Ärzte Zeitung online, 02.05.2018

WHO schlägt Alarm

Dreckige Luft bringt Millionen den Tod

Verpestete Luft macht krank und kann tödlich sein. Weltweit atmen neun von zehn Menschen schlechte Luft, warnt die WHO. Jährlich sterben sieben Millionen Erdenbürger an den Folgen.

Von Wolfgang Geissel

Verpestete Luft für 90 Prozent der Menschen

Spielen im Smog: Extreme Luftverschmutzung in Lahore (Pakistan) im November.

© K.M. Chaudary / dpa

GENF. Luftverschmutzung bleibt unverändert in vielen Ländern ein großes Gesundheitsproblem. Nach Schätzungen müssen neun von zehn Menschen weltweit hochgradig verschmutzte Luft atmen, berichtet die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Anhand von Messdaten zur Luftqualität hat die WHO das weltweite Ausmaß der Gesundheitsfolgen in einem aktuellen Bericht ermittelt. Die Daten stammen dabei von 4300 Städten aus 108 Ländern, wobei seit der letzten Erhebung 2016 etwa 1000 Städte mit Meldungen hinzugekommen seien.

Die WHO wertet die Zunahme als Zeichen dafür, dass viele Städte das Problem erkannt haben und an einer Verbesserung der Situation arbeiten wollen.

Basis der Analyse sind jährliche Durchschnittswerte für Feinstaub (PM 10 und PM 2,5). Unter PM 2,5 werden dabei auch Schadstoffe wie Sulfate, Nitrate und Ruß subsummiert, welche die Gesundheit am stärksten beeinträchtigen können. Die WHO-Grenzwerte liegen hier bei 20 μg/m3 (für PM10) and 10 μg/m3 (für PM2,5).

Bisher habe sich durch Gegenmaßnahmen noch nicht viel getan. Nach dem aktuellen Bericht hat sich die Luftqualität in den vergangenen Jahren kaum verbessert, wenn man von einigen Regionen in Europa und Amerika absieht.

Qualm aus Küchenherden und Ruß aus Lampen

Die WHO schätzt, dass global betrachtet sowohl dreckige Luft in Innenräumen als auch in der Umwelt draußen zu sieben Millionen vorzeitigen Todesfällen führt.

Luftverschmutzung begünstigt dabei sogenannte nichtübertragbare Krankheiten: Knapp 25 Prozent aller Todesfälle durch ischämische Herzerkrankungen und Schlaganfälle sowie 43 Prozent der tödlichen Fälle von COPD und 29 Prozent von Lungenkrebs gingen auf das Konto von dreckiger Luft, berichtet die Organisation in einer Mitteilung zum aktuellen Bericht.

"Die größte Bürde tragen dabei die ärmsten und am stärksten marginalisierten Menschen weltweit", wird WHO-Generalsekretär Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus in dem Papier zitiert. Mehr als 90 Prozent der Todesfälle kämen in Ländern mit niedrigen oder mittleren Einkommen vor, vor allem in Asien und Afrika.

In Entwicklungsländern bleibt verschmutzte Luft aus qualmenden Kochöfen und Ruß aus Kerosinlampen in Innenräumen ein großes Problem.

Dies betreffe immerhin 40 Prozent der Weltbevölkerung. Es sei nicht hinnehmbar, dass über drei Milliarden Menschen – und darunter vor allem Frauen und Kinder – jeden Tag immer noch tödlichen Rauch einatmen müssen.

Ohne Maßnahmen gegen die verschmutzte Luft seien Entwicklungsziele in solchen Ländern nicht annähernd zu erreichen, betont Ghebreyesus. Verschmutzte Luft in Innenräumen wird seit zehn Jahren von der WHO unter die Lupe genommen und steht nach dem aktuellen Bericht für jährlich 3,8 Millionen Todesfälle.

Zwar habe sich der Zugang zu sauberer Technik verbessert, aber die Fortschritte könnten häufig mit der Bevölkerungsexplosion nicht Schritt halten, und zwar besonders in Afrika südlich der Sahara.

Höchste Werte in Mega-Städten

Weitere 4,2 Millionen Todesfälle gehen danach auf das Konto verschmutzter Außenluft. "In vielen Mega-Städten der Welt liegt die Schadstoffbelastung fünf Mal so hoch wie von der WHO empfohlen", wird Maria Meira, WHO-Direktorin für öffentliche Gesundheit in der Meldung zitiert.

Besonders betroffen sind Ballungsräume in China, der Mongolei, Indien, Brasilien sowie in einigen Ländern des Nahen Ostens und Afrikas. In Ländern mit hohen Einkommen – in Europa, USA und Kanada, Australien und Neuseeland – sei die Luft am besten.

Aber auch hier werde die Lebenserwartung durch verschmutzte Luft um zwei bis 24 Monate verkürzt.

Industrie, Verkehr und Haushalte verursachen viele Luftschadstoffe

Zu den größten Quellen der Luftschadstoffe gehören sowohl Haushalte, Industrie und Landwirtschaft als auch der Verkehr und Kohlekraftwerke.

In einigen Regionen kommen Sand und Wüstenstaub, Müllverbrennung und Brandrodung hinzu. Auch metereologische Faktoren wie Inversionswetterlagen können die Situation verschärfen. Luftschadstoffe machen dabei vor Landesgrenzen nicht halt, betont die WHO.

Länder müssen dabei gemeinsam Lösungen für nachhaltig sauberen Transport, erneuerbare Energien und emissionsarme Entsorgungstechniken finden, betont die WHO.

Die Organisation nennt einige Lösungsansätze: So werden in Indien Menschen unter der Armutsgrenze finanziell bei der Umstellung auf Gas zum Kochen unterstützt. Binnen zwei Jahren seien 37 Millionen Frauen gefördert worden (Pradhan Mantri Ujjwala Yojana Scheme).

In Mexico City setze die Stadtverwaltung auf weniger Abgase im Straßenverkehr. Unter anderem wurde die Umstellung auf Busse ohne Ruß-Emissionen in die Wege geleitet. Bis 2025 sollen zudem Privatfahrzeuge mit Dieselmotoren aus der Stadt verbannt werden.

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