Ärzte Zeitung, 02.06.2017
 

Selbsthilfe

Wie Menschen ihren Alltag meistern

1800 Selbsthilfegruppen gibt es in Baden-Württemberg. Fotografen haben die zahlreichen unterschiedlichen Facetten in Bildern festgehalten und zeigen sie in einer Wanderausstellung.

Von Michael Sudahl

Wie Menschen ihren Alltag meistern

Fotografin Martha Frieda Friedel hat einen alten Mann beim Yoga abgelichtet und wurde dafür mit dem dritten Preis ausgezeichnet.

© Martha Frieda Friedel

STUTTGART. Ein alter Mann, der sich auf dem Stuhl im Badezimmer verrenkt. Eine junge Frau, die sich in den Nacken greift, während sie am Schreibtisch sitzt. Eine Reiterin, die sich fast zärtlich an den Hals ihres Pferdes schmiegt: Der Ersatzkassenverband (vdek) in Baden-Württemberg (BW) feiert sein 25-jähriges Bestehen und hat anlässlich seines Jubiläums im Haus der KV in Stuttgart eine Wanderausstellung mit Fotos zur Selbsthilfe gezeigt. Studenten und junge Fotografen haben dafür eindrucksvoll festgehalten, wie Menschen mit Neurodermitis, Krebs oder Fibröser Dysplasie ihren Alltag meistern.

1800 Gruppen helfen

Beim Start der Ausstellung in Stuttgart, die inzwischen nach Jena gewandert ist, gab es keinen Zweifel: Die rund 1800 Selbsthilfegruppen, die in Baden-Württemberg aktiv sind und in denen sich Menschen mit körperlichen und psychischen Erkrankungen sowie Behinderungen austauschen und helfen, sollen auch von politischer Seite aus weiter nachhaltig unterstützt werden. "Am Budget soll nicht gerüttelt werden", hieß es.

Die Wurzeln der Ersatzkassen liegen selbst in der Selbsthilfe – in den sogenannten "Selbsthilfevereinen" des 17. Jahrhunderts. Handlungsgehilfen haben ihre Absicherung im Krankheitsfall selbst organisiert und Solidarität untereinander geübt. "Die Ersatzkassen blicken also auf eine lange Tradition in der solidarischen Absicherung – in der Selbsthilfe – zurück", erläuterte der stellvertretende vdek-Verbandschef Thomas Auerbach.

Eindrucksvoll schilderte Hilde Rutsch, Geschäftsführender Vorstand der Selbsthilfekontaktstelle KISS in Stuttgart, wie die die eigentliche Therapie flankierenden Maßnahmen der Hilfegruppen den Menschen helfen: Von Alltagstipps bis hin zum Herausholen aus der Isolation leisten die Selbsthilfegruppen einen wertvollen Anteil zur besseren Lebensqualität chronisch Erkrankter und Menschen mit Behinderung.

Die Künstler der Fotoausstellung "Das kann Selbsthilfe" begleiten Betroffene in ihrem Alltag. Ziel des Projektes ist es, die Öffentlichkeit dem Thema anzunähern.

Zu sehen ist etwa die 22-jährige Bloggerin Jane. Die Hamburgerin erleidet 2015 einen Neurodermitis-Schub. Das erschüttert ihr Selbstbild. Sie kann ihr eigenes Spiegelbild nicht mehr anschauen, glaubt, sie sei entstellt. Doch anstatt aufzugeben, startet sie einen Internet-Blog, trifft auf Menschen, die sie unterstützen und erhält Zuspruch aus der Fan-Gemeinde. Auf Instagram folgen ihr rund 3300 Menschen.

Fotograf Felix Gebauer stellt die Kämpferin vor seine Kamera und bekommt dafür einen Anerkennungspreis. Die Fotostrecke vermittelt, dass virtuelle Kontakte Alternativen zu persönlichen Gesprächskreisen sein können. Vor allem, weil junge Leute diese Kanäle häufig nutzen.

Die Online-Selbsthilfe unterstützt auch Jette dabei, mit ihrer Fibrösen Dysplasie umzugehen. Die Krankheit löst bei ihr körperliche Schmerzen aus. Außerdem belastet sie Jette mental. Weil sich ihre Gesichts- und Schädelknochen verändern, wirkt ihr Gesicht wie verschoben.

Doch statt zu hadern, präsentiert sie ihr besonderes Aussehen einem Publikum im Internet. Die 19-Jährige eröffnete einen YouTube-Schönheitskanal. Von ihren 98.000 Abonnenten wird Jette bewundert, mit ihrem Makel offensiv aufzutreten. Fotografin Miriam Welz lichtet sie ab. Da dieses Beispiel augenscheinlich hervorsticht, schafft es Welz‘ Fotografie auch ohne Auszeichnung in die Ausstellung.

Sieger des Wettbewerbs, Fachhochschüler Benedikt Ziegler, leidet seit seinem 15. Lebensjahr unter einer juvenilen chronischen Arthritis. Ihm ist es ein Anliegen, einen kleinen Anteil der rund 15.000 an Rheuma erkrankten Kinder in Deutschland zu fotografieren. "Mehrere Monate habe ich sie begleitet, ihre Gefühle und besonderen Momente eingefangen", sagt Ziegler.

Asperger-Autisten schotten sich ab

Das Schicksal von Asperger-Autisten greift Drittplatzierte Hannah Lu Verse in ihrer Fotostrecke auf. Sie verdeutlicht, wie schwer es für Betroffene ist, sich im Alltag zurechtzufinden, und wie einschränkende, sich wiederholende Verhaltensmuster das Leben erschweren. Passend die Fotos über Autisten, die den Zwang verspüren, ihre Mahlzeiten vor dem Verzehr zu sortieren. "Die Kapuze, die vor Blicken schützt. Die Kopfhörer, wenn Geräusche der Umwelt zu anstrengend werden", beschreibt Hannah Lu Verse ihre Fotografien.

Der zur Ausstellung erschienene Bildband zitiert ein nigerianisches Sprichwort: "Der Mensch ist die beste Medizin des Menschen". Dazu kommt noch der Aspekt der Gegenseitigkeit. Der gesundheitlichen Selbsthilfe ein Gesicht geben – das war das Ziel des bundesweit ausgeschriebenen Fotowettbewerbs .

In Stuttgart wurde auch darauf hingewiesen, dass das Gesetz der Stärkung der Gesundheitsförderung und Prävention dazu beiträgt, die gesundheitliche Selbsthilfe voranzubringen. So unterstützen die Krankenkassen die rund 50.000 Selbsthilfegruppen in ganz Deutschland mit 74 Millionen Euro jährlich.

Stationen

der Ausstellung

- Jena: Noch bis 6. Juni, Universitätsklinikum

- Gera: 4. Oktober bis 2. November, SRH Wald-Klinikum

- Schwerin: 3. bis 22. November, Schweriner Höfe

Weitere Informationen:

http://tinyurl.com/ybydchtc

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