Ärzte Zeitung online, 05.03.2018

Gastbeitrag

Lebensmittelampel - ein Modell mit Schwächen

Viele Verbraucher tun sich schwer damit, gesunde von ungesunden Lebensmitteln zu unterscheiden - ihnen sollen Ampelfarben auf der Verpackung Orientierung geben. Doch das aktuell diskutierte Modell der Lebensmittelampel hat seine Schwächen, findet eine Ernährungsexpertin - und erklärt in einem Gastbeitrag warum.

Von Irina Baumbach

Lebensmittelampel - ein Modell mit Schwächen

Grün, gelb, rot: Eine Lebensmittelampel könnte Orientierung geben, doch wesentliche Kriterien werden schon lange nicht mehr diskutiert.

© fotomek / stock.adobe.com

NEU-ISENBURG. Mit dem kürzlich vorgestellten Nationalen Aktionsplan zur Förderung der Gesundheitskompetenz geht auch die Diskussion zur Lebensmittelkennzeichnung in Form einer Lebensmittelampel in eine neue Runde.

Leider steht nur noch die Frage im Raum, ob und nicht wie diese gesetzlich verpflichtend umgesetzt werden soll. Zu diskutieren wäre aber über viele weitere Punkte.

» Die Auswahl der Nährstoffe: Die größte Schwäche des aktuell favorisierten Modells liegt in der Auswahl der Nährstoffe. Diese spiegeln nicht den aktuellen Stand der Wissenschaft wider und tragen dem problematischen Lebensstil unserer Bevölkerung zu wenig Rechnung.

Das Nahrungsfett wird als Gesamtfett und als gesättigte Fettsäuren gleich doppelt gebrandmarkt. Aber auch unter den Fetten gibt es Fettsäuren, deren Verzehr durchaus erwünscht ist. Denken wir nur an die Omega-3-Fettsäuren!

Bei den Kohlenhydraten hingegen findet keine Differenzierung zwischen Stärke und Zucker statt. Im Darm aber werden aus Stärke einfache Zuckermoleküle, die in die Blutbahn gelangen und den Blutzuckerspiegel stark ansteigen lassen.

» Die Referenzwerte: Referenzwerte sind grundsätzlich nur ein Anhaltspunkt und lassen sich nicht auf jeden Konsumenten übertragen.

Allein beim Energiebedarf gibt es große Schwankungen. Beträgt der Grundumsatz eines 1,80 m großen Mannes mit 90 kg Körpergewicht um die 1880 kcal, so liegt dieser bei einer 1,65 m großen Frau mit nur 70 kg gerade einmal bei 1420 kcal.

Hier sind weder die alltägliche Bewegung noch Sport oder individuelle Schwankungen berücksichtigt. Der Gehalt von Zucker in Lebensmitteln spielt vor allem für Kinder eine große Rolle.

Die Referenzwerte aber beziehen sich immer auf den durchschnittlichen Tagesbedarf eines Erwachsenen.

» Die Auswahl der Lebensmittel: Die Ampel soll für fertige und verpackte Lebensmittel gelten, Grundnahrungsmittel hingegen ausschließen. Anders lässt sich eine Einteilung der Lebensmittel nur schwer umsetzen. Aber auch hier steckt der Teufel im Detail. Ausgenommen sein sollen Streichfette und Öle. Aber sind Butter und Margarine noch Grundnahrungsmittel?

Laut Beispielkennzeichnungen in den Medien nicht. Doch dann ist weder die Beurteilung von Butter mit zwei roten Punkten für Fett und gesättigte Fettsäuren gerechtfertigt, noch die Vergabe eines grünen Punktes für das Kunstprodukt Margarine ohne gesättigte Fettsäuren.

Auch bei Produkten wie Toastbrot wäre die Kennzeichnung mehr als fraglich. Kaum Nährstoffe, dafür aber viel Stärke enthaltend, würden sich vermutlich vier grüne Punkte auf der Verpackung wiederfinden. Das gleiche gilt für Diätcola: vier grüne Punkte signalisieren dem Konsumenten, dass die Limonade unproblematisch oder gar gesund ist. Doch sie enthält keine wünschenswerten Nährstoffe, die einen unreflektierten Konsum rechtfertigen.

» Das Prinzip Ampel: Wir lernen es von klein auf: rot heißt stopp; grün heißt gehen. Das wird sich bei der Farbcodierung auf Lebensmitteln nicht ändern.

Niemand möchte rote Punkte in seinem Einkaufswagen. Ist das so beabsichtigt? Die Food Standard Agency schrieb dazu: "Bei rot ist ein Nährstoff enthalten, von dem wir weniger essen sollen, gelb ist ok, aber grün ist immer noch die bessere Alternative."

Was mache ich aber, wenn ich einen grünen Punkt, zwei gelbe und einen roten auf der Verpackung vorfinde? Wie entscheide ich mich, wenn der Zuckergehalt niedrig, der Fettgehalt aber hoch ist? Ein griechischer Naturjoghurt dürfte bezogen auf eine Portion von 150 g zwei rote Punkte für Fett und gesättigte Fettsäuren erhalten.

Ein Diätjoghurt mit vielen Zusatzstoffen und Zucker hingegen erhält maximal einen roten Punkt für Zucker. Dieser würde von vielen sicherlich als gesünder eingestuft, was schlichtweg ein Trugschluss ist.

» Schlussfolgerungen: Wesentliche Kriterien zur Lebensmittelampel werden schon lange nicht mehr diskutiert. Es bleibt fraglich, ob die ausgewählten Kriterien tatsächlich zu einer Verbesserung des Ernährungsverhaltens führen können. Zu unterschiedlich sind doch die Menschen, die Lebensstile und die Lebensmittel. Ist es nicht waghalsig, Lebensmittel nach so wenigen, harten Kriterien zu beurteilen?

Wir sollten nicht blindlings einem Modell folgen, nur weil es ein paar Produkte ins rechte Licht rückt. Vielmehr bedarf es einer konsequenten Bildung der Konsumenten von Kindheit an.

Dipl. troph Irina Baumbach arbeitet für die Fachgesellschaft für Ernährungstherapie und Prävention (FET) e.V. Diese widmet sich neben einer gesunden Ernährung vor allem Nachhaltigkeit, ökologischen und sozialen Aspekten. Mitglieder sind Diätassistenten. Ernährungsmediziner/ -forscher und Industrieunternehmen (www.fet-ev.eu).

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Ernährung (3686)
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[05.03.2018, 11:01:10]
Thomas Moormann 
Lebensmittelampel
Frau Baumbach hat recht, wenn Sie an die Ernährungsbildung appelliert. Dies ist ein wichtiger Baustein für das Aneignen von Gesundheitskompetenz. Auch die Frage des „Wie“ ist bei der Diskussion der Lebensmittelampel wichtig.

Allerdings ändern die von Frau Baumbach genannten Aspekte nichts an der derzeit ungünstigen Lebensmittelauswahl und dem gesundheitlich nachteiligen Ernährungsstil der Bevölkerungsmehrheit und insbesondere bestimmter vulnerabler Bevölkerungsgruppen. Eine einfache Kennzeichnung beispielsweise von Süßwaren und Limonaden mit rot und von Gemüse und Obst mit grün könnte vielen Verbrauchern sehr wohl eine geeignete Orientierung geben. Das gilt auch, wenn das der Lebensmittelindustrie und damit den Mitgliedern der FET naturgemäß nicht gefallen wird.

Thomas Moormann
Ernährungs- und Gesundheitswissenschaftler aus Berlin zum Beitrag »
[05.03.2018, 10:48:50]
Dr. Johannes Scholl 
Wenn Ampel, dann aber mit den richtigen Kriterien!
Leider wird die Diskussion über eine Lebensmittelampel von Politikern und Lobbyisten geführt, deren ernährungswissenschaftliches Verständnis doch sehr begrenzt zu sein scheint. Würde man die richtigen Kriterien auswählen, wäre eine verbraucherfreundliche Kennzeichnung möglich.

Die Deutsche Akademie für Präventivmedizin hat 2015 im Deutschen Ärzteblatt drei Kriterien in einem Punktesystem ähnlich wie in Australien vorgeschlagen: 1) Energiedichte, 2) Fettqualität und 3) Zuckerbelastung (wobei bei letzterer selbstverständlich auch stärkehaltige Lebensmittel enthalten sind.

Dies wäre verbraucherfreundlich, verständlich und intuitiv blitzschnell zu erfassen (und darauf kommt es beim Einkaufen an!). Unerwünschtes Resultat wäre allerdings, dass hoch verarbeitete Lebensmittel in der Regel schlecht abschneiden würden. Ob unsere designierte Verbraucherministerin sich das traut?

Der Bevölkerung ware es zu wünschen!
Wer mag, kann unseren Vorschlag hier nachlesen: https://www.aerzteblatt.de/pdf.asp?id=172786

Dr. med. Johannes Scholl
1. Vorsitzender der Deutschen Akademie für Präventivmedizin
www.akaprev.de
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