Ärzte Zeitung online, 06.09.2019

„Irre Geschichte“

Geburtsort Reichstag

Im Berliner Reichstag wurde schon öfter Geschichte geschrieben. Ein Kapitel ist indes kaum bekannt und erforscht: Im Krieg diente er auch als Geburtsstation.

Von Stefan Kruse

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Mareile Van der Wyst vor dem Reichstag – die Urkunde bezeugt ihren Geburtsort.

© Monika Skolimowska / ZB / dpa / picture alliance

BERLIN. Mareile Van der Wyst ist stolz auf ihren Geburtsort. So stolz, dass sogar ein Foto des Gebäudes ihre Visitenkarte ziert. Darauf ist der Reichstag zu sehen, vor dem Brand im Februar 1933 – ein Sinnbild für das vorläufige Ende der deutschen Demokratie nach der Machtübernahme der Nazis.

Denn was viele nicht wissen: Zur bewegten Geschichte des 1894 fertiggestellten Prachtbaus in der Mitte Berlins gehört ein Kapitel, das so gar nichts mit Parlamentarismus zu tun hat. In den letzten Kriegsjahren war im Keller eine Geburtsstation untergebracht – um Frauen in den Bombennächten eine halbwegs sichere Entbindung zu ermöglichen.

Und so steht auf Van der Wysts Geburtsurkunde, ausgestellt vom Standesamt Berlin-Tiergarten: „Am 15. September 1944 in Berlin im Reichstagsgebäude geboren“. Die 74-Jährige, deren Nachname damals Dieckhoff war, bewahrt sie zu Hause in Großbeeren bei Berlin wie einen Schatz im Safe auf.

Wo genau lag die Geburtsstation?

„Ich bin ein Reichstagsbaby. Das ist einfach eine irre Geschichte“, erzählt die lebenslustige Rentnerin. „Mir war lange nicht klar, dass das so ist.“ Erst als in das umgebaute Reichstagsgebäude der Bundestag einzog und sie zu einer Feierstunde eingeladen wurde, sei ihr das Besondere ihres Geburtsortes klarer geworden. „Das muss 1999 gewesen sein“, sagt sie und blättert in einem dicken Ordner, in dem sie seit 20 Jahren alles rund um das Thema sammelt.

Viel ist heute über die provisorische Geburtsstation der damaligen 2. Universitätsfrauenklinik der Charité nicht bekannt. „Den überlieferten Quellen ist nicht zu entnehmen, von wann bis wann die Charité den Reichstagskeller als nächtlichen Schutzraum für hochschwangere Frauen, Wöchnerinnen und ihre Neugeborenen nutzte“, heißt es dazu aus dem Bundestag.

Unklar sei auch, wie viele Babys dort zur Welt kamen. Nicht einmal die genaue Lage der Station im Keller, dessen Räumlichkeiten durch Umbauten inzwischen verändert wurden, sei bekannt. Das Institut für Geschichte der Medizin der Charité kann ebenfalls nicht weiterhelfen.

Unterlagen wohl verbrannt

„Wahrscheinlich sind viele Unterlagen in den Kriegswirren verbrannt“, sagt der Rostocker CDU-Bundestagsabgeordnete Peter Stein, der sich mit der Thematik schon seit längerem beschäftigt. Fachleute gehen davon aus, dass im Untergrund des Reichstages von 1943 und 1945 entbunden wurde.

Als Beleg wird auf die Geburtsbücher des Standesamtes Tiergarten verwiesen. Eine ähnliche Geburtsstation gab es zeitweise auch im Bunker der damaligen Reichskanzlei, sagt die Charité-Gastwissenschaftlerin Susanne Doetz, deren Forschungsschwerpunkt die Medizin im Nationalsozialismus ist.

„Meine Eltern wohnten damals in Berlin-Lichtenberg“, schildert Van der Wyst die Situation ihrer Familie 1944. „Tagelang pendelte meine hochschwangere Mutter jeden Abend in den Reichstagsbunker und morgens wieder zurück in die Wohnung.“

Das sind zehn Kilometer hin und zehn Kilometer wieder zurück. „Ich habe keine Ahnung, wie sie das in der stark zerstörten Stadt, in der es immer wieder Fliegeralarm und Bombenangriffe gab, geschafft hat.“ Schließlich entband die Mutter ein gesundes Töchterchen und nannte es Mareile.

Fast genau 75 Jahr später, an diesem Sonntag, trifft diese sich nun mit anderen „Reichstagsbabys“. 15 Menschen haben sich nach einem im April veröffentlichten Aufruf von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) gemeldet und dürfen nun einen ganz besonderen Tag im Parlament erleben. Diejenigen von ihnen, die wie Van der Wyst 1944 zur Welt kamen, feiern in diesem Jahr einen runden Geburtstag.

Einlass ohne lange Kontrollen

„Die Jubilare von heute waren damals Kinder, die Hoffnung gaben in einer dunklen Zeit für unser Land“, erklärte Schäuble dazu. Und Stein, auf dessen Initiative das Treffen zurückgeht, sieht in den Reichstagsbabys wichtige Zeitzeugen. „Ich freue mich sehr auf die Menschen und die tollen Geschichten, die sie zu erzählen haben.“

Darauf freut sich auch die frühere Lehrerin Van der Wyst, die seit Jahren regelmäßig in „ihren“ Reichstag geht. Inzwischen hat sie ein lebenslanges Besuchsrecht im Parlament, wie sie betont: „Mir wurde zugesagt, dass ich jederzeit und mit jedermann kommen kann.“

Und darauf pocht sie immer wieder, wenn sie mit Gästen an der Besucherschlange vor der Sicherheitskontrolle vorbeigeht und resolut Einlass begehrt. „Oft wissen die Sicherheitsleute zunächst von nichts, ein paar Anrufe später bin ich dann aber drin.“ (dpa)

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