Ärzte Zeitung, 01.04.2005

"Ein großer Dichter muß großes Zahnweh haben"

Vor 200 Jahren wurde der dänische Märchenerzähler, Lyriker und Romancier Hans Christian Andersen geboren

Von Klaus Brath

Fühlte sich in seinen Märchen in die Kinderseele: der Däne Hans Christian Andersen, gezeichnet 1841 in Dresden von Professor Vogel von Vogelstein. Foto: dpa

Wunderlich und widersprüchlich war das Leben von Hans Christian Andersen, wie ein Märchen. Er wurde massiv zurückgewiesen und verspottet - und doch schrieb er: "Mein Schicksal hätte nicht glücklicher, klüger und besser geleitet werden können."

Er war eitel und egozentrisch - und doch offenbart sein Oeuvre Mitgefühl mit Kindern und Benachteiligten der Gesellschaft. Seine Erzählungen wimmelten von grammatikalischen und orthographischen Schnitzern - und dennoch wurde er einer der erfolgreichsten Geschichtenerzähler der Weltliteratur.

"Prinzessin auf der Erbse" und "Des Kaisers neue Kleider"

Andersen schrieb Theaterstücke, Romane, Gedichte und Autobiographien, war bekannt für seine schönen Scherenschnitte - unsterblich machten ihn jedoch seine Märchen wie "Die kleine Meerjungfrau", "Die Prinzessin auf der Erbse " oder "Des Kaisers neue Kleider".

Sein Adressat war die Kinderseele - die im Erwachsenen und mehr noch die im Kind: "In Hans Christian Andersen", so urteilt sein Biograph Jens Andersen, "trafen Kinder zum ersten Mal auf einen Erwachsenen, der in seiner Dichtung nicht nur das Wesen des Kindes respektierte, sondern der auch zuhörte und die Sprache der Kinder zu sprechen verstand."

Etwa mit Lautmalerei: "Ein Soldat kam die Landstraße dahermarschiert: Eins, zwei! Eins, zwei!", beginnt die Geschichte "Das Feuerzeug." Anschaulich umschrieb er abstrakte Begriffe. So schildert er den Kaufmann in "Der fliegende Koffer" als "so reich, daß er die ganze Straße und fast noch eine ganze Gasse dazu mit Silbergeld pflastern konnte." Vor allem jedoch ließ sein Werk viel Raum für die kindliche Phantasie und Gefühlswelt - mit all ihrer Einsamkeit, Sehnsucht und Trauer.

Diese Gefühlswelt war auch dem innerlich zerrissenen Andersen nicht fremd. In ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsen, war er, ein langer Lulatsch, ungelenk und altklug, bereits in seiner Kindheit ein Außenseiter und hatte wohl niemals eine sexuelle Beziehung. Dafür knüpfte Andersen Kontakte zu Künstlern wie Charles Dickens und Franz Liszt und erlebte auch so manche naturwissenschaftliche Neuerung seiner Zeit hautnah mit. So war er Zeuge, wie James Young Simpson, der Pionier der Geburtsanästhesie, auf einer seiner Abendgesellschaften in Edinburgh mit Äther experimentierte.

Ein gern gesehener Gast in Adels- und Königshäusern

Andersen verbrachte über neun Jahre auf Auslandsreisen und brachte es zum gern gesehenen Gast in Adels- und Königshäusern - fast wie sein "häßliches Entlein", das erst gedemütigt und aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wird, sich dann aber als stolzer Schwan erweist.

Wie sensibel sich Andersen darauf verstand, Kränkungen und Schmerzen in Literatur zu verwandeln, offenbart etwa die Geschichte "Tante Zahnweh", in welcher der selbst oft zahnwehgeplagte Erzähler weise sinniert: "Ein großer Dichter muß großes Zahnweh haben, ein kleiner Dichter kleines Zahnweh!"

Auch das Motiv des Todes findet sich oft in Andersens Werk - das Gedicht "Das sterbende Kind" war sogar sein erster ins Deutsche übersetzter Text. Andersen selbst hatte panische Angst, lebendig begraben zu werden. "Ich bin nur scheintot", stand deshalb auf einem Zettel, den er auf Reisen mit sich führte. 1875 endete die Leidensgeschichte des hochgradig hypochondrischen Märchendichters, den 200 Jahre nicht altern ließen.

Informationen zum Veranstaltungsprogramm im Andersen-Jahr finden Sie im Internet unter www.hca2005.com und unter www.visitdenmark.com

Hans Christian Andersen - Lebensstationen

2.4.1805 Geburt in Odense als Kind eines Schuhmachers und einer Waschfrau
1819 Umzug nach Kopenhagen; erfolglose Karriere am Königlichen Theater
1822 Beginn der lebenslangen Freundschaft zur Familie Collin, die Andersen fördert; erstes (erfolgloses) Buch unter Pseudonym
1822 bis 1827 Schulbesuch in Slagelsen und Helsingor
1832 Erste Autobiographie "Lebensbuch"
1833/4 Stipendium für eine Bildungsreise durch Mittel- und Südeuropa
1835 Roman "Der Improvisator"; erste Märchen-Sammlung
1840/1 Europa- und Orientreise bis Konstantinopel
1847 Erste veröffentlichte Autobiographie "Das Märchen meines Lebens ohne Dichtung"
1872 Letzte Publikation von Märchen
1873 Letzte Auslandsreise
4.8.1875 Andersen stirbt in Kopenhagen

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