Ärzte Zeitung, 13.08.2009

Schreit Eure Fehler in die Welt hinaus!

Sie sollten nicht passieren. Aber sie passieren. Selbst den göttlichsten Halbgöttern unter den Weisen passieren mitunter mehr oder weniger folgenreiche Fehler.

Von Ronny Teutscher

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Fehler? Dann empfiehlt sich eine anonyme Meldung.

Foto: chriskuddl©www.fotolia.de

Auch wenn es üblich ist, medizinische Fehler unter die Bauchdecke zu kehren, so sollte man dennoch dazu stehen. Hat man etwa bei einer Knieoperation irrtümlich am falschen Bein begonnen, so sind ein frühzeitiges Zunähen der Wunde, ein freundliches "Pardon" und ein Neustart auf der richtigen Seite dem unauffälligen "Durcharbeiten" über Oberschenkel, Leiste und kleines Becken auf das gegenüberliegende Knie vorzuziehen.

Ehrlichkeit und das Eingestehen von Fehlern wären also angesagt. Auf der anderen Seite sollte man den Patienten im Zuge einer Endoskopie auch nicht mit einem verwunderten "Wo bin ich denn da gelandet?" zu sehr verunsichern.

Man kann nur aus Fehlern lernen, wenn sie auch als solche erkennbar sind. Den Gepflogenheiten im Flugverkehr nachempfunden, kann eine Fehlermeldestelle anonym den Kollegen die Möglichkeit geben, die eigenen Fehler zu posten, damit die anderen daraus lernen können. Wenn ein Pilot seinen Erfahrungsschatz weitergibt - etwa, dass es nicht klug war, in Frankfurt-Hahn nicht voll aufzutanken, um auf dem Weg das Kerosin um zwei Cent billiger zu erstehen - so wird dies in einem Register festgehalten. Andere können daraus lernen und gleich das billigere Heizöl tanken.

Und da wir Mediziner gerne Anregungen anderer Berufsgebiete aufgreifen und viele Techniken von Psychologen, Fleischern und Freistil-Ringern in unser Repertoire integriert haben, wollen wir auch hier die Größe zeigen, um durch das Geständnis fachlicher Unpässlichkeiten der Nachwelt behilflich zu sein.

Die so erstellte Datenbank zeigt, dass sich Fehler mit einfachen prophylaktischen Maßnahmen vermeiden lassen. Bitte also die Harnproben nicht unbeschriftet im Dienstzimmer-Kühlschrank lagern. Keine Zigarettenpausen vor dem Sauerstoffgerät. Eine gewisse Empathie ist gerade bei schwer kranken Patienten angezeigt, von Händchenhalten während der Defibrillation ist jedoch abzuraten. Auch sollten keine allzu stark bröselnden Kekse während einer Operation bei offenem Thorax verspeist werden.

Zweimaliges Nachdenken ist vor der Punktion einer verdächtigen flüssigkeitsgefüllten Schwellung über dem Schambein angezeigt. Und alleine das Vorliegen eines Null-Linien-EKGs ist noch lange kein Zeichen für einen Exitus, solange sich der Patient gegen die Abschiebung auf die Pathologie wehrt.

Also bitte, liebe Kollegen, geniert euch nicht, die passierten Fehler laut in die Welt hinauszuschreien. Damit es die Nachwelt hören möge. - Und die Rechtsanwälte.

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Dr. Ronny Teutscher

Er ist Arzt und ein in Österreich bekannter Kabarettist, der als "Insider" den Irrgarten Gesundheitswesen auf die Schippe nimmt: Dr. Ronny Teutscher hat bei seinen grenzüberschreitenden Auftritten eine Kernerfahrung gemacht: Die Deutschen lachen über die gleichen Absurditäten wie die Österreicher! In einer Kolumne der "Ärzte Zeitung" analysiert er "NebenWirkungen" des Medizinbetriebs.

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