Ärzte Zeitung online, 09.12.2016
 

Die Lüge vom Weihnachtsmann

Schaden Eltern damit ihren Kindern?

Was geht in den Köpfen von Kindern vor, wenn sie erfahren, dass der Weihnachtsmann nicht existiert? Forscher sind sich uneinig: Ist der Mythos gut oder schlecht für die kindliche Entwicklung?

Wenn die Lüge vom Weihnachtsmann auffliegt

Lügen haben kurze Beine? Was passiert im Kinderkopf, wenn sie aufhören, an den Weihnachtsmann zu glauben?

© michele piacquadio / iStock / Thinkstock

BERLIN. Tausende Kinder in Deutschland fiebern in diesen Tagen Heiligabend entgegen. Sie schreiben Wunschzettel, zählen die Tage bis zur Bescherung. Je nach Region glauben sie, dass der Weihnachtsmann oder das Christkind Geschenke bringt und unbemerkt wieder verschwindet.

Den Glauben an die Existenz dieser Figuren vermitteln wohl die meisten Eltern ohne langes Grübeln. Doch es gibt Stimmen, die den Sinn dieses Lügenkonstrukts in Frage stellen.

Zerstört Weihnachtsmann-Mythos das Vertrauen zu Eltern?

Die Weihnachtsmann-Mär könne das Vertrauen zwischen Eltern und Kindern in Mitleidenschaft ziehen, gaben kürzlich zwei Forscher im Fachblatt "The Lancet Psychiatry" zu bedenken.

Das Auffliegen der Lüge lasse sich letztlich nicht aufhalten: "Kinder finden alle irgendwann heraus, dass ihre Eltern unverfroren über Jahre hinweg eine Lüge aufrecht erhalten haben", schreiben Christopher Boyle von der Universität Exeter (Großbritannien) und Kathy McKay von der Universität New England (Australien).

Die Seifenblase zerplatzt, wenn sich Eltern, ältere Geschwister oder Dritte verplappern. Welche Dramen sich dann abspielen, berichteten kürzlich Menschen dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB). Dort war eine traditionsreiche Kindersendung ausgestrahlt worden – modernisiert und mit leichtfertigen Aussagen der Moderatorin über elterliche Schrank-Verstecke. Für viele Zuschauer ein Skandal.

Boyle und McKay zufolge stehen Kinder in solchen Situationen vor gleich mehreren Fragen: Wenn die Geschichte mit dem Weihnachtsmann gelogen war, wo haben Mama und Papa dann noch die Unwahrheit gesagt? Feen, Zauberei, selbst Gott geraten ins Wanken.

"Der Zauber war gebrochen"

Die beiden Wissenschaftler argumentieren nicht mit erhobenem Zeigefinger. Sie erinnern sich auch an die eigene Kindheit und die große Enttäuschung, als die Illusion vom "Santa" zerplatzte: "Der Zauber war gebrochen. Vorbei war es mit der Realitätsflucht, die Kinder und Erwachsene für ein paar Monate teilen. Weihnachten war nicht mehr das gleiche."

Aber ist das Lügen wirklich schädlich für Kinder? "Die Geschichte vom Weihnachtsmann ist für kleine Kinder eher eine Bereicherung", ist der Berliner Psychologe Peter Walschburger überzeugt.

Grundsätzlich sieht er in Mythen, Märchen und Ritualen einen wohltuenden Gegenpol zur ansonsten rationalen Welterklärung. "Wir Menschen brauchen beides: aufgeklärtes Denken und Verzauberungen."

Lügen in dieser Hinsicht haben eine lange Tradition: Mit Verzauberungen der Realität hätten Menschen seit jeher zum Beispiel Heimatgefühl, Sicherheit, Trost und soziale Verbundenheit sinnlich erfahrbar gemacht.

Realität und Fiktion sind gleich

Auch moralische Standards wie Gut und Böse werden Kindern oft so vermittelt. Bis zum vierten Lebensjahr könnten sie noch nicht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden, erläutert der Wissenschaftler.

Erst danach seien sie in der Lage, die Perspektiven anderer Menschen zu verstehen. Dann verhielten sie sich zunehmend kritisch gegenüber ihren Eltern.

Wenn Kinder Ungereimtheiten wie angeblich fliegenden Rentieren auf die Schliche kommen, sei das eine Gelegenheit zum Dialog, sagt Walschburger. "Eltern könnten dann erklären, dass es eben eine Geschichte war, die aber einen wahren Kern oder eine gute Botschaft enthält."

Authentische Weihnachtsgeschichten

Für authentische Weihnachtsgeschichten anstelle von Lügen sprach sich der Religionspädagoge Albert Biesinger schon früher im Interview aus: "Ich erzähle Kindern, dass wir an Weihnachten den Geburtstag von Jesus feiern. Und weil Jesus ein so großes Geschenk von Gott an uns Menschen war, haben Mama und Papa heute auch Geschenke für Dich. Das Geschenk fällt nicht vom Himmel, das bringt auch nicht das Christkind durchs Fenster – das ist von Mama und Papa und anderen, die dich liebhaben."

Eltern, die für ihre Kinder die Illusion vom Weihnachtsmann aufbauen, haben selbst etwas davon, beobachten Boyle und McKay. Sie seien in der Lage, "in eine Zeit zurückzukehren, in der sie selbst glaubten, dass Magie tatsächlich möglich ist".

Sie werden also wieder zum Kind. Ein vergleichbarer Mechanismus stecke hinter der Begeisterung Erwachsener für Kinderbücher und -filme wie Harry Potter.

Wie viele Eltern berichten, hängen Kinder selbst sehr an den Geschichten rund um Weihnachten. So sehr, dass manche im Jahr nach dem Durchschauen der Lüge so tun, als sei nichts gewesen. (dpa)

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[14.12.2016, 08:10:43]
Cornelia Karopka 
Lieber Herr Reitz
Ihre Geschichte hat mich beim Frühstück erwischt. Ihre Worte sind so einfach und so wunderbar geschrieben- ich möchte sie gern verbreiten, weil sie vielen Eltern ein Lächeln und eine Träne ins Gesicht zaubern wird.
Ich hoffe, Sie sind einverstanden. zum Beitrag »
[13.12.2016, 12:38:20]
Thomas Georg Schätzler 
Lieber Armin Reitz
Ihr Beitrag "Bist du der Weihnachtsmann?" hat mich durchaus zu Tränen gerührt, mich an meine eigene Kindheit, die meiner Kinder und meines Enkels bzw. meines Patenkindes erinnert.

Und wer den Weihnachts-"Zauber" als Geschäftemacher-Hype ablehnt, ist am 18. Dezember um 16.00 Uhr herzlich eingeladen, der konzertanten Aufführung des WEIHNACHTSORATORIUMS von Johann Sebastian Bach im Forum der Georg-Schule in der Mergelteichstr. 62 in 44225 Dortmund beizuwohnen.

Zwei 6. Schulklassen aus Magdeburg kommen extra zu uns nach Dortmund, um mich und unseren Chor aus Lehrern, Eltern, Schülern und Ehemaligen der Dortmunder Waldorfschulen gesanglich zu unterstützen. Von diesen Kindern geht eine Ausstrahlung aus, die Sie in echte Weihnachtsatmosphäre eintauchen lässt.

Der Eintritt ist wie letztes Jahr beim MESSIAS von G. F. Händel frei - um freundliche Spenden wird gebeten.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »
[12.12.2016, 22:53:39]
Armin Reitz 
"Bist du der Weihnachtsmann?"
Eines Tages fragte die kleine Lucy ihre Mama in einem Brief: "Bist du der Weihnachtsmann?"
Mama Martha ließ sich ein wenig Zeit mit ihrer Antwort, schrieb ihrer achtjährigen Tochter dann aber einen Brief, in dem sie ehrliche, aber dennoch sehr schöne Worte fand.
Liebe Lucy,
vielen Dank für deinen Brief. Du hast eine sehr gute Frage gestellt: "Bist du der Weihnachtsmann?"
Ich weiß, dass du schon lange auf die Antwort darauf wartest und ich musste mir einfach ein bisschen Zeit mit der Antwort lassen, um die richtigen Worte zu finden.
Die Antwort ist nein. Ich bin nicht der Weihnachtsmann. Es gibt keinen Weihnachtsmann.
Ich bin diejenige, die die Geschenke unter den Baum legt. Ich suche sie aus, packe sie ein und lege sie unter den Baum, genau so wie es meine Mama für mich gemacht hat und ihre Mama für sie. (Und ja, Papa hilft auch.)
Ich stelle mir vor, wie du das eines Tages für deine Kinder machen wirst, und ich weiß, dass du es lieben wirst, sie am Weihnachtsmorgen die Treppe runter laufen zu sehen. Du wirst es lieben, wie sie unter dem Baum sitzen und ihre kleinen Gesichter von den Weihnachtsbaumkerzen beleuchtet werden.
Aber das macht dich noch nicht zum Weihnachtsmann.
Der Weihnachtsmann ist viel größer als irgendeine Person und seine Arbeit gibt es länger als jeden einzelnen von uns. Was er macht ist einfach, aber sehr beeindruckend. Er bringt Kindern bei an etwas zu glauben, was sie nicht sehen oder anfassen können.
Das ist eine riesen Aufgabe und eine sehr wichtige noch dazu. Dein ganzes Leben lang wirst du die Fähigkeit brauchen, an etwas glauben zu können: an dich selbst, an deine Freunde, an deine Talente und an deine Familie. Du wirst außerdem an Dinge glauben müssen, die du nicht messen oder in deinen Händen halten kannst. Ich spreche von Liebe - die große Macht, die dein Leben zum Strahlen bringen wird, selbst in den dunkelsten Momenten.
Der Weihnachtsmann ist ein Lehrer und ich war eine seiner Schülerinnen und jetzt kennst auch du das Geheimnis, wie er es schafft, an Weihnachten all die Kamine herunter zu kommen: Er hat Hilfe von all jenen, deren Herzen er einst mit Freude erfüllt hat.
Mit unserem ganzen Herzen helfen Menschen wie dein Papa und ich dem Weihnachtsmann dabei, einen Job zu erledigen, der sonst unmöglich zu bewerkstelligen wäre.
Also nein, ich bin nicht der Weihnachtsmann. Der Weihnachtsmann ist Liebe und Magie und Hoffnung und Glückseligkeit. Ich bin in seinem Team und jetzt bist du es auch.
Ich liebe dich und werde dich immer lieben.
Mama
 zum Beitrag »
[12.12.2016, 13:22:41]
Cornelia Karopka 
Was passiert im Kinderkopf, wenn sie nicht mehr an den Weihnachtsmann glauben?
- nichts, das haben bestimmt einige Generationen vor uns erlebt und hoffentlich dürfen es auch noch einige nach uns.
Ein Zauber der frühen Kindheit verfliegt, nur was bitte ist schlimm an diesem Zauber? Was an den leuchtenden Kinderaugen und der Wärme, die die Eltern in diesem Augenblick empfinden?
Wollen wir dann auch gleich alle Märchen abschaffen?
Was ist mit Hänsel und Gretel, dem Rotkäppchen und den sieben Geißlein?
Der Herr Religionspädagoge erzählt von der Geburt Jesus, die Gott den Menschen geschenkt hat (Jungfrau Maria usw.)- jeder Mediziner schüttelt dabei den Kopf, weiß er doch darum, dass "Jungfrauen" keine Kinder gebären können.
Märchen, Simplifizierungen, der Glaube an das Gute- sind wichtig für die Entwicklung eines Menschen, egal ob man das Gott,Buddha, Osterhase oder Spaghettimonster nennt.
Man sollte den Kindern nicht diesen schönen Teil ihrer Kindheit nehmen. zum Beitrag »
[12.12.2016, 00:20:35]
Wolfgang P. Bayerl 
Vermute mal, diese Publikation
war ironisch gemeint.
Wie kann man darüber nur ernsthaft diskutieren.

Tom und Jerry ist doch viel schlimmer, geradezu sadistisch,
eine Aufforderung zum zanken, hauen, beißen und stechen.
Und welchen "Gott" darf man dann noch erlauben und welchen nicht?
In dem Alter bis 4 oder 5 glauben Sie sogar hier im Winter
an die gefährliche menschengemachte Erderwärmung
ausgerechnet durch das pöse CO2, ohne dass es überhaupt kein Leben auf dieser Erde geben kann. zum Beitrag »

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