Ärzte Zeitung online, 02.09.2019

Jenseits von NSAR

Was Ärzte bei Polyarthrose am Finger tun können

Bei der Fingerpolyarthrose gibt es keinen Grund zu therapeutischem Nihilismus: Neue Operationsverfahren stehen zur Verfügung, aber vor allem werden die existierenden physikalischen Therapiemaßnahmen zu wenig genutzt.

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Multiple Arthritis in den Fingern: Wichtiges Therapieziel ist die Verhinderung struktureller Schäden.

© stockdevil / Fotolia

BERLIN. Die Polyarthrose der Fingergelenke wird oft als „Alterserscheinung“ bagatellisiert, und ganz verkehrt ist diese Zuschreibung ja auch nicht. Tatsächlich sei sie im Alter extrem häufig, betonte Prof. Dr. med. Ralph Gaulke von der Unfallchirurgischen Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover bei einer kürzlichen Pressekonferenz der DGRh zum diesjährigen Rheumatologenkongress in Berlin.

Das betrifft vor allem Frauen, die – wohl aus genetischen Gründen – neunmal häufiger an einer Polyarthorse der Finger leiden als Männer. Die Erkrankung beginnt typischerweise mit knöchernen „Knötchen“ im Bereich der Fingerend-, später auch der Fingermittelgelenke, kann prinzipiell aber nahezu alle Gelenke der Hand betreffen.

Zwischen dem fünfzigsten und sechzigsten Lebensjahr könne davon ausgegangen werden, dass etwa jede zweite Frau nach längerer (Nacht-)Ruhe von steifen Fingern und unter Umständen Anlaufschmerz betroffen sei, so der Orthopäde und Rheumachirurg. In aller Regel ist das eine frühe Form der Polyarthrose. Anders als bei der (seltenen) Morgensteife der rheumatoiden Arthritis sind die Bewegungsprobleme am Morgen bei der Polyarthrose eine Sache von Minuten, und sie sprechen auf aktivierende Bewegung gut an.

Mehr als nur NASR möglich

Ärzte widmen der Polyarthrose der Finger meist erst dann Aufmerksamkeit, wenn es zu Schmerzen kommt, und viele sind latent der Auffassung, dass außer nicht-steroidalen Antirheumatika (NASR) ohnehin nicht viel getan werden kann. Gaulke sieht diesen Fatalismus kritisch. Zum einen seien NSAR schon wegen ihrer kardiovaskulären Effekte keine besonders attraktive Therapieoption, zumindest in der Dauertherapie. Zum anderen kämen rein schmerzbezogene Therapieansätze oft auch schlicht zu spät.

„Gerade zu Beginn der Erkrankung haben die Patienten zwar schon knöcherne Deformierungen an den Händen, aber unter Umständen noch gar keine Schmerzen“, so Gaulke. Wer in diesem Stadium einfach abwartet, vergibt Chancen. Denn durch ein wenig aufwändiges Fingertraining kann jeder Patient mit beginnender Arthrose dazu beitragen, die Verschlechterung der Erkrankung zu bremsen und den Beginn therapiebedürftiger Schmerzen zumindest hinauszuzögern.

Für das Fingertraining bei Arthrose gibt es diverse Hilfsmittel, aber es geht auch ohne. Zu den häufig empfohlenen Übungen gehören das (Luft-)Klavierspielen, das Ballen von halben und ganzen Fäusten, das Zusammenführen von Daumen und den übrigen vier Fingern, das abwechselnd Strecken und Spreizen der Finger und vieles mehr. Nichts davon kostet viel Zeit, und trainieren lässt sich in fast jeder Lebenssituation, ob am Schreibtisch, in der S-Bahn oder unter der Dusche.

Unterscheiden bei Schmerzen

Treten erste Schmerzen auf, muss nichts zwangsläufig gleich zum NSAR gegriffen werden. Gaulke empfahl lokale physikalische Therapien, die ähnlich effektiv seien wie medikamentöse Therapie. Unterschieden werden sollte dabei rein degenerativen Schmerzen und Schmerzen mit Entzündungskomponente. Bei schmerzenden Gelenken, die „kalt“ sind, sind lokale Wärmeanwendungen das Mittel der Wahl. Gibt es Hinweise auf eine Aktivierung der Arthrose – also Wärme, Rötung und Schwellung – dann ist demgegenüber die Kälteapplikation angezeigt.

Diese Unterscheidung gelte es, den Patienten zu vermitteln, denn Arthroseschmerz ist nicht gleich Arthroseschmerz. Unterschiedliche Menschen sind unterschiedlich, aber auch unterschiedliche Gelenke desselben Menschen können unterschiedliche Behandlungsansätze erfordern.

Der nächste Schritt nach den reinen Wärme- oder Kälteanwendungen sind für Gaulke Ergotherapien in Verbindung mit Gelenkschienen, etwa die bekannten Klettverschlussschienen für das Daumensattelgelenk. Während speziell die Daumensattelschiene von vielen Betroffenen als stigmatisierend empfunden werde, gebe es für die Fingerend- und Fingermittelgelenke mittlerweile Schienen, die gar nicht mehr als solche in Erscheinung treten, sondern aussehen wie Silberschmuck.

Operieren: als letzte Option

Operationen sind für den Chirurgen erst die allerletzte Option: Sie sollten nur dann in Erwägung gezogen werden, wenn physikalische und medikamentöse Maßnahmen nicht mehr ausreichen. Das sei typischerweise dann der Fall, wenn ein Gelenk entweder stark zerstört ist oder funktionell instabil wird.

An den Fingerend- und Fingermittelgelenken bedeutet Operation in der Regel Versteifung, was mit Funktionsverlust einher und deswegen gut überlegt sein will. Am Daumensattel ist die operative Entfernung des Os trapezium eine etablierte chirurgische Behandlung, die die Funktion erhält: Der erste Mittelhandknochen reibt dann nicht mehr an der Handwurzel, eine wichtige Schmerzquelle fällt weg.

Diese Operation sei in den letzten Jahren weiterentwickelt worden, so Gaulke. Ziel dieser Weiterentwicklungen war es, zu verhindern, dass der Daumen durch die entstehende Lücke auf Dauer instabil wird. So werden heute von einigen Operateuren nach Entfernung des Trapeziums nicht mehr nur der erste und der zweite Mittelhandknochen mit einer Sehne verbunden. Es wird außerdem an der Stelle, an der das Trapezium entfernt wurde, ein resorbierbarer Kunststoffplatzhalter eingesetzt.

Anders als bei den ebenfalls existierenden Silikonplatzhaltern, die relativ schnell kaputt gehen und oft unbefriedigende Ergebnisse erzielen, löst der Körper diesen Kunststoffplatzhalter langsam auf und – das ist der Trick – ersetzt ihn durch relativ robustes Narbengewebe, das den Daumenstrahl besser abstützt als das normale Ersatzgewebe nach der Knochenentfernung. „Auf diese Weise wird auch ohne funktionseinschränkende Versteifung eine gute Stabilität erreicht“, so Gaulke. (gvg)

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[02.09.2019, 15:32:27]
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ich möchte darauf hinweisen, dass die Fortbildungen für Handtherapie interdisziplinär sind, das heißt Physio- und Ergotherapeuten sitzen gemeinsam im Hörsaal. Schön wäre auch, wenn Sie die Auswahl der Übungen den Fachleuten, also uns überlassen würden - wir sind speziell dafür ausgebildet, auch für die Beratung der Patienten. So bekommt man für wenige Einheiten Handtherapie (beim speziell dafür ausgebildeteten Physio- oder Ergotherapeuten) als Patient individuelle Übungen und Tipps für den Umgang mit Polyarthrosen.

Mit freundlichen Grüßen

Daniela Neye
Praxis für Physiotherapie und Handrehabilitation zum Beitrag »

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