Ärzte Zeitung, 21.12.2011

Hintergrund

So schnell läuft der Sensenmann

Tradition auf Britisch: Immer zum Jahresende veröffentlicht das British Medical Journal ganz besondere Forschungsergebnisse. Ein Thema aus diesem Jahr: Wie schnell läuft der Sensenmann?

Von Pete Smith

Wie schnell läuft der Gevatter Tod?

Dieser Sensenmann läuft nicht mehr.

© imagebroker / imago

Wie schnell muss ich laufen, um dem Sensenmann zu entkommen? Auf welche Weise kann ein Fußball-Club wie Manchester United dabei helfen, einer Nebennierenrindeninsuffizienz auf die Spur zu kommen?

War James Joyce kurz- oder weitsichtig? Und können Moskitonetze tatsächlich die Kosten bei der Behandlung von Leistenbrüchen senken?

Auf all diese Fragen geben imaginäre Studien Antwort, die in der Weihnachtsausgabe des "British Medical Journal" (BMJ) veröffentlicht worden sind.

Danijela Gnjidic von der Sydney Medical School in Australien und ihre Kollegen wollten wissen, wie schnell man gehen muss, um Gevatter Tod zu entfliehen.

Für ihre Studie werteten sie Daten des Concord Health and Ageing in Men Project (CHAMP), einer Kohorten-Studie mit Männern im Alter von über 70 Jahren, aus.

An dieser Studie nahmen insgesamt 1705 Männer teil, deren normale Geh-Geschwindigkeiten mit Hilfe einer Stoppuhr gemessen wurde. Bis zu deren Tod kontaktierten die Forscher sie alle vier Monate.

Der Tod läuft 3 km/h

Geh-Geschwindigkeit und Mortalität wurden in einer Grenzwertoptimierungs-Kurve visualisiert. Die optimale Geh-Geschwindigkeit schätzten sie anhand des Youden-Index, der sich aus der Sensitivität und Spezifität berechnet.

Die durchschnittliche Geh-Geschwindigkeit der Probanden betrug 0,88 Meter pro Sekunde. Den höchsten Youden-Index (0,293) fanden Danijela Gnjidic und ihre Kollegen bei einer Geh-Geschwindigkeit von 0,82 Metern pro Sekunde (etwa drei Stundenkilometer).

Wer schneller unterwegs war, hatte ein 1,23-fach geringeres Sterberisiko oder anders ausgedrückt: Gevatter Tod läuft nicht schneller als drei Kilometer pro Stunde.

Eine Sensitivität von 1,0 wurde bei einer Geh-Geschwindigkeit von 1,36 Metern pro Sekunde (fünf Stundenkilometern) erzielt. Daraus schließen die australischen Wissenschaftler, dass der Sensenmann bei dieser Geschwindigkeit hoffnungslos hinterher hinkt.

Akut krank im Stadion

Britische Mediziner um Akbar Choudhry beschreiben in der BMJ-Weihnachtsausgabe, dass der ehemalige Champions-League-Sieger Manchester United dazu beitrug, bei einer Engländerin eine Addisonkrise auszulösen.

Ende 2010 klagte die bis dahin offenbar völlig gesunde Frau über eine dramatische Verschlechterung ihrer Leistungsfähigkeit. Nach aufwändigen Untersuchungen kamen die Ärzte darauf, dass die 58-Jährige an einer Nebennierenrindeninsuffizienz litt.

Die Diagnose Addisonkrise konnten die Mediziner aber erst stellen, als ihnen die Frau erzählte, wann die Krankheitssymptome bei ihr akut auftraten - im Stadion von Old Trafford, während sie die Spiele ihres Lieblingsvereins Manchester United verfolgte.

Doch das BMJ hat noch mehr eigenartige Forschungsvorhaben zu bieten, zum Beispiel: War der große irische Dichter James Joyce kurz- oder weitsichtig? Dieser Frage gehen Francisco Ascaso und Jan van Velze in ihrem BMJ-Beitrag nach.

James Joyce war weitsichtig

Gemeinhin wird in den Joyce-Biographien davon ausgegangen, dass der Verfasser von "Ulysses" und "Finnegans Wake" kurzsichtig gewesen sei, aber gibt es dafür auch Beweise?

Überraschenderweise wird als Beleg für die These häufig das literarische Alter Ego von Joyce, Stephen Dedalus ("Ulysses"), herangezogen, den der Dichter explizit als kurzsichtig beschrieb.

Ascaso und van Velze nahmen sich alte Fotografien vor, auf denen Joyce mit dicken konvexen Gläsern zu sehen ist, und spürten ein Brillen-Rezept von 1932 auf. Dadurch kamen sie zu dem Schluss, dass James Joyce nicht kurz- sondern weitsichtig war.

Brian Stephenson und Andrew Kingsnorth schließlich weisen in ihrer Studie für das BMJ nach, dass Leistenbrüche in ärmeren Ländern mit Hilfe von Moskitonetzen effektiv und kostengünstig operiert werden können.

Dabei berufen sie sich auf die Erfahrungen eines indischen Chirurgen, der die aus Polypropylen und Polyethylen bestehenden Moskitonetz-Maschen bei insgesamt 359 Leistenbruch-Operationen eingesetzt hat - mit großem Erfolg.

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