Ärzte Zeitung, 15.01.2014

Gekürt

"Sozialtourismus" ist Unwort des Jahres 2013

DARMSTADT. "Sozialtourismus" ist das "Unwort des Jahres 2013". "Von einigen Politikern und Medien wurde gezielt Stimmung gegen unerwünschte Zuwanderer, insbesondere aus Osteuropa, gemacht", begründete die Jury unter Vorsitz der Sprachwissenschaftlerin Nina Janich am Dienstag in Darmstadt die Wahl.

"Dies diskriminiert Menschen, die aus purer Not in Deutschland eine bessere Zukunft suchen, und verschleiert ihr prinzipielles Recht hierzu."

Für das "Unwort" gingen 1340 Einsendungen ein, weniger als in den beiden Jahren davor. Die Jury besteht im Kern aus vier Sprachwissenschaftlern und einem Journalisten. Zum "Unwort des Jahres 2012" war "Opfer-Abo" gewählt worden, 2011 "Döner-Morde".

"Supergrundrecht" am häufigsten genannt

Die "Unwort"-Aktion gibt es seit 1991. Auch dieses Jahr wählte das Gremium einen Begriff, der nicht oft vorgeschlagen worden war. "Sozialtourismus" war dreimal genannt worden, "Opfer-Abo" für 2012 nur einmal.

Am häufigsten genannt wurde für 2013 mit 45 Vorschlägen "Supergrundrecht" - eine Bezeichnung, die während der NSA-Abhöraffäre der damalige Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich gebraucht hatte.

Der CSU-Politiker vertrat die Ansicht, für Deutsche sei Sicherheit ein extrem wichtiges Recht, ein "Supergrundrecht". Es stehe höher als andere Grundrechte.

Der Ausdruck "Sozialtourismus" gehöre zu einer Gruppe weiterer Unwörter, die diese Stimmung befördern wie etwa "Armutszuwanderung", sagte Janich weiter. "Sozialtourismus" ist fast das gleiche wie "Armutszuwanderung".

"Sozialtourismus" treibt die Unterstellung einer böswilligen Absicht jedoch auf die Spitze." Mit dem Begriff "Armutszuwanderung" bezeichnet die CSU gering qualifizierte Migranten, die nach ihrer Einschätzung vor allem Sozialleistungen in Anspruch nehmen wollen, aber kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben.

Den Begriff "Sozialtourismus" hat laut Jury jetzt Staatssekretär Günter Krings (CDU) aus dem Bundesinnenministerium neu in Umlauf gebraucht.

Linke: Begriff ächten

Der Bundesgeschäftsführer der Linken, Matthias Höhn, forderte den Begriff "Sozialtourismus" in der politischen Debatte zu ächten. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) begrüßte die Entscheidung der Jury.

Neben der unabhängigen Jury mit ihrer Sprecherin in Darmstadt wählt davon getrennt die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden das "Wort des Jahres".

Für 2013 wurde im Dezember das Schlagwort "GroKo" bekanntgegeben. Der Kurz-Begriff für die große Koalition in Berlin charakterisiere am besten das zu Ende gehende Wahljahr. (dpa)

Topics
Schlagworte
Panorama (33242)
Personen
Hans-Peter Friedrich (35)
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich
[15.01.2014, 09:56:47]
Dr. Ernst Weiland 
Orwell lässt grüßen
Wieder eine Initiative des politisch-medialen Komplexes, der die treffende und allgemein verständliche Benennung von Missständen verhindern soll und die politische Leugnungs- und Ignoranzstrategie hinsichtlich gesellschaftlicher Probleme unterstützt.

Indem Begrifflichkeiten verboten werden, wird es den Menschen schwer bis unmöglich gemacht, Probleme zu definieren und Kritik zu äußern. Diese Methode ist dem Neusprech aus Orwells 1984 gleichzusetzen: Gedankenkontrolle und Umerziehung.

Ich hoffe nur, dass sich nicht viele Leute durch diesen gefährlichen Unsinn beeindrucken lassen. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Schmerzloses Impfen per Pflaster

Forscher arbeiten an Impfpflastern, mit denen sich Vakzinen schmerzfrei applizieren lassen, ganz ohne Nadel. Die Pflaster haben viele Vorteile und könnten für höhere Impfraten sorgen. mehr »

Paul Ehrlich-Preis für Forschung zu Proteinfaltung

Für ihre Forschung zu Chaperonen erhalten Franz-Ulrich Hartl und Arthur L. Horwich den Paul Ehrlich-Preis 2019. Ihre Erkenntnisse könnten für neue Therapien bei neurodegenerativen Erkrankungen eingesetzt werden. mehr »

Ärzte sehr enttäuscht über Brexit-Votum

Das britische Parlament hat das von Premierministerin May ausgehandelte Brexit-Abkommen mit der EU abgeschmettert. Ärzte und Pharmabranche zeigen sich enttäuscht – und fordern endlich Klarheit. mehr »