Ärzte Zeitung, 28.03.2013
 

"Doc Family"

Ein Praxisteam für die ganze Familie

Von der Wiege bis zur Bahre, so weit reicht das Patientenspektrum des Wolfratshausener Hausarztes Dr. Wolfgang von Stotzingen. Oft ist er für Patienten der einzige Ansprechpartner.

Von Antonia von Alten

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Der Praxischef mit zwei Ärztinnen und den MFA. Vor 25 Jahren hat sich Dr. Wolfgang von Stotzingen in Wolfratshausen niedergelassen.

© privat

WOLFRATSHAUSEN. In Starnberg sind die Grundstücke teuer und die Ärztedichte hoch. In manchen Praxen ist die Hälfte der Patienten privat versichert.

Doch schon 20 Kilometer entfernt sieht es anders aus. Hausarzt Dr. Wolfgang von Stotzingen praktiziert in Wolfratshausen und hat in seiner Praxis gerade mal 15 Prozent Privatpatienten.

Auf seiner Visitenkarte steht "Doc Family", ein Arzt für die ganze Familie vom Neugeborenen bis zum sterbenden Urgroßvater. Er kennt die Nöte der alten Menschen, die von ihren Kindern zu Hause gepflegt werden.

Und er kennt die Belastung der pflegenden Kinder, die selbst schon über 50 Jahre alt sind. Immer wieder kommen sie wegen Bagatellen zu ihm in die Praxis. Der eigentliche Grund: Sie wollen über ihre Eltern sprechen.

1988 hat sich von Stotzingen als Hausarzt niedergelassen. Damals gab es in Wolfratshausen 30 Ärzte, von Stotzingen war der 31. Frisch verheiratet startete er damals mit seiner Frau als Arzthelferin.

Nach drei Jahren hatte er schon 1600 Scheine. Die Zahl der Patienten wuchs im Laufe der Jahre, für einen Arzt allein war die Arbeit kaum zu bewältigen.

1991 gründete er mit der praktischen Ärztin Dr. Sabine Toms eine Gemeinschaftspraxis.

Lehrpraxis der Universität München

Die Zahl der Patienten stieg weiter. 2007 trat das neue Vertragsarztrecht in Kraft und ermöglichte es dem Hausarzt, im Jahr 2010 eine weitere Kassenzulassung zu kaufen und Dr. Barbara Kolligs anzustellen.

Seit 2004 ist die Praxis Lehrpraxis der Universität München und wird von Weiterbildungsassistenten unterstützt. Vier MFA und eine Sozialpädagogin gehören zum Team. Die Zahl der Patienten liegt jetzt bei 2100.

Lebenslanges Lernen hat sich von Stotzingen auf die Fahnen geschrieben. Im Laufe seiner jetzt 25-jährigen ärztlichen Tätigkeit hat der 58 Jahre alte Arzt eine Zusatzausbildung nach der anderen absolviert: Er ist Facharzt für Allgemeinmedizin, mit Zusatzausbildungen in Homöopathie, Akupunktur, Gefäß- und Enddarmerkrankungen, Schmerztherapie und in Palliativmedizin.

Die Arbeitsatmosphäre in der Praxis ist sehr gut. Von Stotzingen ist kein Chef, der seine Mitarbeiter von oben herab behandelt. Er baut auf Teamarbeit und Kollegialität. Aber er gibt zu: "Ich bin strenger geworden im Laufe der Jahre."

Straffe Organisation

Eine Ersthelferin gibt es in der Praxis nicht. Dafür ist die Aufgabenverteilung im Team der fünf MFA genau geregelt.

Eine MFA betreut die Abrechnung der Privatpatienten, drei sind für das Labor zuständig, eine Mitarbeiterin ist die QM-Beauftragte.

Der Arzt weiß: "Der Empfang der Patienten ist extrem wichtig." Die ersten Minuten in der Praxis entscheiden darüber, ob ein Patient wiederkommt.

"Eine Mitarbeiterin zu entlassen, wäre für mich das Allerletzte", gesteht von Stotzingen. Aber: "Wir können auch keine neuen Mitarbeiterinnen einstellen."

In den vergangenen Jahren haben zwei Teilzeit-MFA altershalber die Praxis verlassen, die beiden Stellen wurden nicht wieder besetzt. Stattdessen setzt der Praxischef auf straffe Organisation. "Je besser wir organisiert sind, desto erfolgreicher ist unsere Praxis."

Im Wartezimmer liegen Lesebrillen

Neue Patienten bekommen in seiner Hausarztpraxis einen Willkommensumschlag, in dem die Praxisabläufe beschrieben sind. Im Wartezimmer gibt es auf Wunsch eine Tasse Kaffee.

Für die vergesslichen Patienten, die ihre Brille zu Hause gelassen haben, liegt eine Auswahl an Lesebrillen bereit.

Die Praxis ist eine reine Bestellpraxis. "Bei uns soll kein Patient länger als 20 Minuten warten," lautet das Versprechen des Praxisteams.

Wer mit akuten Beschwerden kommt, wird selbstverständlich trotzdem behandelt. Aber: Er kann sich den behandelnden Arzt dann aber nicht aussuchen.

Ein Wartezimmer-TV läuft - ohne Ton - und informiert die Patienten über Vorsorge und IGeL. "Wir müssen Nischen abdecken", begründet von Stotzingen diese Werbung in eigener Sache.

Mit "Nischen" meint er Behandlungen, die die Kassen nicht oder nur teilweise bezahlen. Davon hat die Wolfratshausener Praxis einige im Angebot: Gesundheits-Check, spezielle Vorsorgeuntersuchungen, Raucherentwöhnung, Gewichtsreduktion, Homöopathie oder biologische Krebstherapie.

Ultraschall lohnt sich nicht mehr

Zehn bis 15 mal pro Tag bittet der Wolfratshausener Hausarzt Patienten ins Ultraschallzimmer. Von Stotzingen ist ein "Ultraschallausbilder". Doch trotz Spezialisierung schlägt sich die Sonografie genauso wenig wie die Rekto- und Proktoskopien, die von Stotzingen bei der KV abrechnen kann, nicht ausreichend auf seinen Umsatz nieder.

Die Investition in ein neues Ultraschallgerät lohnt sich da kaum mehr. Das gleiche gilt für die Hauttumorenentfernung, die der Hausarzt anbietet. Ein neuer Sterilisator müsste angeschafft werden.

Kostenpunkt: 5000 Euro. Bei zwei bis drei Euro Honorar pro Operation rechnet sich das für ihn nicht mehr. Auch Einmalbesteck ist keine Alternative. Es kostet 2,50 Euro.

Die Folge wird sein: Bestimmte Kassenleistungen kann von Stotzingen künftig nicht mehr kostendeckend anbieten.

Schon länger führt er keine Ohrspülungen mehr durch, sondern überweist die Patienten zum HNO-Arzt, als nächstes wird er wohl die Hauttumorenentfernungen streichen und die Patienten zum Dermatologen überweisen.

Patienten und Praxis zusammengewachsen

"Jede Honorarreform ist bisher ein Rückschritt für uns Ärzte gewesen", stellt von Stotzingen fest. "Die besten Zeiten waren vor 20 Jahren."

Doch Resignation ist nicht seine Sache. Schließlich ist er Hausarzt, weil er die Menschen liebt und ihnen helfen will.

Zum Beispiel mit Hausbesuchen. Die Kostenerstattung ist dabei nicht rentabel. Trotzdem gehören sie zu den Lieblingstätigkeiten des Wolfratshausener Arztes.

Ein Besuch bei einem sterbenden Krebspatienten, bei einer Witwe, die über den Tod ihres Mannes nach 60 Ehejahren nicht hinwegkommt und körperlich immer mehr abbaut, bei einer depressiven Frau, die mit ihrem behinderten Sohn alleine lebt. "Für viele ist mein Besuch der einzige Besuch in dieser Woche."

Die Patienten und seine Praxis sind im Laufe der Jahre zu einer großen Familie zusammengewachsen. Das bekam Dr. von Stotzingen zu spüren, als seine Ehefrau an Krebs erkrankte. "Wir haben so viel Zuspruch bekommen, das war eine große menschliche Unterstützung für meine Frau und mich."

Von Stotzingen schätzt es sehr, Freiberufler zu sein: "Ich habe keinen Chef, ich kann meine Zeit frei einteilen, ich muss nicht um meine Arbeitsstelle bangen."

Trotz aller Einschränkungen, die der Hausarzt-Beruf in den vergangenen Jahren erlebt hat,kann sich von Stotzingen einen anderen Beruf als "Doc Family" für die ganze Familie zu sein, kaum vorstellen.

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