Ärzte Zeitung, 02.07.2010
 

Ein zweites zu Hause für junge Kranke

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Ein zweites zu Hause für junge Kranke

Jugendliche brauchen spezielle Angebote. Das gilt auch, wenn es um Krankheit, Sterben und Tod geht. Das Jugendhospiz Balthasar in Olpe begleitet die 16- bis 25-Jährigen in ihren letzten Monaten.

Von Ilse Schlingensiepen

Ein zweites zu Hause für junge Kranke

Geburtstag im Jugendhospiz: Fröhliche und gemeinsame Aktivitäten sollen das Leiden lindern.

© Stephanie Alker

Junge Menschen, die an einer unheilbaren Krankheit leiden, fühlen sich in einem Kinderhospiz nicht mehr richtig aufgehoben, die Einrichtungen für Erwachsene sind aber auch nicht ihre Welt. Das Jugendhospiz Balthasar in Olpe versucht, den spezifischen Bedürfnissen dieser Patientengruppe gerecht zu werden.

Balthasar ist das erste Jugendhospiz in Deutschland, so wie bereits das gleichnamige Kinderhospiz in Olpe bei seiner Gründung 1998 ein Vorreiter war. Orientiert haben sich die Initiatoren an englischen Vorbildern, berichtet Sprecherin Nicole Binnewitt. "Die Engländer sind einfach fortschrittlicher in diesem Bereich."

Die Jugendlichen brauchen eine Anlaufstation

Im Königreich hat man früher die Konsequenzen daraus gezogen, dass Kinder mit schweren und unheilbaren Krankheiten Dank des medizinischen Fortschritts älter werden, als man früher gedacht hat. Diese Jugendlichen brauchen ebenso eine Anlaufstelle wie jene, die in jungen Jahren plötzlich mit der Diagnose einer unheilbaren Krankheit konfrontiert werden oder an den Folgen eines schweren Unfalls leiden.

"Wir verstehen uns als zweites Zuhause für diese Jugendlichen und ihre Familien", sagt Binnewitt. Die schwer Kranken können im Hospiz vielfältige Unterstützungsangebote nutzen. Dazu zählen die Trauerbegleitung, die Beratung in medizinischen, psychologischen, sozialrechtlichen und anderen Fragen, Musiktherapie, Therapiehunde oder die schmerztherapeutische Versorgung. "Viele Jugendliche schätzen vor allem den Austausch mit anderen Betroffenen." Auch Parties, gemeinsame Musikabende und Ausflüge gehören zum Programm - die Balthasar-Mitarbeiter organisieren viele Aktivitäten, die den Jugendlichen zuhause wegen ihrer Krankheit oder Behinderung oft verschlossen sind.

Die Patienten können Angehörige oder Freunde und Partner mitbringen. Viele entscheiden sich aber bewusst dafür, sich allein ins Hospiz zurückzuziehen, sagt Binnewitt. Mehr als sieben Personen gleichzeitig sollen nicht in der Einrichtung sein. "Sonst wird es zu unruhig."

Anfang 2009 sind die ersten Jugendlichen in das Hospiz gekommen. "Wir hatten für das erste Jahr mit einer Belegungsquote von 30 bis 40 Prozent gerechnet, tatsächlich waren es mehr als 60 Prozent", sagt die Sprecherin. Ein Teil der Gäste ist dem Balthasar-Team bereits aus dem Kinderhospiz bekannt, es gibt aber auch viele neue Gesichter. Die Jugendlichen kommen aus ganz Deutschland ins westfälische Olpe - solange der Transport noch möglich ist. Viele der Patienten leiden an Stoffwechsel- oder Muskelerkrankungen. Anders als in den Erwachsenenhospizen sind Onkologie-Patienten hier selten.

Die gute Resonanz belegt den Bedarf für eine jugendspezifische Einrichtung. "Bei der Fachmesse Reha Care sind wir von vielen Familien angesprochen worden, die bislang noch nie in einer Einrichtung waren", berichtet Binnewitt. Die Familien hätten lange versucht, ohne fremde Hilfe zurecht zu kommen. "Doch irgendwann merken sie, dass sie an Grenzen stoßen."

Gute technische Ausstattung bringt Selbstständigkeit

Bei der Gestaltung des Hospiz‘ haben sich die Betreiber Anregungen bei den englischen Vorbildern geholt. Sie haben auch die Jugendlichen selbst und die Familien nach ihren Wünschen gefragt. Eine gute technische Ausstattung der Zimmer soll den Jugendlichen eine größt mögliche Selbstständigkeit ermöglichen, etwa durch die Fernsteuerung von Licht, Rollos oder der Musiklautstärke. Einige Räume und Angebote werden mit dem Kinderhospiz geteilt, mit dem es auch räumlich verbunden ist.

Das Jugendhospiz finanziert sich zu 70 Prozent aus Spenden, die Kostenträger kommen nur für einen kleinen Teil der Leistungen auf. Auch wenn die Kassen zahlen, bleibt eine Lücke. "Die Pflege der Jugendlichen ist viel aufwendiger als das, was gezahlt wird", sagt die Balthasar-Sprecherin. Das Kinder- und das Jugendhospiz benötigen zusammen jährlich 1,2 Millionen Euro an Spenden.

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Jugendhospiz Balthasar

Ein zweites zu Hause für junge Kranke

Anfang 2009 hat das Jugendhospiz Balthasar in Olpe schwerst erkrankten Jugendlichen sowie ihren Familien und Freunden erstmals die Türen geöffnet. Träger der bundesweit ersten Einrichtung dieser Art ist die Gemeinnützige Gesellschaft der Franziskanerinnen zu Olpe mbH. Vier 16- bis 25-jährige Patienten und drei Begleitpersonen können gleichzeitig im Haus aufgenommen werden.

Das Hospiz steht den Jugendlichen jeweils für insgesamt vier Wochen offen. In der letzten Lebensphase ist die Aufenthaltsdauer aber nicht beschränkt. Das Jugendhospiz Balthasar und das gleichnamige Kinderhospiz beschäftigen zusammen 40 Mitarbeiter.

www.jugendhospiz-balthasar.de

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