Ärzte Zeitung online, 17.05.2018

Fahrtests bei Senioren

"Die Rentner, die wirklich kommen sollten, kommen nicht"

Bei den meisten älteren Menschen kommt es langsam, unmerklich. Irgendwann können sie nicht mehr sicher Auto fahren. Zwei Rentner erzählen, wie das ihr Leben verändert hat – und ein Fahrlehrer, der Check-Up-Tests für Senioren anbietet.

Von Anne-Sophie Galli

"Die Rentner, die wirklich kommen sollten, kommen nicht"

Für viele Senioren wird Autofahren zur zunehmenden Herausforderung – ihren Führerschein abgeben wollen viele aber nicht.

© forestpath / Fotolia (Symbolbild mit Fotomodell)

BERLIN. Der Tag, an dem Christa Fischer die Bordsteinkante rammte, war einer ihrer schlimmsten. Sie hatte zwar keinen Kratzer abbekommen. Aber als sie da stand und die Männer des ADAC das Wrack ihres roten Mazdas wegfuhren, wurde ihr schlagartig bewusst, dass die Zeit gekommen war.

Die Zeit, die sie immer verdrängt hatte: Christa Fischer hatte gerade ihr letztes Auto zu Schrott gefahren. Totalschaden. Ihre Augen waren wohl schlechter, als sie gedacht hatte. Und in ihrem Alter sollte sie wohl keinen neuen Wagen mehr kaufen. Damals war Christa Fischer 90 Jahre alt.

"Ich fühle mich wie amputiert"

Inzwischen ist die Berlinerin 92 und sitzt in einem Seniorenzentrum, wo sie Rentnern Gymnastikkurse gibt. Die fragen oft, wie das so ist ohne Auto. Dann sagt sie immer: "Ich fühle mich wie amputiert." Sie lacht laut, so wie sie es immer tut, wenn sie etwas Unangenehmes erzählt. "Damals, nach diesem Wums, sah ich dem Ende entgegen." Sie hält inne. "Aber das Ende ist noch weit weg. Ich bin noch ganz gut beisammen. Wären da nur nicht die Augen."

Die Augen. Wenn sie immer weniger sehen, fahren viele ältere Autofahrer zunehmend unsicherer. Viele hören schlechter, reagieren langsamer, können nicht mehr über die Schulter schauen. Auch einige Medikamente beeinträchtigen ihre Fahrt.

Und obwohl viele vorsichtiger fahren, verursachen über 75-Jährige überproportional viele schwere Unfälle. Das zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes. So sind über 75-Jährige an drei von vier Unfällen mit Toten und Verletzten schuld, an denen sie beteiligt sind. Und da Menschen immer länger leben, wird es in Zukunft noch mehr Unfälle mit Senioren geben, erklären die Unfallforscher der Versicherer.

Fischer sagt: "Einige merken nicht, dass ihre Kräfte nachlassen." Sie lacht. "Aber ich werde mein Auto wohl bis zum Ende vermissen." Das Auto bedeutete für sie Freiheit und Reisen quer durch Europa.

Check-up ist andernorts Pflicht

Auch Ulrich Mehl ist in seinem Leben mehrere Zehntausend Kilometer gefahren. Inzwischen ermüden den 74-Jährigen die vielen Fahrzeuge und Leute in Berlins Innenstadt. So entschied er sich, einen freiwilligen Fahrfitnesscheck zu machen, wo er wie bei einer Prüfung mit einem Fahrlehrer durch die Straßen fährt. Danach gibt der Experte Tipps. Den Führerschein kann er aber nicht wegnehmen.

Das ist in vielen Ländern anders: Ältere Schweizer, Italiener, Tschechen, Neuseeländer und Kanadier etwa müssen alle paar Jahre zum Gesundheits- oder Sehtest. In einigen Staaten kann der Arzt sie zum Fahrtest schicken – wenn sie durchfallen, ist der Führerschein weg.

In Deutschland möchten aber weder Politiker noch Autoclubs unsichere Rentner zwingen aufzuhören. Sie appellieren stattdessen an deren Eigenverantwortung. Sie kennen die Liebe zum Auto und die Abhängigkeit davon.

3300 Senioren machten freiwilligen Check-Up

Etwa 3300 ältere Autofahrer haben im vergangenen Jahr in Deutschland freiwillige Feedbackfahrten mit Experten der Autoclubs ADAC und ACE gemacht. Knapp 83.000 weitere haben einen "Sicher Mobil"-Kurs für Senioren des Deutschen Verkehrssicherheitsrats besucht, wo sie etwa lernen, wie man vom Auto auf den öffentlichen Verkehr umsteigt.

Vor Mehls Fahrfitness-Check fragt Fahrlehrer Uwe Bocher: "Sind Sie nervös?" – "Ein bisschen." Mehl fährt sicher los, trifft dann auf eine Kreuzung mit viel Verkehr. Fußgänger rennen bei Rot rüber. Ein Bus kommt von der Seite, Fahrräder auch. Mehl hat Grün. Er zögert. Hinter ihm hupen sie. "Immer diese Drängler", sagt Mehl, fährt los.

"Das war etwas knapp", sagt Bocher ruhig. "Ich hätte noch etwas gewartet. Wenn was passiert, haben Sie das Problem. Lassen Sie sich von denen nicht aus der Ruhe bringen." Plötzlich piepst es. "Was war das?" – "Der Abstandsmesser – wahrscheinlich gab es da ein Objekt."

Der Fahrlehrer sagt, dass Töne vieler Assistenzsysteme Senioren verwirren. Die Fahrt geht weiter ins Viertel, wo Mehl wohnt. Bei einer Abzweigung fragt Bocher: "Haben Sie Vorfahrt?" – "Ja", antwortet Mehl. "Nein", sagt Bocher und erklärt, dass dort vor Kurzem die Verkehrsschilder ausgetauscht wurden.

Schwierigkeiten beim Loslassen

Er bietet seit sieben Jahren Feedbackfahrten für Senioren an. Sein Fazit: "Die Rentner, die wirklich kommen sollten, kommen nicht." Für Ulrich Mehl wird das Aufhören leicht sein. Er fährt inzwischen meist mit Bahn oder Bus. "Das ist in meinem Alter angenehmer."

Christa Fischer dagegen findet das Taxi angenehmer. Sie sitzt immer neben dem Fahrer. "Dann fühle ich mich fast wie im eigenen Auto." Die 92-Jährige kramt in ihrer Handtasche und holt ihren Führerschein aus dem Portemonnaie. Sie schaut die kleine Karte an. "Ich kann gar nicht mehr genau sehen, was da steht."

Ihren Führerschein hat sie immer in der Tasche, seit sie ihn mit 27 Jahren erhalten hat. "Mein Auto war mein Freund." Sie lächelt. Ihre Hände zittern leicht. "Ich bin seit dem Unfall nie mehr gefahren, aber es könnte ja sein, dass ich ihn eines Tages bei einem Notfall noch mal brauchen werde." (dpa)

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[17.05.2018, 12:17:44]
Heidemarie Heubach 
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Der deutsche Apell an die Freiwilligkeit - ob an Autofahrer oder die Industrie - läuft seit Jahrzehnten ins Leere. Da fragt man sich schon: wer zieht einen Nutzen aus diesem "weiter so" ? zum Beitrag »

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