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Monumente der Gesundung: Narben als Kunstwerke

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Von Ronald D. Gerste

Narben sind Erinnerungen an Schmerzen und Siechtum, aber sie sind auch Monumente der Gesundung, Spuren der Kraft und des Willens, weiterzuleben. Das ist die Botschaft des kalifornischen Künstlers Ted Meyer, dessen an Patienten entstandene "Imprints" seines Zyklus’ "Scarred for Life" in den USA derzeit großes Aufsehen erregen.

Eine Schlucht mit zerklüfteten Rändern zieht sich durch eine auf den ersten Blick monotone, durch den Pinsel des Künstlers an einzelnen Stellen mit Konturen versehene Landschaft. Dem Betrachter mag sich die Assoziation mit einer Aufnahme der NASA, einer Bodensenke in der Sahara oder einer tektonischen Verwerfung in der Kalahari aufdrängen.

Doch die Bildlegende ist von so fundamentaler Nüchternheit wie die Prosa in einem Op-Bericht: "Back Scar T-12, L-1". Das Abbild einer Rückennarbe im Werk des Ted Meyer als solche zu erkennen, erfordert ein wenig Phantasie.

Mit sechs Jahren wurde dem Künstler die Milz entfernt

Für Ted Meyer, einen 48jährigen in Los Angeles lebenden Künstler, gehören Narben seit frühester Kindheit zum Dasein: Er ist von Geburt an an Morbus Gaucher erkrankt, einem vor allem die inneren Organe und die Gelenke befallenden genetisch bedingten Leiden. Als Sechsjährigem wurde ihm die Milz entfernt. Von nun an gehörte die Narbe am linken Oberbauch zu seinem Spiegelbild.

Mit Anfang 30 erhielt Meyer beidseits künstliche Hüftgelenke. Sein immer wieder von Krisen gekennzeichnetes Leiden endete erst vor kurzem, seit neue Enzymsubstitutionstherapien Gaucher-Patienten ein fast normales Leben ermöglichen.

Zu seinem ganz spezifischen künstlerischen Wirken kam Meyer vor fast zehn Jahren, als er in Los Angeles die Schauspielerin Joy Mincey Powell kennenlernte, die nach einem Unfall querschnittgelähmt war. Im Gespräch mit ihr kam ihm die Idee, ihre Narbe als Vorlage für einen farblich verstärkten Abdruck, ein "imprint", zu nehmen. Powell war einverstanden und wurde Meyers erstes Modell. Seither sind Dutzende von Patienten/Modellen hinzugekommen.

Zunächst wird Tinte auf die Narbenregion aufgetragen

Von den im wahrsten Sinne des Wortes auf ihrer Haut entstandenen Werken Meyers sind 35 derzeit im National Museum of Health and Medicine in Washington ausgestellt.

Für seine Werke trägt Meyer zunächst Tinte auf die (ehemalige) Wundregion auf, meist in breiten Streifen, wie früher an der Druckerpresse üblich. Dann legt der Künstler mehrere Papiere auf die gekennzeichneten Areale, die seine Originalia werden. Verfeinerungen und Verfremdungen im Stil einer Gouache kommen hinzu, die des Betrachters Neugier anstacheln, bevor die Bildlegende eine Auflösung über das Objekt und mit ihm über das dahinter liegende menschliche Schicksal liefert: Eine "Splenektomie" ist ebenso zu sehen wie "Verlust des Zeigefingers nach Unfall mit der Kettensäge", "eine Armrekonstruktion nach Motorrad-Unfall" und eine "Orbitarekonstruktion mit Knochenmaterial aus der Schädeldecke".

Meyer hat wenig Probleme, Modelle zu finden. Sein Ruf als Künstler ist etabliert und seriös; daß die spezifisch kalifornische Lebenshaltung mit einer oft fast exhibitionistischen Freude an der Darstellung der eigenen Körperlichkeit seinem Oeuvre gelegen kommt, kann angenommen werden. Schwieriger war es für ihn bislang, Ausstellungsraum in normalen Kunsthandlungen zu bekommen. "Ich habe verschiedene Galerien angesprochen", sagt er, "aber die sagen meist: ,Hören Sie mal, niemand will sich eine Dünndarmrekonstruktion über die Couch hängen.‘"

Die Ausstellung "Scarred for Life. Mono-Prints of Surgical Scars" ist bis März 2007 zu sehen im National Museum of Health and Medicine in Washington DC, www.nmhm.washingtondc.museum

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