Ärzte Zeitung online, 24.01.2019

WHO-Analyse

Flüchtlinge – keine große Krankheitsgefahr

Das WHO-Regionalbüro für Europa hat seinen ersten Bericht zur Gesundheit von Migranten vorgelegt. Das Ergebnis: Erst während ihres Aufenthaltes in einem der 53 Länder der Region werden die Flüchtlinge anfälliger für Krankheiten, als sie es vor der Migration waren.

Von Matthias Wallenfels

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Flucht und Vertreibung sind nur eine Facette der Migration. Viel öfter geht es den Migranten um die Arbeitssuche in Europa.

© Jonathan Stutz / Fotolia

BERLIN. Migration ist das Reizthema in vielen europäischen Ländern. Politische Parteien versuchen, aus den Ängsten der Bevölkerung vor der Überfremdung Kapital zu schlagen – und sind erfinderisch. So zum Beispiel die AfD, deren Bundestagsfraktion im vergangenen Jahr eine parlamentarische Anfrage stellte, die implizit einen negativen Zusammenhang von Krankheitsentwicklung und Migration darstellte.

„Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Anzahl von Infektionen mit den Krankheiten Masern, Lepra, Malaria, HIV, Skabies (Krätze), Typhus und Läuserückfallfieber seit 2012 bundesweit entwickelt (bitte nach Jahren und Nationalität der Infizierten aufschlüsseln)?“, hieß es in der AfD-Anfrage.

Das WHO-Regionalbüro für Europa versucht, solchen rechtspopulistischen Scharfmacherversuchen den Wind aus den Segeln zu nehmen – mit den Waffen der Statistik. Nun hat es den ersten Bericht über die Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten in der Europäischen Region der WHO, der 53 Länder angehören, vorgelegt.

Kernaussage: „Flüchtlinge und Migranten sind bei ihrer Ankunft in den Aufnahmeländern im Vergleich zur dortigen Bevölkerung offenbar seltener von vielen nichtübertragbaren Krankheiten betroffen, doch wenn sie in Armut leben, erhöht sich im Laufe ihres Aufenthalts die Anfälligkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfälle und Krebserkrankungen. Da Migranten und Flüchtlinge oft ihre Gewohnheiten dahin gehend ändern, dass sie sich weniger bewegen und weniger gesund essen, werden sie auch anfälliger gegenüber Risikofaktoren für chronische Krankheiten.“

HIV-Infektionen häufig nach Ankunft in Europa

Der Migrationsprozess selbst kann Flüchtlinge und Migranten laut WHO anfälliger für Infektionskrankheiten machen. Doch in dem Bericht wird unterstrichen, dass beispielsweise der Anteil der Flüchtlinge und Migranten an den Tuberkulosefällen je nach Aufnahmeland stark unterschiedlich ausfällt – in Abhängigkeit von der Prävalenz der Tuberkulose in der dortigen Bevölkerung – und dass ein wesentlicher Anteil der Migranten und Flüchtlinge, die HIV-positiv sind, sich nach ihrer Ankunft in Europa infiziert hat.

„Entgegen der weitverbreiteten gegenteiligen Annahme besteht nur ein äußerst geringes Risiko, dass Flüchtlinge und Migranten Infektionskrankheiten auf die Bevölkerung der Aufnahmeländer übertragen“, betont die WHO.

In dem Bericht werden auf Basis von mehr als 13.000 untersuchten Dokumenten die neuesten verfügbaren Erkenntnisse über die Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten in den Ländern der Europäischen Region sowie die Fortschritte der Länder bei der Förderung ihrer Gesundheit zusammengefasst. Der Bericht wurde in Zusammenarbeit mit dem Nationalen Institut für Gesundheit, Migration und Armut (INMP) in Italien erstellt.

Ausländische Migranten machen laut WHO-Bericht nur etwa zehn Prozent (90,7 Millionen Menschen) der Gesamtbevölkerung der Europäischen Region der WHO aus. Nur knapp 7,4 Prozent davon seien Flüchtlinge.

„Die Suche nach Arbeit ist einer der Hauptgründe, warum Menschen über Landesgrenzen hinweg migrieren, doch auch Gewalt, Konflikte, Naturkatastrophen und Menschenrechtsverletzungen spielen eine Rolle.

Migration und Vertreibung sind soziale Determinanten von Gesundheit, die sich auf die Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten auswirken“, führen die WHO-Experten aus.

Hohe Inanspruchnahme von Impfangeboten

Wie die WHO konzediert, tragen Flüchtlinge und Migranten potenziell ein höheres Risiko in Bezug auf Infektionskrankheiten, da sie während des Migrationsprozesses verstärkt Erregern ausgesetzt sind, nicht oder nur zeitweise Zugang zur Gesundheitsversorgung haben und unter ungünstigen Bedingungen leben müssen.

Deshalb sei es notwendig, sie zu schützen und sicherzustellen, dass das an vorderster Linie eingesetzte medizinische Personal sich der Risiken bewusst ist. Auch wenn Flüchtlinge und Migranten oftmals mit unvollständigem oder unterbrochenem Impfschutz in Europa ankämen, so nehme die Inanspruchnahme von Impfmaßnahmen im Laufe ihres Aufenthalts doch zu.

„Nach der Ankunft muss zuerst sichergestellt werden, dass die Ankömmlinge die im Impfplan des Aufnahmelandes vorgesehenen Grundimpfungen erhalten“, appelliert die WHO an die europäischen Länder.

Krebs stelle ein spezifisches Problem dar. Flüchtlinge und Migranten trügen zwar bei allen onkologischen Indikationen mit Ausnahme des Zervix-Ca. ein geringeres Risiko.

Doch bei ihnen würden Krebserkrankungen oft erst in einem fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert, sodass die gesundheitlichen Resultate teilweise deutlich ungünstiger ausfielen als für die ortsansässige Bevölkerung, so die WHO.

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