Ärzte Zeitung, 13.10.2006

Ikone des unabhängigen Denkens

100. Geburtstag der deutsch-amerikanischen Philosophin Hannah Arendt / Neue Aktualität

Von Thomas Borchert

Totalitarismus, Antisemitismus und das Wesen des politischen Handelns waren ihre großen Themen: Hannah Arendt (1906 bis 1975). Foto: dpa

Hannah Arendt wäre vermutlich mißtrauisch gewesen wegen der Vermarktung ihres Namens, schrieb der Politikwissenschaftler Kurt Sontheimer in seiner jüngst erschienenen Studie zum "Weg einer großen Denkerin".

Es gebe jede Menge Hannah- Arendt-Schulen, Hannah-Arendt-Straßen, Hannah-Arendt-ICE-Züge, Hannah-Arendt-Preise für politisches Denken und anderes mehr. Die vor 100 Jahren am 14. Oktober 1906 geborene deutsch-amerikanische Philosophin ist mit ihrem "unabhängigen Denken zwischen den Stühlen" für den im vergangenen Jahr gestorbenen Sontheimer zu einer der wenigen Ikonen unter den politischen Theoretikern des 20. Jahrhundert geworden.

"Zum Denken bedarf es auch des Herzens"

Hannah Arendt, im hannoverschen Stadtteil Linden geboren, floh 1933 als junge jüdische Frau mit ihrem ersten Ehemann und der Mutter aus Deutschland; sie starb mit 69 Jahren nach einem Herzinfarkt als US-Bürgerin in ihrer New Yorker Wohnung.

In einem berühmt gewordenen TV-Interview mit Günter Gaus sagte sie 1964: "Denken beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tod." Es bedürfe "nicht nur des Kopfes, sondern auch des Herzens, das heißt der Einfühlung, der Fähigkeit, das Besondere, das Zufällige, von der Ratio nicht Vorhergesehene wahrzunehmen".

Als sie das sagte, hatte es Hannah Arendt gerade unfreiwillig zu großer Berühmtheit für ihre Berichte vom Jerusalemer Prozeß gegen den Nazi-Schlächter Adolf Eichmann gebracht.

Daß sie im bürokratischen Organisator der Massenmord-Fabrik Auschwitz die "Banalität des Bösen" verkörpert sah und die Einbeziehung von Judenräten am Holocaust problematisierte, führte zu einer extrem bitteren und scharfen Kontroverse. Auch enge Freunde wandten sich ab, weil sie meinten, Arendt habe das Morden der Nazis verharmlost und sei dafür mit den Juden sehr hart umgegangen.

Überlegungen zur Natur des Bösen

Im Abstand von 40 Jahren gelten Arendts damalige Überlegungen zur Natur des Bösen und zu politischen Systemen generell als bleibend und auch wieder neu aktuell.

"Das Klima des Postmodernismus und der Identitätspolitik sowie die Suche nach einer nicht-ideologischen posttotalitären Weltsicht haben ihrem Denken eine erneuerte Relevanz und Vitalität verliehen", schrieb der in Jerusalem lehrende Steven Aschheim in einem Sammelband über die Eichmann- Kontroverse.

Außer mit dem Nationalsozialismus hat sich Arendt nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem mit dem Stalinismus als Herrschaftssystem befaßt und dazu 1951 die als ihr Hauptwerk geltenden "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" vorgelegt.

Sie schrieb das Buch bis 1966 immer wieder fort oder um und wurde damit zu einer wichtigen Inspirationsquelle für die 68er-Studenten. Denen sie aber selbst mit ihrem prinzipiell ideologiekritischen Denkansatz durchaus kritisch und distanziert gegenüberstand.

Hannah Arendt erhielt 1951 die US-Staatsbürgerschaft und fühlte sich bis zu ihrem Tod auch ganz als Bürgerin dieser Republik. Gerade deshalb stellte sie nach der Debatte um ihr Eichmann-Buch Kritik an diesem von ihr grundsätzlich bejahten System ins Zentrum. "Die Lüge in der Politik" betitelte sie ihre Kritik an offiziellen Washingtoner Darstellungen zum Vietnam-Krieg.

"Politische Meinungen kann man nicht einfach kaufen"

Grundlage waren die Veröffentlichung der geheimen "Pentagon-Papiere" 1971 durch den damals im Verteidigungsministerium angestellten Daniels Ellsberg. Sie belegten, daß die Regierung den Krieg längst systematisch vorbereitete, als sie öffentlich das Gegenteil behauptete. "Hier kommt die Lüge im Gewand der Werbung einher, die ihre Grenze jedoch darin findet, daß man politische Meinungen und Ansichten nicht einfach kaufen kann", schrieb Arendt.

35 Jahre nach dem Diebstahl und der Veröffentlichung der Pentagon- Papers bekommt Ellsberg für seine Zivilcourage am 8. Dezember in Stockholm einen der vier "Alternativen Nobelpreise" dieses Jahres überreicht. Und vor wenigen Wochen hat der US-Journalist Bob Woodward ein Buch mit dem Nachweis von systematischen Lügen der Bush-Regierung über den Irak-Krieg veröffentlicht.

Beides erinnert an die Aktualität von Hannah Arendts politischem Denken, das sich stets jedem festem System und allen "-ismen" entzogen hat. Und nach vorne offen ist. "Ein Wesenszug menschlichen Handels ist, daß es immer etwas Neues anfängt", schrieb die Philosophin in "Vita Activa". (dpa)

"Man braucht die andere Meinung, weil sie eine Bereicherung ist"

Denkansätze der deutsch-amerikanischen Philosophin Hannah Arendt könnten ein Gewinn für aktuelle politischen Diskussionen sein. "Ihr Begriff von Pluralität wäre eine unglaubliche Bereicherung der Diskussion um den Islam", sagte etwa Professor Antonia Grunenberg in einem dpa-Gespräch.

   
Hannah Arendt hat Anstöße gegeben, mehr nicht, das ist keine geschlossene Theorie."
 
Professor Antonia Grunenberg
Hannah-Arendt-Zentrum an der Universität Oldenburg
   

"Sie übernimmt den amerikanischen Begriff der Pluralität, und der besagt - anders als die europäische Tradition - daß ich die andere Meinung brauche", erläuterte die Leiterin des Hannah-Arendt-Zentrums an der Universität Oldenburg.

Grunenberg erläuterte, Arendt habe die Ansicht vertreten, daß Politik vom Streit geprägt sei. "Das heißt nicht nur, daß ich sie (die andere Meinung) toleriere, sondern, daß ich sie brauche, weil sie eine Bereicherung ist." Das gelte allerdings nicht für Radikale, die sich mit ihren Ansichten außerhalb des Gemeinwesens stellten.

Aktuell ist Grunenberg zufolge auch der von Arendt beschriebene Begriff des "republikanischen Moments". "Das bedeutet, daß sich die Politik nicht nur in den Dimensionen von parlamentarischer Demokratie abspielt." Vielmehr seien die Bürger in der Lage, sich jenseits der existierenden Strukturen politisch zu betätigen. Ein Beispiel seien die Proteste der Menschen in der DDR vor der Wiedervereinigung.

"Plötzlich merkt man, daß die Bürger etwas in die Hand nehmen wollen." Arendt habe erkannt, daß der Alltag in modernen Massendemokratien anders sei. Aber: "Sie wollte zeigen, daß es die Fähigkeit des Menschen dazu gibt. Sie hat Anstöße gegeben. Mehr aber auch nicht, das ist keine geschlossene Theorie." (dpa)

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