Ärzte Zeitung online, 21.04.2018

Ärzte aus dem Ausland

Ein steiniger Weg nach Deutschland

Ob geflohen vor Krieg oder eingewandert aus anderen Teilen der Welt: Wer als ausländischer Arzt in einer deutschen Klinik oder Praxis arbeiten will, muss Ausdauer haben – und gutes Deutsch können.

Von Christian Beneker

Ärzte aus dem Ausland: Ein steiniger Weg

Der Arzt Kyril Halavach untersucht in Holzminden (Niedersachsen) einen seiner Patienten.

© Philipp von Ditfurth/dpa

Ausländische Ärzte, die in Deutschland arbeiten wollen, haben einen Marathon zu absolvieren, bis sie in Praxis oder Klinik starten können. "Die vielen Formalitäten, die langen Wartezeiten sind wirklich anstrengend", sagt Dr. Asia Harmoush, Allgemeinmedizinerin aus Homs in Syrien.

2014 kam sie im achten Monat schwanger nach Deutschland und holte später ihren Mann, den Chirurgen Dr. Feras Mekdad, nach. Heute lebt das Paar mit ihren fünf Kindern im niedersächsischen Nienburg/Weser. Die Jahre waren bestimmt vom Lernen der Sprache, der Suche nach Hospitationsplätzen und – vom Warten.

Allerdings sind der Papierkram und der Leerlauf ohne Arbeit, der die flüchtenden Ärzte erwartet, das geringere Problem im Vergleich zur Situation in ihrem Heimatland. Seit Jahren herrscht Bürgerkrieg in Syrien, Gewalt und Zerstörung. "Wir sind noch vor dem Krieg nach Saudi-Arabien gegangen und konnten dann wegen des Krieges nicht zurück nach Hause", berichtet Harmoush.

Aber auch in Saudi-Arabien war die Situation für die geflohenen Syrer schwer zu ertragen. "Unseren Kindern wurde zum Beispiel nicht erlaubt, in die Schule zu gehen, weil wir Syrer sind", berichtet Harmoush. "Das ist ganz schrecklich." Blieb der Ausweg nach Europa.

Willkommen geheißen?

2016 arbeiteten 4327 ausländische Ärztinnen und Ärzte in Niedersachsen – vor allem in den Krankenhäusern des Landes. Rund 70 junge Mediziner aus dem Ausland waren zu einer Veranstaltung des Marburger Bundes (MB) gekommen, besonders viele aus Syrien. "Es kommt nicht darauf an, woher Sie kommen, sondern was Sie können und lernen wollen", sagte Kammerversammlungsmitglied Dr. Jürgen Tempel bei seinem Vortrag über das Deutsche Gesundheitssystem.

"Wir können mehr von Ihnen lernen als umgekehrt. Wir müssen uns öffnen und globalisieren." Das klang nach einem warmen Willkommen. Aber der Weg an ein deutsches Krankenhaus oder die eigene Praxis ist in der Tat lang und steinig für Mediziner, die in der Ukraine, in Syrien oder Nigeria studiert haben.

48% beträgt die Bestehensquote bei der Fachsprachenprüfung in Bayern. Seit April vergangenen Jahres hat es 711 solcher Prüfungen gegeben. 342 Kandidaten haben den Test bestanden.

Asia Harmoush war 2002 mit ihrem Studium in Aleppo fertig und arbeitete im Folgejahr sofort in einem Krankenhaus in Homs. Zwei Jahre später eröffnete sie in der Stadt eine allgemeinmedizinische Praxis. Nach ihrem Wechsel nach Deutschland kamen die lange berufliche Untätigkeit und die Deutschkurse. "Das war hart", sagt Harmoush, "wir haben doch immer gearbeitet!"

Zwischen dem Antrag auf Berufserlaubnis und Approbation und der Einladung zur Fachsprachprüfung vergingen fast acht Monate, berichtet die Ärztin. Inzwischen steht sie kurz vor dem ersten Bewerbungsgespräch in einer Hausarztpraxis in Nienburg. Ihr Mann arbeitet inzwischen als Chirurg in einer Nienburger Klinik.

C1-Niveau für die Fachsprache

In einem Eckpunktepapier von 2014 empfiehlt die Gesundheitsministerkonferenz der Länder (GMK) von ausländischen Ärzten allgemeinsprachliche Deutschkenntnisse auf dem Niveau B2 zu verlangen, was nach dem gemeinsamen europäischen Referenzrahmen (GER) der "selbstständigen Sprachverwendung" entspricht. Für die Fachsprache liegt die Latte höher. Die GMK empfehlt eine einstündige Fachsprachenprüfung auf dem Niveau von C1 ("Fachkundige Sprachkenntnisse").

Zur Einordnung: Die höchste Stufe, C2, entspricht annähernd dem muttersprachlichen Niveau. "Sind die hohen Hürden nicht unfair?", wollte ein Teilnehmer bei der MB-Veranstaltung wissen. Das sei ein komplexes Thema, sagte Meike Meyer-Wrobel vom Niedersächsischen Zweckverband zur Approbationserteilung (NiZzA).

Tatsächlich fällt etwa die Hälfte der Bewerber beim ersten Mal bei der Fachsprachprüfung durch. Aber unfair? "Nein". In der Tat sind die Anforderungen der Prüfung nachvollziehbar: Patientengespräch, Dokumentation des Gesprächs und das Arzt-Arzt-Gespräch. Im Oktober 2017 hat Asia Harmoush die Prüfung bestanden.

Gerne hätte sie nicht nur in Praxen hospitiert, sondern auch in einem Krankenhaus. Aber dazu hätte sie eine Berufserlaubnis oder Approbation gebraucht. In der Tat kann es in Niedersachsen bis zu fünf Jahre dauern, bis die Fachsprachprüfung bestanden ist, die Qualifikation durch Akten- oder Kenntnisprüfung belegt und schließlich eine Stelle gefunden wurde, hieß es auf der MB-Veranstaltung.

Auf der "Barfuß-Route" gekommen

Dr. Bernhard Schappler-Scheele ist einer der Lotsen für "Ärzte im Asyl" der Ärztekammer Niedersachsen. Er führt die hohen Durchfallraten in der Fachsprachprüfungen auch darauf zurück, dass für eine Sprachprüfung zu viel Medizinisch-Fachliches gefragt werde.

Wegen der langen Wartezeiten könnte die Kandidaten aber medizinisch gar nicht Up-to-date sein. "Im Empfehlungsschreiben der GMK steht klar, dass keine medizinisch fachlichen Belange geprüft werden sollen", so Kappler-Scheele. Das sehen allerdings nicht alle Lotsen so. Für sie gehört die Fachlichkeit zu Fachsprachprüfung dazu.

Natürlich sind nicht alle ausländischen Ärzte im Land Flüchtlinge, aber die Flüchtlinge unter ihnen haben größere Problem, sich hier einzuleben. "Die Probleme dieser Asylsuchenden sind natürlich viel größer als die der übrigen ausländischen Ärzte, die bei uns arbeiten wollen", sagt Schappler-Scheele.

Sie haben in keinem Goethe-Institut Deutsch lernen können, sind auf der Flucht unter Umständen ausgeraubt worden oder haben ihre Unterlagen verloren. "Sie sind zum Teil auf der Barfuß-Route zu uns gekommen."

Dutzende von Amputationen

Aber sie kämen aus der gebildeten Schicht ihrer Länder und verfügen zum Teil über berufliche Erfahrungen, die kein deutscher Arzt vorzuweisen hat. "Ich habe einen Chirurgen aus Rakka betreut, der nach jedem Bombenangriff Dutzende von Amputationen vornehmen musste", berichtet Schappler-Scheele.

Neben Sprachkenntnissen müssen die Bewerber auch belegen, dass sie wirklich Ärzte sind und ihr Metier verstehen. Sonst gibt es weder Berufserlaubnis noch Approbation. Prinzipiell können sie ihre mitgebrachten Unterlagen vom NiZzA prüfen lassen oder eine Kenntnisprüfung ablegen, die etwa dem Niveau des zweiten Staatsexamens entspricht.

Da auch gefälschte Dokumente im Umlauf sind, müssen die Kandidaten ihre Bescheinigungen ins Deutsche übersetzen und prüfen lassen. "Das kostet Tausende von Euro", klagte einer der Teilnehmer beim MB-Treffen. Die Verwaltungssprache sei Deutsch, hieß es zur Antwort. Wer indessen unter den ausländischen Ärzten die Kenntnisprüfung wählt, sollte sein C1-Sprachzertifikat in der Tasche haben.

Die Sprachhürde ist für die Hausärztin Asia Harmoush nun genommen. Nur geht es zur Kenntnisprüfung und auch hier heißt es, zu warten – wohl ein ganzes Jahr. Harmoush: "Im November 2018 bekomme ich Bescheid, wann der Termin ist."

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich
[24.04.2018, 14:03:17]
Anne C. Leber 
Leserzuschrift von Dr. Torsten Sauer
Ich möchte als Hausarzt (FA. für Allgemeinmedizin, nach Weiterbildungsordnung von 2005) anmerken, dass auch für "einheimische" Ärzte der Weg bis zur Praxis (und auch danach..) lang und steinig ist. Die Kollegin Frau Harmoush konnte scheinbar recht kurzfristig nach Studienabschluss eine allgemeinmedizinische Praxis eröffnen, dies ginge ja hier nicht, da bestenfalls ca. sieben Jahre Studium und fünf Jahre Facharztweiterbildung notwendig sind, um sich dann ggf. niederlassen zu dürfen. Ich bin durchaus nicht gegen berechtigte Hilfe und Aufnahme von Flüchtlingen, jedoch sollte im Sinne der Berufsstandswahrung definitiv sicher sein, dass gleiche Qualifikationen und möglichst gleichlange Weiterbildungszeiten vorliegen! Dies schließt nicht aus, dass die Kollegin auch so eine gute Therapie macht.

Dr. Torsten Sauer,
Hannover

 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Debakel für ASS

Acetylsalicylsäure schützt Ältere nicht vor Herz-Kreislauferkrankungen - im Gegenteil: Ihr Sterberisiko ist erhöht. Mit diesem Ergebnis überrascht die ASPREE-Studie. mehr »

Junge sind besonders depressionsgefährdet

Der Alltag junger Menschen birgt hohe Risiken für Depressionen. Ärzte warnen: Die Gefahr der Chronifizierung ist groß. mehr »

Allergien machen Kindern zu schaffen

Allergien, psychische Störungen und Unfälle bleiben die häufigsten Risiken für chronische Krankheiten von Kindern. Vor allem Asthma, Heuschnupfen und Neurodermitis beeinträchtigen den Nachwuchs. mehr »