Apotheker plus, 22.01.2010

Grusel auf hohem Niveau

Giftkammer, Herzen in Formaldehyd und die Amputationssäge sind -wegen des Gruseleffekts - Publikumsmagnete der historischen Sammlung der Universität Kiel.

Von Dirk Schnack

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Haben Sie auch einen Herzinfarkt oder eine Raucherlunge? Wenn Eva Fuhry Besucher durch die pathologische Sammlung der mehr als 500 Feuchtpräparate im Keller führt, ist sie auf solche Frage vorbereitet. Den Herzinfarkt gibt es tatsächlich in Formaldehyd, die Raucherlunge nicht. Die Sammlung ist ein Teil der Pharmazie- und Medizinhistorischen Sammlung der Universität Kiel. Über 5000 Ausstellungsstücke sind darin zu sehen, der Gesamtbestand ist rund zehn Mal so groß.

Ausstellungsstücke von der Antike bis in die Moderne

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Über 5000 Ausstellungsstücke zeigt die Kieler Sammlung, darunter auch skurrile alte Geräte wie eine eiserne Lunge zur Beatmung aus den 50er Jahren. © di

Fuhry ist wissenschaftliche Leiterin der Sammlung. Sie und ihre Mitarbeiter sind gerade dabei, das umfangreiche Magazin zu sichten und neu zu dokumentieren. Von der römischen Kaiserzeit bis ins 20. Jahrhundert reichen die Zeiten, aus denen die Geräte und Instrumente in der Sammlung stammen. Das Spektrum ist so breit wie die Tätigkeit der Heilberufe Arzt und Apotheker: Eine Apotheke aus dem 19. Jahrhundert nebst Giftkammer, ein Apothekerlabor, Röntgeneinheiten, eine eiserne Lunge sind dort zu sehen. Die Besucher interessieren häufig die Geräte und Instrumente, die wegen ihrer Ausmaße oder ihres Aussehens Erstaunen hervorrufen. So sorgen etwa die Amputationssägen bei den Besuchern stets für ein Schaudern.

Dass manche Menschen die Sammlung gerade deswegen weiterempfehlen, bewertet Fuhry so: "Wir profitieren von diesem leichten Gruseleffekt, wollen die Sammlung aber nicht darauf reduzieren." Viele Menschen äußern beim Betrachten der Exponate aber auch Erleichterung darüber, dass der medizinische Fortschritt ihnen eine Behandlung mit diesen Geräten erspart. Weniger alte Geräte sorgen besonders bei älteren Mitmenschen für freudige Überraschung, weil diese sie manchmal an ihre Kindheit erinnern. Insgesamt schauen sich pro Jahr rund 6000 Besucher die in den 80er Jahren gegründete Sammlung an.

Dass Kiel als eine der wenigen Städte in Deutschland eine solche Sammlung beherbergt, hat der Norden dem Schweizer Ehepaar Rolf und Danuta Stäheli zu verdanken. Das hatte damals ein Zeitungsinserat aufgegeben, weil es seine medizinhistorische Sammlung verschenken wollte. Der damalige Lehrstuhlinhaber des Kieler Instituts für Medizingeschichte, Professor Jörn Henning Wolf, nutzte die Chance - die Objekte aus Zürich bildeten den Grundstock für die heutige Sammlung.

Arztpraxis und Offizin zeigen den Arbeitsalltag von Kollegen

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Über 5000 Ausstellungsstücke zeigt die Kieler Sammlung, darunter auch skurrile alte Geräte wie eine eiserne Lunge zur Beatmung aus den 50er Jahren. © di

Fuhry, die seit 2004 in Kiel arbeitet, schätzt an der Sammlung besonders die geschlossenen Ensembles wie die Einrichtung der Lübecker St. Jacobi-Apotheke oder die einer Internistenpraxis aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Das Sprechzimmer der Praxis, das Schild weist einen Dr. Reimers als Inhaber aus, wirkt, als hätte es der Arzt gerade erst verlassen.

Das Zimmer zeigt, womit Ärzte in früheren Jahren ausgekommen sind: einer Waage, einer Liege, einer Röntgenanlage, Labor und Elektrotherapie sowie umfangreichem Instrumentarium. Apotheker dürften sich auch für die Ausstellungsstücke aus der vorindustriellen Arzneimittelherstellung interessieren. Zu den besonderen Schätzen zählen ein niederländisches Heilpflanzen-Herbarium von 1684. Ausstellungsstücke wie diese sorgen dafür, dass die Sammlung zunehmend an Bekannt- und Beliebtheit gewinnt.

Besuchertipp

Neben Objekten aus den Bereichen Medizin und Pharmazie liegt ein Schwerpunkt der Sammlung auf wichtigen Zeugnissen der Geschichte der Kieler Unikliniken und Pharmazeutischen Institute sowie der Medizin- und Pharmaziegeschichte Schleswig-Holsteins.

Brunswiker Str. 2, geöffnet: Di-Fr 10 bis 16 h, So 12 bis 16 h, Eintritt: drei Euro, www.med-hist.uni-kiel.de

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