Ärzte Zeitung, 07.11.2014

25 Jahre Mauerfall

"Die Mauer geht auf? Damit macht man keine Witze!"

Dr. Manfred Richter-Reichhelm war gerade Chef der KV Berlin geworden, als am 9. November 1989 die Mauer fiel. In einem Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" erinnert er sich an turbulente Zeiten.

Das Interview führte Angela Mißlbeck

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Endlich erstürmt: das Symbol der Trennung, die Mauer zwischen Ost- und Westberlin.

© dpa

Ärzte Zeitung: Das Jahr 1989 ist in die Geschichte eingegangen als das Jahr des Mauerfalls. Auch in Ihrer persönlichen Geschichte spielt 1989 eine besondere Rolle. Sie wurden in diesem Jahr zum Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin gewählt. Wie haben Sie als Arzt in West-Berlin dieses historische Ereignis erlebt?

Richter-Reichhelm: Am Abend des 9. November kam ich als KV-Vorsitzender zu einer Vertreterversammlung in das alte Gebäude der Kassenärztlichen Vereinigung in der Bismarckstraße. Über die stattliche 50er-Jahre-Wendeltreppe kam mir unsere Sekretärin Frau Grewe entgegen und sagte: "Die Mauer geht auf." Ich entgegnete: "Damit macht man keine Witze." Sie sagte: "Nein, nein, es ist wirklich so." Und doch sind wir dann alle in unseren Sitzungssaal gegangen.

Die Vertreterversammlung hat einfach getagt als wäre nichts geschehen?

Richter-Reichhelm: Ja, wir haben ganz normal mit der Vertreterversammlung begonnen. Das ging immer um 20.30 Uhr los. Zu diesem Zeitpunkt hat noch keiner daran geglaubt, dass sich da wirklich etwas rührte. Aber während der Sitzung wurde es immer wahrscheinlicher, konkreter und schließlich sicher. Und trotzdem - das ist der Treppenwitz des Jahrhunderts - haben wir die Vertreterversammlung, in der es um nichts Weltbewegendes ging, zu Ende geführt - wie immer bis etwa 23.30 Uhr. Wir haben brav "business as usual" gemacht, und sind nach Hause gegangen. Heute sage ich: Wie konnten wir so bekloppt sein?!

Wie ging es in Ihrer urologischen Praxis am Tag danach zu? Haben Sie ganz normal gearbeitet?

Richter-Reichhelm: Ich kann mich nicht daran erinnern, dass da irgendwelche Besonderheiten waren. Es gab weder einen großen Ansturm, noch sind die Patienten weggeblieben. Von meinen Mitarbeiterinnen hat auch keine blau gemacht. Wir haben Dienst gemacht wie immer.

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Dr. Manfred Richter-Reichhelm

© privat

Jahrgang 1942.

Facharzt für Urologie, in Berlin niedergelassen ab 1974.

1. Vorsitzender der KV Berlin von 1989-1992 und von 2000-2004.

1. Vorsitzender der KBV von 2000 bis 2004.

Ärztliche Arbeit 2004 beendet, später Verkauf der Praxis.

Was ist Ihnen aus den ersten Tagen nach dem Mauerfall am eindrücklichsten in Erinnerung?

Richter-Reichhelm: Eindeutig die persönlichen Begegnungen. Am Nachmittag des 10. November hatte ich eine Fortbildung in der Nähe des Kudamms. Weil davor gewarnt wurde, mit dem Auto in die Innenstadt zu fahren, ließ ich es außerhalb stehen und bin zu Fuß hingelaufen. Nach der Fortbildung sind wir in eine Kneipe in der Fasanenstraße gegangen. Doch dort waren wir nur unter Wessis.

Irgendwann aber lugten ein paar Leute schüchtern herein. Uns war klar, das waren Leute "von drüben". Die wollten gleich wieder gehen, aber wir haben sie eingeladen, mit ihnen gegessen und getrunken und die halbe Nacht durch gefeiert. Ein Pärchen aus dem Speckgürtel habe ich dann schließlich mit nach Hause genommen. Sie wollten nicht nach Hause fahren, sondern bis zum nächsten Morgen auf ihr Begrüßungsgeld warten.

Sie haben auf den Sofas im Wohnzimmer übernachtet. Der Kontakt zu dem jungen Mann, einem Handwerker, hat noch eine ganze Weile angehalten. Unsere drei Kinder haben Mund und Ohren aufgesperrt, was er so erzählte. Sehr schön und spannend waren die persönlichen Kontakte zu Ärzten aus Ostberlin und dem Speckgürtel. Mit denen trafen wir uns beim KV-Italiener Puccini und gaben ihnen nebenbei auch schon Tipps, wie man aus der Poliklinik in eine freie Praxis umsteigen kann.

Sie haben als Funktionär das Zusammenwachsen der gesundheitspolitischen Strukturen in Ost und West begleitet. Was haben Sie dabei erlebt?

Richter-Reichhelm: Sehr früh haben wir die Ostberliner Kolleginnen und Kollegen zusammen mit der Apobank in unseren Sitzungssaal eingeladen. Der war brechend voll.

Die Besucher saßen auf dem Boden und hingen an unseren Lippen, um zu erfahren, wie wir Niedergelassenen unsere Praxen machen. Das war eine sehr spannende Zeit. Unser Vorstand ist dann auch in die Ostberliner Bezirke gegangen, hat die Polikliniken besucht und dort das Wessi-System erklärt.

Wie kam das an?

Richter-Reichhelm: Die Kolleginnen und Kollegen, die mit uns Kontakt aufnahmen, waren natürlich nicht die Fahnenträger des Ost-Systems, sondern sie erhofften sich ein freieres ärztliches Tun. Insofern waren da eine große Neugierde und Erwartung und auch die Hoffnung auf Hilfe. Und die haben wir - die einzelnen Ärztinnen und Ärzte in West-Berlin - auch erfüllt.

Wie hat die KV Berlin das gemeistert?

Richter-Reichhelm: Mit dem Einigungsvertrag waren wir zuständig für die ambulante Versorgung in Berlin Ost. Das musste erst einmal organisiert werden. So hatten wir mit unserem Funk überhaupt keine Möglichkeit, unseren fahrenden Notdienst auf den Osten auszudehnen.

Nach einigen Notlösungen konnten wir über Kontakte zu Ostberliner Ärzten Räume im heutigen Wirtschaftsministerium in der Invalidenstraße für unsere Funkzentrale mieten.

Bei der Besichtigung des Gebäudes, der alten Pépinière, die in der DDR als Krankenhaus genutzt wurde, bekamen wir auch eine Babybadewanne aus Marmor zu sehen. Darin sollen Honeckers Enkelkinder gebadet worden sein, wenn sie ins Krankenhaus mussten.

Was hat das in Ihnen ausgelöst?

Richter-Reichhelm: Einerseits Schmunzeln, andererseits aber auch Groll darüber, dass die Herrschenden auch im DDR-System auf der Speckseite saßen.

Was waren denn die größten Herausforderungen beim Zusammenwachsen des Gesundheitswesens von Ost und West?

Richter-Reichhelm: Es ging zunächst darum, dass die Krankenkassen Geld für die ambulante Versorgung im Osten zur Verfügung stellen mussten. Das hat Ulrich Oesingmann, damals KBV-Vorsitzender, zusammen mit unserem Hauptgeschäftsführer Rainer Hess exzellent gemanagt.

Und die Krankenkassen haben unbürokratisch Pauschalbeträge zur Verfügung gestellt, die nach einem Schlüssel verteilt worden sind. Unmut gab es dennoch über die ungleiche Bezahlung. Die Ärzte im Osten bekamen weniger für ihre einzelnen Leistungen. Das war am Anfang schon eine große Klippe, die bis heute noch nicht ganz umschifft worden ist.

Wie löste die KV Berlin das Problem?

Richter-Reichhelm: Die Westberliner Ärzte haben für die Ostberliner Kollegen auf Geld verzichtet. Sie haben beschlossen, dass die Gesamtvergütung Ost und West zusammengeworfen werden und ein einheitlicher Punktwert festgelegt wird. Das hat mir sehr imponiert, dass die Wessis damals rund zwölf Prozent abgegeben haben, damit die Ossis herankamen.

Das Berliner KV-Problem war, dass - obwohl dem Westkreis angehörend - die Krankenkassen die Gesamtvergütung für Gesamtberlin auf einer gewichteten und gemittelten Kopfpauschale sockelwirksam weiter entwickelt haben. Das hat uns viele, viele Millionen DM und später Euro gekostet. Der Ausgleich hat Jahrzehnte auf sich warten lassen.

Gab es in der KV Berlin auch Grabenkämpfe zwischen Jammer-Ossis und Besser-Wessis?

Richter-Reichhelm: In der Vertreterversammlung überhaupt nicht. Das halte ich auch für eine unserer größten Leistungen. Wir haben es geschafft, diesen Graben hier in Berlin nicht entstehen zu lassen. Auch die Poliklinik-Ärzte, die in der VV waren, waren integriert. Da gab es sachliche Auseinandersetzungen, aber keinen Streit.

Dies war sicher der Tatsache geschuldet, dass die Westberliner für ihre Ostberliner Kollegen auf viel Geld verzichtet haben. Als ich nach vier Jahren Pause wieder KV-Vorsitzender wurde, gab es in der VV immer eine Art automatischen Proporz zwischen Ost und West. In den acht Jahren, die ich dann KV-Vorsitzender war, hatten wir Hausarzt-Facharzt-Probleme und Facharzt-Psychotherapeuten-Probleme, aber niemals gab es Ost-West-Probleme. Niemals.

Stichwort Polikliniken. Die sind damals abgeschafft worden zugunsten der Freiberuflichkeit aller ambulant tätigen Ärzte in Ost und West. Wie erscheinen Ihnen diese Schritte aus heutiger Perspektive?

Richter-Reichhelm: Wir haben das Problem damals sehr wohl gesehen. Ich hatte immer Verständnis dafür, dass ältere Kollegen in DDR-Polikliniken nicht bereit waren, einen Kredit aufzunehmen und sich niederzulassen. Daher wollten wir es möglich machen, dass die, die angestellt bleiben wollten, das auch konnten.

Wer sich aber in den Räumen der Poliklinik niederlassen wollte, sollte vom Senat einen Mietvertrag erhalten. Damals haben wir - wenn Sie so wollen - das System der heutigen Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) schon angedacht. Wir wollten, dass die Einrichtungen als ein Ärztehaus mit mehr wirtschaftlicher Verantwortung der Ärzte, erhalten bleiben - mit angestellten und niedergelassenen Ärzten unter einem Dach. Das wollte aber der Berliner CDU-Senat nicht.

Vieles ist inzwischen relativiert. Es gibt immer mehr MVZ und mehr als 20.000 angestellte Ärzte im ambulanten Bereich. Hätte man schneller und mehr vom Osten lernen sollen?

Richter-Reichhelm: Diese Entwicklung war damals nicht abzusehen. Darüber herrschte damals schon ein Glaubenskrieg. Die einen sagten, mit einer vernünftigen Finanzausstattung kann man in Polikliniken auch vernünftige Medizin machen. Die anderen warnten, dass das Poliklinik-System die Arbeitsmoral verdirbt.

Deshalb haben wir in den KVen immer die Tätigkeit in freier Praxis angestrebt. Als Pragmatiker wollte ich aber auch denen, die lieber angestellt arbeiten, die Möglichkeit dazu lassen. Inzwischen zeichnet sich eine ganz andere Problematik ab. Ärzte, die altersbedingt aus dem System herausgehen, werden ihre Praxen nicht mehr los. Junge Ärzte wollen sich für eine Praxis nicht verschulden.

Das führt zu einem Sinneswandel. Das Schreckgespenst MVZ ist die Institution, mit der man mit einer erfolgsabhängigen Bezahlung der angestellten Ärzte diese Probleme lösen könnte.

Was würden Sie mit dem Wissen von heute in 1989 und den Folgejahren anders machen?

Richter-Reichhelm: Aus reiner Berliner Sicht nicht sehr viel. Ich wäre vielleicht noch hartnäckiger gewesen, dass man das System der Polikliniken als Gemeinschaftshäuser mit wirtschaftlicher Verantwortung der Ärzte erhält. Und ich hätte konsequenter die Mankobeträge aus dem Ost-West-Angleich von den Krankenkassen eingefordert.

Was geben Sie den Berufspolitikern aus Ihren Erfahrungen von damals mit auf den Weg?

Richter-Reichhelm: Immer ein offenes Ohr für Probleme der anderen haben. Aber auch den anderen, also den Kritikern, würde ich etwas mit auf den Weg geben: Gut Ding braucht Weile.

Lesen Sie dazu auch:
25 Jahre Mauerfall: Wendezeit für deutsche Ärzte

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