die sich in Alter, Geschlecht und Krankheitsaktivität weitgehend ähnelten. Bei ihnen untersuchten sie nun die Raten und den Erfolg von Gelenkersatz-Operationen.

In diesen beiden Gruppen wurden in den zehn Jahren 550 Gelenke ersetzt. Dabei waren in der Gruppe mit Biologicals 3,9 Gelenkersatz-Operationen pro 100 Patientenjahre zu verzeichnen, in der Gruppe mit DMARD waren es 2,6.

Biological-Patienten benötigten vor allem bei kleineren Gelenken häufiger Ersatz als Patienten mit DMARD (1,32 versus 0,62 pro 100 Patientenjahre). Bei Hüft- und Kniegelenken gab es dagegen keine signifikanten Unterschiede.

Mit Biologicals weniger Nach-Ops

Das Ergebnis überraschte die Studienautoren - sie hatten eigentlich einen Vorteil bei Patienten mit Biologicals erwartet. Allerdings musste bei den Patienten mit Biologicals seltener aufgrund einer Lockerung oder Infektion nachoperiert werden (0,65 versus 0,83 Eingriffe). Keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Gruppen gab es bei der Lebensdauer der Prothesen.

Möglicherweise, so mutmaßen die Autoren um Aaltonen, werden Patienten erst dann mit Biologicals behandelt, wenn es schon zu einer erheblichen Gelenkerosion gekommen ist - der vermutete protektive Effekt käme dann nicht mehr zum Tragen.

Hinzu kommt, dass Biologicals vor allem bei einem aggressiven Verlauf verordnet werden. Darauf deutet auch die etwas schlechtere Lebensqualität in der Gruppe mit Biologicals. Der Verdacht liegt also nahe, dass die Patienten mit Biologicals häufiger unters Messer mussten, weil sie deutlich stärker erkrankt waren als Patienten, die noch mit DMARD zurechtkamen.

In diesem Sinne ist das Anliegen der Forscher, mehr Klarheit zu erlangen, klar gescheitert, was letztlich nicht verwundert, ist der Erkenntnisgewinn von Fall-Kontroll- und Registerstudien doch oftmals sehr dürftig.

Wie so oft wäre auch hier eine randomisiert-kontrollierte Studie nötig, um herauszufinden, ob Biologicals den Gelenkersatz verzögern oder nicht.

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