Ärzte Zeitung, 07.10.2004

IM GESPRÄCH

Das Geheimnis des Achterbahn-Marathon-Mannes: eine Neuropathie

Von Norbert Kick

In den letzten beiden Jahren ging ein amerikanischer Hochschullehrer durch die deutschen Medien, war Dauergast in den TV-Sendungen: Richard Rodriguez (44), Geschichtsdozent an der Loyola-Universität in Chicago, hatte durch zwei Endlos-Fahrten auf einer der größten Achterbahnen der Welt im Holiday Park Hassloch für Aufsehen gesorgt. 104 Tage und, ein Jahr später, 49 Tage und Nächte war er auf der 62 Meter hohen Achterbahn unterwegs gewesen. Und alle Welt hatte gerätselt, ob er einen geheimen Trick benutzt hatte, um die Marathon-Fahrt im mit Tempo 120 dahinrasenden Achterbahnzug auszuhalten. Sogar von Doppelgängern oder einem Zwillingsbruder war die Rede gewesen.

Ärzte lüfteten das Geheimnis des Weltrekordlers

Das große Geheimnis des Weltrekordfahrers Rodriguez haben Ärzte, die den Amerikaner während der Rekordfahrten betreut hatten, am Rande eines ärztlichen Symposiums im Holiday Park gelüftet: Der Diabetiker Rodriguez hat eine ausgeprägte Form von Neuropathie, die seinen Herzschlag auch auf der wildesten Achterbahn bei absolut ruhigen 70 Schlägen pro Minute verweilen läßt.

Dr. Friedhelm Baisch, Weltraum-Mediziner am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt DRL in Köln, hat den Amerikaner in seinem Institut untersucht und festgestellt: Diese Neuropathie ist der Grund, weshalb Rodriguez Weltrekorde im Achterbahn-Marathon aufstellen kann. Denn gleich, ob er am Schreibtisch sitzt oder sich mit Tempo 120 und viereinhalbfacher Erdbeschleunigung auf der Achterbahn monatelang immer wieder senkrecht in die Tiefe stürzt: Sein Herzschlag bleibt immer ruhig im unteren Bereich.

Unglaubliche 104 Tage hatte der Amerikaner vor zwei Jahren in der Achterbahn "Expedition GeForce" zugebracht. Nie zuvor war ein Mensch 104 Tage lang bis zu 15 Stunden täglich in einer Extrem-Achterbahn unterwegs gewesen. Mehr als 28 000 Kilometer hatte Rodriguez in den 1112 Stunden zurückgelegt. Und ein Jahr später noch einen weiteren Rekord draufgelegt: Da schaffte er - dank eingebauter Toilette - 49 Tage und Nächte.

Während der Marathonfahrt blieb das Kreislaufsystem ruhig

Er habe die Dauerfahrt nur deshalb solange aushalten können, weil sein Kreislaufsystem absolut ruhig blieb, so Baisch. "Rodriguez ist nur wegen der Neuropathie in der Lage, derartige Belastungen, die bei jedem normalen Menschen das Herz-Kreislaufsystem in gefährliche Bereiche hochtreiben, über so viele Tage und Wochen auszuhalten. Insofern hat er bei dieser skurrilen Tätigkeit als Marathon-Achterbahnfahrer einen gewissen Vorteil vor Nicht-Diabetikern."

Erst vor wenigen Wochen hatte bei einer großen Vergleichsmessung auf der Rekord-Achterbahn im Holiday Park der Mannheimer Kardiologe Dr. Jürgen Kuschyk festgestellt: Der durchschnittliche Achterbahn-Nutzer erreicht Spitzen von über 200 Herzschlägen pro Minute (wir berichteten). Und auch bei der Studie von Kuschyk waren es einige Diabetiker, die konstante Werte von unter 90 Schlägen pro Minute verzeichneten. Diabetiker mit deutlichen Anzeichen von Neuropathie...

"Natürlich wußten alle verantwortlichen Ärzte, die den Rekord täglich begleitet hatten, vom Diabetes des Richard Rodriguez", erklärt Holiday-Park-Direktor Wolfgang Schneider. "Wir hatten im Vorfeld des Weltrekord-Versuches Richard vom Flugmedizinischen Institut der Luftwaffe und von Dr. Baisch beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt sehr gründlich untersuchen lassen. Alle Ärzte sagten uns, für Richard sei der Diabetes für die Marathon-Fahrt auf der Achterbahn kein zusätzliches Handicap. Daß Richard sogar dadurch einen gewissen Vorteil hatte, haben wir natürlich überhaupt nicht für möglich gehalten!"

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