Ärzte Zeitung, 28.06.2005

Oft liegt es an Kleinigkeiten, wenn älteren Menschen der Appetit fehlt

Fehlende Mobilität kann zu Mangelernährng führen / Öfter mit Freunden essen!

BONN/WUPPERTAL (ddp.vwd). Wenn mit zunehmendem Alter der Appetit schwindet, beginnt oft ein Teufelskreis. Erst fallen die täglichen Mahlzeiten spärlicher aus. Wenn dann noch Krankheiten hinzukommen, wird es auf dem Teller meist auch noch sehr einseitig. Die Folge: Mangelernährung - und die kann zügig zu weiteren schweren Krankheiten führen.

Einsamkeit, weit entfernte Einkaufsmöglichkeiten sowie ein schlechter Geruchs- und Geschmackssinn können Älteren den Spaß am Essen verderben. Foto: Photodisc

Genau wie in jungen Jahren benötigt der Körper auch im Alter eine ausgewogene Mischung an Vitaminen, Nährstoffen, Ballaststoffen sowie drei bis fünf Portionen Obst und Gemüse pro Tag. Doch ein geringeres Hungergefühl, Zahnprobleme oder zunehmend schlechtere Geschmacksnerven lassen das Essen für Ältere oft zur Nebensache werden.

"Vielen schmeckt es einfach nicht mehr oder sie sind nicht mehr agil genug, um sich ihr Essen zu kochen", sagt Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.

Auch Schluckbeschwerden oder Verdauungsstörungen können den Weg in die Mangelernährung ebnen. "Selbst ein Grauer Star ist schon ein Problem. Denn wer sein Essen nicht mehr richtig sehen kann, hat nur noch wenig Freude daran", so die Ökotrophologin.

In Deutschland gelten nach einer Schätzung des Medizinischen Dienstes der Spitzenverbände der Krankenkassen etwa 1,3 Millionen der über 60jährigen als mangelernährt.

Isolation ist eine der Ursachen für Mangelernährung, so Dr. Annette Welz-Barth von den Kliniken St. Antonius in Wuppertal. Ebenso vielfältig wie die Auslöser sind auch die Folgen: Wer sich über längere Zeit falsch ernährt, ist anfälliger für Infekte oder Verwirrtheit. Durch eine zunehmende Schwäche steigt auch die Gefahr zu stürzen.

Damit es gar nicht erst soweit kommt, sollten Angehörige die Eßgewohnheiten ihrer älteren Verwandten genau beobachten. Denn Mangelernährung ist nicht einfach zu erkennen. "Man darf sich auf keinen Fall nur abgemagerte alte Menschen vorstellen, bei denen fast die Knochen zu sehen sind. Selbst eine pummelige 75jährige kann mangelernährt sein", so Welz-Barth.

Der erste Schritt ist immer ein Blick in den Kühlschrank. "Ist er fast leer, sollte geklärt werden, warum." Oft hätten ältere Menschen zwar Hunger auf bestimmte Lebensmittel. "Aber wenn es in der Nähe beispielsweise keinen Gemüsemarkt gibt, kann die fehlende Mobilität schon ein Hinderungsgrund sein", sagte die Ärztin. Sie empfiehlt in diesem Fall, nach Supermärkten mit Lieferangeboten zu suchen oder die Verwandten einzuspannen.

Auch ein gemeinsames Essen mit Freunden steigert den Appetit, so Gahl, und wird das Essen in kleinen Häppchen schön angerichtet, macht die Ernährung wieder mehr Spaß. Bei Zahn- oder Schluckproblemen eignen sich zudem püriertes Gemüse oder Eintöpfe. "Betroffenen, die schlecht sehen können, tut man auch einen großen Gefallen, wenn man öfter Farben und Formen variiert", so Gahl.

Literatur zu Mangelernährung

  • Maria M. Schreier, Sabine Bartholomeyczik: "Mangelernährung bei alten und pflegebedürftigen Menschen", Schlütersche Verlagsgesellschaft, 2004, ISBN: 38 99 93 11 06; 22,90 Euro.
  • Jose P. Represas Perez: "Die 7 Wege zu Gesundheit und Wohlbefinden bis ins hohe Alter", Neuer Umschau Buchverlag, 2004, ISBN: 38 65 28 10 79; 11,90 Euro.
  • Die Broschüre "Mangelernährung im Alter - Alarmsignale und Maßnahmen" gibt es kostenlos bei der Deutschen Seniorenliga e.V., Gotenstraße 164, 53175 Bonn sowie im Internet unter: www.dsl-mangelernaehrung.de.

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