Ärzte Zeitung online, 07.10.2019

Der Hobby-Sammler

Medizingeschichte zum Anfassen

Seit fast 40 Jahren sammelt der Diabetologe Christoph Rosak medizinhistorische Objekte. Sie werfen ein Schlaglicht auf 200 Jahre Medizingeschichte – mindestens.

Von Thomas Meißner

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Professor Christoph Rosak in seinem medizinhistorischen Privatmuseum in Frankfurt am Main.

© Thomas Meißner

FRANKFURT/MAIN. Alles begann Anfang der 1980er-Jahre. Professor Christoph Rosak war damals gerade Oberarzt am Universitätsklinikum Frankfurt am Main geworden. Die Tochter einer verstorbenen Diabetes-Patientin überreichte ihm eine alte Insulinspritze aus Metall und Glas, um diese in einer dafür vorgesehenen Vitrine in der Klinik aufzubewahren. „Sie wollte über diese Spritze die Beziehung zu ihrer Mutter aufrechterhalten. Das hat mich sehr berührt“, erzählt Rosak.

Mit einer Spritze fing alles an

Es war die Initialzündung für den Beginn einer Sammelleidenschaft für medizinhistorische Objekte, die bei ihm bis heute, inzwischen im Ruhestand, anhält. Zwar arbeitet Rosak noch an einigen Tagen der Woche in seiner Privatpraxis, ganz in der Nähe seiner ehemaligen Wirkungsstätte, dem Krankenhaus Sachsenhausen. Doch hat er nun mehr Zeit als früher, um sich mit den etwa 10.000 Objekten, die seine Sammlung umfasst, zu beschäftigen.

Und sie zu vervollständigen! Dazu hat Ehefrau Marianne Rosak das Souterrain des gemeinsamen Hauses zu einem kleinen Privatmuseum umgestaltet, wo die schönsten Schätze der vergangenen fast 40 Jahre intensiven Sammelns hinter Glas und in Regalen besichtigt werden können.

Der Hobby-Sammler

  • Seit fast 40 Jahren sammelt Christoph Rosak medizinhistorische Objekte.
  • Die Sammlung umfasst etwa 10 000 Stücke.
  • Medizingeschichte ist auch ein Stück Industriegeschichte: Rosaks Sammlung veranschaulicht zugleich die Entwicklung der aus der Teerfarben-Herstellung hervorgegangenen pharmazeutischen Industrie.

„Anfangs habe ich vor allem aus dem Fachbereich Diabetologie gesammelt: Spritzen, Tablettenbehältnisse, Broschüren, Bücher, alte Aufzeichnungen von Patienten.“ Darunter ein „Gästebuch“ der damaligen in Sachsenhausen von Carl von Noorden (1858-1944) und Eduard Lampé (1886-1974) gegründeten „Privatklinik für Zuckerkranke und diätetische Kuren“, der wahrscheinlich ersten diabetologischen Spezialklinik Europas.

Im Buch findet sich der Eintrag eines Patienten auf Französisch: „Ich verdanke Professor Carl von Noorden mein Leben!“ Es ist die Notiz einer der ersten in Deutschland mit Insulin behandelten Diabetiker. Von Konstantinopel in schlechtem Zustand kommend, so schrieb er, blieb der Patient von Dezember 1922 bis März 1923 (!) in der Klinik. Auf zwei Schwarzweiß-Fotos ist die notierte Körpergewichtszunahme von 54 Kilo auf 72 Kilogramm bei Entlassung sichtbar verbessertem Allgemeinzustand des Patienten zu erkennen.

Nur wenige Monate zuvor, im Juli 1921 hatten Frederick Banting, Charles Best und Kollegen in Toronto das Insulin, das sie zunächst „Isleton“ nannten, entdeckt und isoliert. 1922 war dort der erste Patient behandelt worden. 1923 berichtete dann von Noorden in der „Klinischen Wochenschrift“ über 50 Patienten, die er seit Mai des Jahres begonnen habe mit Insulin zu behandeln. Darunter dürfte der französische Patient gewesen sein.

Die Sprünge der Forschung

Es sind diese Episoden und Ereignisse, die wohl den Reiz des Sammelns medizinhistorischer Objekte ausmachen. Sie sind Teil der Medizingeschichte, verbunden mit den gewaltigen Fortschritten im 19. und 20. Jahrhundert, mit Forscherkarrieren, persönlichen Schicksalen. Und mit Industriegeschichte: Rosaks Sammlung veranschaulicht nämlich zugleich die Entwicklung der aus der Teerfarben-Herstellung hervorgegangenen pharmazeutischen Industrie, die für die Entwicklung des Rhein-Main-Gebiets eine bedeutende Rolle gespielt hat.

Doch da ist noch viel mehr zu entdecken: Eine alte Reiseapotheke aus dem 19. Jahrhundert zum Beispiel, die demnächst als Leihgabe ans Beethoven-Haus in Bonn geht, antike chirurgische Instrumente, Medikamentenschächtelchen und -dosen, wunderschöne Glasflaschen ebenso wie der zerkratzte Metallbehälter aus den Weltkriegen, alte Polarimeter zur Harnzuckermessung neben ersten elektronischen Blutzuckermessgeräten aus den 1970er-Jahren wie dem „Reflomat“.

Wer weiß, welche Geschichte hinter dem Pappschächtelchen Antipyrin aus dem Jahr 1907 steckt, laut Etikett für eine „Frau Professor Rathgen“ aus Heidelberg. Professor Karl Rathgen war Nationalökonom in Heidelberg und ab 1907 als Chef des Kolonialinstituts nach Hamburg berufen worden, später Gründungsrektor der dortigen Universität. „Womöglich hat der Umzug bei Frau Professor für Kopfschmerzen gesorgt“, vermutet Rosak mit einem Augenzwinkern.

Nun, das mag ab und zu auch auf die Dame des Hauses zutreffen, deren Gatte während des abendlichen Fernsehkrimis bei Ebay nach weiteren attraktiven Stücken forscht. Was zum Teil „Kollarateralschäden“, wie Rosak es nennt, verursacht. Neueste Beute: zwei Doktorarbeiten aus den Jahren 1885 und 1886 über die Wirkung des Antipyrins. „Da musste ich allerdings ein Konvolut von 18 Dissertationen in Kauf nehmen . . .“

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