Ärzte Zeitung, 10.03.2011

Viele Orchestermusiker kriegen Hörschäden

Orchestermusiker brauchen ein gutes Gehör - doch genau das leidet im Laufe der Berufsjahre unter Lärm. Im Gegensatz zu vielen Kollegen aus der Popbranche tragen klassische Musiker oft keinen Hörschutz.

JENA (dpa). Fast jeder dritte Orchestermusiker hört nach zehn Jahren im Beruf deutlich schlechter. Besonders betroffen seien Streicher und Bläser, sagte die Medizinerin Dr. Edeltraut Emmerich vom Uniklinikum Jena.

"Es mag schwer vorstellbar sein, doch die Flötistin an der Piccoloflöte ist einem Lärmpegel ausgesetzt, der dem einer Kreis- oder Motorsäge entspricht." In Jena tagt seit gestern die Deutsche Gesellschaft für Audiologie. Etwa 500 Ärzte, Ingenieure, Hörtechniker und Pädagogen beschäftigen sich dort mit gesundheitlichen Folgen von Lärm.

Emmerich, die das Hörlabor am Universitätsinstitut für Physiologie leitet, forscht zu Schäden durch Berufslärm. Nach ihren Beobachtungen schützen sich Musiker in Sinfonieorchestern kaum vor Lärm durch ihre Instrumente - anders als Popmusiker, die immer häufiger einen Hörschutz trügen.

"Orchestermusiker sagen meist, ein Hörschutz beeinträchtige sie. Aber häufig ist das auch eine Geldfrage." Dabei könne Schwerhörigkeit für Berufsmusiker erhebliche wirtschaftliche Folgen haben. Anders als in der Schweiz werde Schwerhörigkeit bei Musikern in Deutschland nicht als Berufskrankheit anerkannt.

Durch Lärm am Arbeitsplatz verursachte Schwerhörigkeit ist eine der häufigsten Berufskrankheiten. Die Berufsgenossenschaften hätten jährlich rund 35 Millionen Euro allein an Entschädigungsleistungen für betroffene Arbeitnehmer zu leisten, sagte Emmerich.

Besonders lärmgefährdet sind nach ihren Angaben Arbeiter in der Stahl- und Autoproduktion, in Brauereien, der Holzwirtschaft und Orchestermusiker. Auch Zahnärzte, Beschäftigte in Diskotheken und Bars sowie Lehrer und Kindergärtnerinnen seien einer überdurchschnittlichen Geräuschkulisse ausgesetzt. Ob auch Geräusche durch Bürocomputer das Gehör schädigen könnten, werde noch erforscht.

Lärm beginnt ab einem Lautstärkepegel von etwa 85 Dezibel, für gesundheitliche Auswirkungen ist vor allem die Lärmdauer entscheidend. Neben der Schwerhörigkeit als Folge von Schädigungen der Haarzellen am Innenohr, die für den Hörsinn verantwortlich sind, beeinträchtigt Lärm nach Beobachtungen der Fachleute auch Blutdruck, Herz und Kreislauf sowie die Psyche.

"Dies ist besonders dann der Fall, wenn ein Geräusch als unangenehm empfunden wird und man ihm nicht entfliehen kann." In Deutschland leiden nach Schätzungen bis zu 17 Millionen Bundesbürger unter lärmbedingter Schwerhörigkeit.

www.dga-ev.com

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