Ärzte Zeitung App, 02.09.2014

Bangkok

Geburtshelfer im Stau

Wenn die Wehen kommen, muss es schnell gehen - doch in Bangkoks Staus bleiben auch werdende Mütter stecken. Deswegen werden Polizisten als Hebammen geschult.

Von Bill Bredesen

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Polizist Mana Jokoksung auf einem Motorrad. Eine spezielle Einheit der Polizei Bangkok hilft, wenn Babys im Stau auf die Welt kommen. Jokoksung war bei mehr als 50 Geburten dabei.

© Bill Bredesen / dpa

BANGKOK. Jetzt zählt jede Minute: Bei Tagesanbruch setzen bei der 23 Jahre alten Noppamas Phinsoongnern die Wehen ein. In Windeseile alarmiert sie ihren Freund Phongsatorn Kamsom. Raus aus der Wohnung, rein in ein Taxi, das sie rasch in ein nahe gelegenes Krankenhaus bringen soll.

Doch die überfüllten Straßen Bangkoks machen ihnen einen Strich durch die Rechnung. Schon um sechs Uhr morgens liegt der Verkehr lahm - und das Baby kommt.

"Ich wusste nicht, was ich tun sollte", erinnert sich der 20-jährige Phongsatorn. "Ich geriet in Panik und rief den Notruf an." Ruhigbleiben, der Doktor sei auf dem Weg, sagt die Stimme am Telefon. Zur gleichen Zeit knackt das Funkgerät von Polizeiveteran Mana Jokoksung, der gerade in einem anderen Teil der Stadt den Berufsverkehr leitet.

Er erhält den Auftrag für einen Einsatz der etwas anderen Art. Mana fackelt nicht lange, steigt auf sein Motorrad, wirft Sirene und Blaulicht an und rast zum festsitzenden Taxi mit der schwangeren Frau.

Spezialeinheit für Notfälle

Polizist Mana gehört zu einer Spezialeinheit, die 1993 vom thailändischen Königspalast mit einer Finanzspritze von umgerechnet etwa 190 000 Euro gegründet wurde. Diese Polizisten werden für medizinische Notfälle in Bangkoks Verkehr geschult.

Eine der Hauptaufgaben ist die Geburtshilfe im stockenden Verkehr. Die Idee: Wenn es darauf ankommt, sind Polizisten schneller als die Rettungssanitäter am Einsatzort.

In der Acht-Millionen-Metropole Bangkok sind Staus meist unvorhersehbar. Das kann einen Arbeitsweg von normalerweise 20 Minuten zu einer stundenlangen Fahrt machen. "Wenn es sein muss, fahren wir auf den Gehwegen oder gegen die Fahrtrichtung", erklärt Mana. "Wir tun alles, damit wir so schnell wie möglich am Einsatzort sind."

In den vergangenen Jahren kamen mit Hilfe der Polizisten insgesamt 121 Babys auf die Welt, mehr als 2600 in den Wehen liegende Frauen wurden durch die verstopften Straßen in ein Krankenhaus eskortiert.

Denn die Polizisten dürfen nur Hebammenarbeit leisten, wenn das Krankenhaus nicht rechtzeitig erreicht wird. So helfen sie dabei, dass ein bis zwei Babys im Monat heil das Licht der Welt erblicken.

Geburtshilfe-Set im Motorradkasten

Beim Taxi angekommen, holt Mana ein Geburtshilfe-Set aus seinem Motorradkasten, zieht sich Gummihandschuhe an und unterstützt die angehende Mutter bei der Geburt - es wird ein gesunder Junge.

Es war Manas 56. Einsatz dieser Art, was ihn zu einem der erfahrensten Geburtshelfer der Spezialeinheit macht. "Als ich den Polizisten sah, habe ich mich erleichtert und sicher gefühlt", sagt Phongsatorn.

"Ich habe mir Sorgen um das Baby gemacht. Und war verblüfft, wie er die Geburt gemanagt hat. So etwas habe ich noch nie erlebt." Ein großes Problem bei den Auto-Geburten sind in der Regel die vielen Schaulustigen. Die Polizisten müssen sie häufig zurückdrängen, um die Privatsphäre der Mutter zu wahren.

Bei den meisten Geburten am Straßenrand gehe es um Frauen, die ihr zweites oder drittes Kind bekommen, berichten die Beamten. Oder es handele sich um Migranten aus der Arbeiterschicht, die nur im Notfall in ein Krankenhaus gehen. Gerade am Anfang hätten viele Polizisten noch Berührungsängste in ihrer neuen Rolle als Geburtshelfer. Das weiß Mana aus eigener Erfahrung.

"Die ersten Male konnte ich meine Handschuhe kaum anziehen, weil ich so gezittert habe", erinnert sich der Polizist mit 17 Jahren Berufserfahrung. "Mein Herz hämmerte so, als würde es explodieren." Ab dem fünften Einsatz sei die Nervosität dann weniger geworden.

Kein Wunder, schließlich gebe es auch eine Belohnung: Der Jubel der zuschauenden Menschen, wenn das Neugeborene zum ersten Mal schreie. Das junge Pärchen, dessen Baby mit Manas Hilfe im Juni zur Welt kam, dachte sich etwas ganz besonderes aus. Es gab seinem Sohn den schlicht den Kosenamen "Tax", als Kurzform von Taxi. (dpa)

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