Ärzte Zeitung online, 29.01.2019

40 Jahre Cap Anamur

Vom See-Retter zur Hilfsorganisation

Ein Schiff für Vietnam – unter diesem Motto entstand vor 40 Jahren die Hilfsorganisation Cap Anamur/Deutsche Not-Ärzte. Mittlerweile leistet der Verein in Krisenherden und auf Flüchtlingsrouten weltweit nicht nur medizinische Hilfe.

Von Pete Smith

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Engagiert sich selbst regelmäßig bei Auslandseinsätzen: Der Vorsitzende von Cap Anamur, Kinderarzt Werner Strahl.

© Cap Anamur

KÖLN. Eine Geschichte, die angesichts der Flüchtlingsströme im Mittelmeer aktueller denn je erscheint: Getrieben von den Bildern und Nachrichten über die Boatpeople im Südchinesischen Meer – Vietnamesen, die versuchten mit nicht seetauglichen Booten dem kommunistischen Regime zu entfliehen –, gründete Rupert Neudeck 1979 gemeinsam mit seiner Frau und einigen Unterstützern das Komitee „Ein Schiff für Vietnam“. Sie charterten das Frachtschiff Cap Anamur, das sie zu einem Hospitalschiff umfunktionierten und stachen in See, um zu helfen.

Seit 40 Jahren gibt es nun schon die Hilfsorganisation, die seit 1982 den Namen ihres ersten Rettungsschiffes Cap Anamur trägt. Dabei sorgte dieser allererste Einsatz der Cap Anamur erst im Mai vergangenen Jahres für Denkwürdiges – und das im nordrhein-westfälischen Troisdorf: Schauplatz war die Remise von Burg Wissem, wo ein Bronzerelief mit dem Konterfei des 2016 gestorbenen Gründers der Hilfsorganisation enthüllt wurde.

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble war zugegen wie auch Norbert Röttgen, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses. Das eigentlich Bemerkenswerte indes war die Vielzahl vietnamesischer Gäste.

Über 10.000 Boatpeople gerettet

Zwei von ihnen hielten ein Transparent hoch, an dem Dutzende bunte Luftballons hingen. „Danke, Dr. Rupert Neudeck“ stand darauf. Die beiden gehörten zu jenen Vietnamesen in Deutschland, die das Denkmal gestiftet haben. Das Denkmal ist ihr Dank dafür, dass Neudeck und seine Mitstreiter zwischen 1979 und 1986 insgesamt 10.375 vietnamesische Flüchtlinge gerettet und 35.000 weitere Menschen an Bord der Cap Anamur medizinisch versorgt haben.

25 Jahre später machten sich Helfer von Cap Anamur ein weiteres Mal auf den Weg, um Bootsflüchtlinge zu retten, diesmal im Mittelmeer, wo verzweifelte Menschen von Libyen aus in Schlauchbooten die Überfahrt nach Italien wagten. „2004 ging die Aktion allerdings schief“, erinnert sich Dr. Werner Strahl, Vorsitzender von Cap Anamur. „Wir hatten 39 Flüchtlinge an Bord, als unser Schiff gestoppt und an der Einreise nach Italien gehindert wurde. Als wir dann aufgrund der Erkrankung eines Flüchtlings doch landen durften, wurde unser damaliger Vorsitzender Elias Bierdel gefangen genommen, vor Gericht gestellt und nach einem mehr als fünfjährigen Prozess freigesprochen.“

Die sizilianischen Richter urteilten, dass ein Schiffsführer, der Migranten aus Seenot rettet, internationalen Seerechtsverpflichtungen nachkommt, was nach nationalem Recht nicht strafbar sein könne.

Noch immer versuchen jedes Jahr Zehntausende Menschen aus Afrika, übers Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Seit der großen Fluchtwelle 2015 schottet sich der Kontinent mehr und mehr ab. „Der Optimismus, den wir einmal hatten, geht verloren“, sagt Strahl, der 2010 seine Kinderarztpraxis in Essen-Werden aufgegeben hat und sich seither noch intensiver für Cap Anamur engagiert. „Meine Sorge ist, dass wir uns in unserem Wohlstand einrichten und die Armen in ihrem Elend dahinvegetieren und ohne Hoffnung lassen.“

Hilfe zur Selbsthilfe

Die Mitarbeiter von Cap Anamur treten einer solchen Haltung entschlossen entgegen, und ihre Erfolge verleihen ihnen Flügel. „Nach dem großen Beben von 2015 waren wir in Nepal“, erzählt der Arzt, der sich seit 1980 für Cap Anamur engagiert. „Dort haben wir innerhalb eines Jahres zwei Schulen aufgebaut. Elfjährige Schüler unterhielten sich mit uns fließend auf Englisch – die Intensität, mit der in diesen Ländern gelernt wird, begeistert mich immer wieder.“

Cap Anamur ist eine kleine Organisation, und das soll auch so bleiben. Derzeit zählt der Verein, der sich ausschließlich aus Spenden finanziert, 15 Mitglieder, der Vorstand ist ehrenamtlich tätig, nur die fünf Mitarbeiter im Kölner Büro sind fest angestellt. Dauerhaft seien zwischen 25 und 40 Helfer im Einsatz, sagt Strahl, in der Regel ein halbes Jahr lang, wofür sie bei freier Kost und Logis eine Monatspauschale von 1500 Euro brutto erhielten. „Viele bleiben jedoch länger im Land. Ein Kollege ist jetzt schon seit zehn Jahren in Uganda.“

In 64 Ländern der Erde hat Cap Anamur bis heute ihre Spuren hinterlassen. Derzeit ist man in elf (vorwiegend afrikanischen) Ländern im Einsatz. Mitarbeiter der Organisation leisten ebenso Nothilfe wie Hilfe zur Selbsthilfe. „Uns ist es wichtig, dass all unsere Kollegen neben ihrer ärztlichen Tätigkeit auch unterrichten“, erklärt Strahl, „damit unsere Arbeit von Einheimischen weitergeführt werden kann. In den Nuba-Bergen im Sudan beispielsweise ist eine Apothekerin tätig, die bei uns als Putzhilfe angefangen hat. Und ein sudanesischer Krankenpfleger, den wir weitergebildet haben, ist als Chirurg mittlerweile im ganzen Land berühmt.“

Auch hierzulande trägt die Arbeit von Cap Anamur Früchte, was sich nicht zuletzt an den Nachkommen der ehemaligen Boatpeople zeigt: Von den hierzulande lebenden Vietnamesen schließen mehr als 60 Prozent erfolgreich ein Hochschulstudium ab, knapp doppelt so viele wie im bundesweiten Durchschnitt.

Die Hilfsorganisation

  • Das Hilfsbudget von Cap Anamur betrug laut dem letzten Jahresbericht aus 2017 rund 4,5 Millionen Euro.
  • In 15 Ländern war die Organisation 2017 aktiv – vorwiegend in Asien und Afrika, aber auch in Europa und zwar in der Ukraine.
  • Zwischen 25 und 40 Helfer sind dauerhaft im Einsatz. Sie erhalten bei freier Kost und Logis eine Monatspauschale von 1500 Euro.

Weitere Infos unter: www.cap-anamur.org

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