Ärzte Zeitung online, 26.12.2014

Musik im OP

Das sind die Top-Hits für Chirurgen

Chirurgen lieben Musik bei der Arbeit, auch die Patienten profitieren von beruhigenden Klängen. Aber vor manchen Songs sollten sich die Ärzte besser hüten.

Von Thomas Müller

Das sind die Top-Hits für Chirurgen

Musik im OP kann Arzt und Patient entspannen. Aber auf die richtige Auswahl kommt es an.

© olly/fotolia.com

CARDIFF/UK. Musik wird wohl schon so lange als adjuvante Therapie gehört, wie es sie gibt. Überliefert sind etwa Harfe spielende Priester im 6000 Jahre alten Codex Haburami, dem "Halleluja für die Heiler".

Inzwischen haben Ärzte ihren Patienten natürlich weit mehr zu bieten als Kräuter und Klänge, aber allein die Tatsache, dass ein Großteil der Chirurgen Musik mit in den OP bringt, lässt ahnen, dass sie auch heute noch auf einen günstigen Einfluss einer musikalischen Untermalung setzen.

Und sei es nur, um das Skalpell mit ruhiger Hand zu halten.

Doch auch für die Patienten mag es vorteilhaft sein, wenn sie unterstützt von entspannenden Melodien in das Reich der Träume befördert oder nach der Operation von sanften Klängen wieder ins Diesseits gerufen werden.

Nach Studiendaten sollen Werke mit 60 bis 80 Takten pro Minute, was in etwa dem Ruhepuls entspricht, als präanästhetisches Anxyolytikum wirksamer sein als Midazolam, berichten Chirurgen um Dr. David Bosanquet von der Uniklinik in Cardiff (BMJ 2014; 349).

Vom "Horror der Situation ablenken"

Was wirkt, hat in der Regel auch Nebenwirkungen, und das sollte für die Musik ebenso gelten wie für Medikamente.

Die britischen Chirurgen haben daher in der Weihnachtsausgabe des "British Medical Journal" eine Playlist für den OP zusammengestellt.

Sie soll einerseits Patienten vom "Horror ihrer Situation" ablenken, wie es der US-Chirurg und musiktherapeutische Pionier Evan Kane in den 1920er-Jahren formuliert hat, andererseits aber auch Schäden verhindern, wie sie leicht durch eine unüberlegte Musikauswahl entstehen.

Folgende Songs halten sie für geeignet:

  • "Staying alive" (Bee Gees, 1977): Für die Patienten eine gute Empfehlung, wenngleich die Chirurgen John-Travolta-ähnliche Tänze dazu tunlichst vermeiden sollten. Das Lied hat zudem den Vorteil, dass es im Falle eines Herzstillstands als Metronom-Ersatz die korrekte kardiale Kompressionsrate vorgibt.
  • "Smooth Operator" (Sade, 1984): Einfach ein perfekter Feel-Good-Song, ein Muss für jede OP-Playlist
  • "Un-break My Heart" (Toni Braxton, 1996): Die ideale Aufmunterung für Herzchirurgen, lässt sich um das Versprechen "I'll Never Break Your Heart" (Backstreet Boys, 1995) ergänzen. Mitsummen verringert die Fehlerwahrscheinlichkeit.
  • "Comfortably Numb" (Pink Floyd, 1980): Wirkt mit Zeilen wie "Du fühlst dich mies. Ich kann deine Schmerzen lindern und dich wieder auf die Beine bringen" prima bei Patienten, die darauf warten, bis ihr Spinal- oder Epidural-Anästhetikum endlich wirkt. Man sollte den Song jedoch nicht oft wiederholen: Der übrige Text verleitet zu gefährlichen Innenansichten.
  • "Wake Me Up Before You Go-Go" (Wham, 1984): Darf im Aufwachraum nicht fehlen. Diesen bitte rückwärts, leicht gebeugt und fingerschnippend verlassen.

Wegen der Gefahr unerwünschter Wirkungen oder einer verzögerten Genesung absolut zu meiden:

  • "Another One Bites the Dust" (Queen, 1980): Lässt böse Vorahnungen aufkommen, ebenso "Killer Queen" (1974), wenn eine Chirurgin das Kommando hat.
  • "Everybody Hurts" (REM, 1992): Das ist dem Patienten im OP auch klar, daran muss man ihn nicht noch erinnern.
  • "Knives out" (Radiohead, 2001): Gefährlich zusammen mit dem Video. Das spielt zwar in einem OP, die Szenen und der Text dürften den Horror der Patienten aber zu ungeahnten Höhen treiben. Zudem könnte sich die Melancholie des Songs bleiern über das Team legen - die Chirurgen machen sich dann während des Eingriffs mehr Gedanken um die Bedeutungslosigkeit ihrer Existenz als um das Wohl des Patienten.
  • "Scar Tissue" (Red Hot Chilli Peppers, 1999): Trotz der tollen Riffs und Gitarrensolos - gerade plastische Chirurgen sollten darauf verzichten.
  • "Hous of Pain" (Hip Hop Trio 1991-96): Dürfte für einen nachhaltigen Analgetika-Bedarf sorgen.
[27.12.2014, 14:52:21]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Mit Musik geht alles besser"?
Das Deutsche Ärzteblatt berichtete auf
http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/39418/Reanimation-Mit-Musik-geht-alles-besser
dass der Notfallmediziner Malcolm Woollard von der Uni Coventry (GB) bereits 2009 (BMJ 2009; 339: b4707) mit einer randomisierten Studie das Erreichen der optimalen Kompressionsfrequenz von 100 bei Leitlinien-gerechter Cardio-Pulmonaler-Reanimation (CPR) mit musikalischer Unterstützung erreichen konnte. Das Kinderlied „Nellie the Elephant“ (Version von Frank Bear; Taktfrequenz 105 pro Minute) war bei 130 Studenten und Angestellten der Universität ein guter Taktgeber. Die Zielfrequenz von 95 bis 105 erreichten 32 Prozent der Probanden. Ohne Musikbegleitung waren es nur 12 Prozent. Mit der notwendigen Kompressionstiefe haperte es allerdings - die Fröhlichkeit des Kinderliedes sei die Ursache. Der Schlager „That’s the Way I like it“ von KC and the Sunshine Band fiel mit einer Trefferquote von nur 9 Prozent durch.

Eine frühere Studie hatte „Stayin’ Alive“ von den Bee Gees vorgeschlagen (Ann Emerg Med 2008; 52: S67-8). Die Popsongs "Achy breaky heart" und "Disco Science" waren bei Übungen an einer Reanimationspuppe nicht überzeugend: Die Frequenz konnte zwar erhöht, aber die empfohlene Kompressions-Tiefe nicht erreicht werden. Vielleicht müsste man eher hochfrequente "Heavy-" oder "Death-Metal"-Musik auflegen, denn Letzteren will man ja gerade besiegen. Mit flachgelegten Lautsprecherboxen und dem zu Reanimierenden oben drauf könnten die Vibrationen der Lautsprecher-Membranen wohl 5 cm Kompressionstiefe und die korrekten 100 Beats per Minute (Bpm) schaffen?
http://blog.doccheck.com/de/archive/3044-Mit-Musik-geht-alles-besser.html

Die in Hybrid-OPs vermehrt auftauchenden Internisten bräuchten wohl eine größere musikalische Bandbreite von "Heavy Metal", "Metallica", "The Doors", "Death-Metal", "Grateful Dead, "Stomp" bis "Dire Straits" als die Chirurgen?
Stentungen mit Bare-Metal-Stents (BMS) bei kardiologischer PTCA bzw. TAVI unter herzchirurgischer Bereitschaft könnten bei laufender "Metallica"-Musik besser gelingen? Softere Musik von "The Doors" wären für den Kardiologen zur Verbesserung seines 'Outcomes' bei Drug-Eluting-Stents (DES) vielleicht besser geeignet?

Für die manchmal frustrierende Arbeit auf Intensivstationen sollte man Songs von "Grateful Dead" auf positive oder negative Wirkungen untersuchen. Und was hören Orthopäden am liebsten, wenn sie im OP eine Küntscher-Marknagelung oder eine Pohl'sche Laschenverschraubung 'reinhauen'? Eher Musik von "Stomp" zur Verbesserung Ihrer Prozess- und Ergebnisqualität?

Auch für Klinikverwaltungen habe ich z. B. bei ihrem "Upcoding" der DRGs ein musikalisch zünftiges Schmankerl: Musik von den "Dire Straits", einer Gruppe, die auf Deutsch so viel bedeutet wie "Die große Pleite"!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

30 Minuten Bewegung am Tag verhindern jeden 12. Todesfall

Bewegung verlängert das Leben, das bestätigt die bisher größte Studie zum Thema. Und: Bewegung im Alltag reicht dazu schon aus, es muss kein anstrengender Sport sein. mehr »

Merkel beansprucht Führung weiter für sich

Drastische Einbußen, aber immer noch vorn: Die Wähler versetzen der Union einen Kinnhaken. Die große Koalition scheint passé. Auch die Umfrageteilnehmer der "Ärzte Zeitung" hatten bereits im Vorfeld eine neue "GroKo" abgelehnt. mehr »

Impfpflicht löst Masernproblem nicht

Eine Impfpflicht bei Masern würde ungeimpfte Erwachsene als Verursacher nicht erreichen und Skeptiker vor den Kopf stoßen. Ausbrüche sind nur mit mehr Engagement zu verhindern, so RKI-Präsident Prof. Lothar Wieler. mehr »