HINTERGRUND

Tollwut - ein wichtiges Thema in der reisemedizinischen Beratung

Von Ursula Gräfen Veröffentlicht:

"Ich freue mich, daß die Tollwut in der Diskussion ist", sagte Dr. Gunther von Laer, Leiter des Gesundheitsdienstes des Auswärtigen Amtes. Auch wenn der Anlaß, die tollwut-infizierte Organspenderin, kein schöner sei, sei es an der Zeit, mehr über Tollwut aufzuklären. Denn bisher würden viel zu wenige Reisende gegen Tollwut geimpft. Das müsse unbedingt geändert werden. Darin waren sich alle Experten auf dem 6. Forum "Reisen und Gesundheit" in Berlin einig.

Tollwut war denn auch ein großes Thema auf dem Ärzte-Symposium, das das Centrum für Reisemedizin (CRM) in Düsseldorf, das Auswärtige Amt und das Institut für Tropenmedizin in Berlin zusammen im Vorfeld der Internationalen Tourismus-Börse veranstaltet haben. Immer wieder gab es Fragen von niedergelassenen Kollegen zur Tollwut. Auch ihnen war klar, daß Rabies in der reisemedizinischen Beratung wichtiger genommen werden muß als bisher.

Alle Säugetiere können das Rabies-Virus übertragen

Mehr als 2,5 Milliarden Menschen leben weltweit in Tollwut-Risikogebieten. Jährlich sterben mindestens 50 000 bis 70 000 Menschen an Tollwut, davon allein 30 000 in Indien, das die höchste Tollwut-Inzidenz der Welt hat. Hauptüberträger des Virus sind Hunde. Aber alle warmblütigen Tiere können das Virus mit ihrem Speichel übertragen, besonders häufig auch Affen und Fledermäuse.

Rein statistisch sei das Risiko für Reisende, sich mit Tollwut zu infizieren, minimal, sagte Dr. Christian Schönfeld vom Berliner Tropeninstitut. Das Robert-Koch-Institut gebe an, etwa jeder 500. Fernreisende erleide Tierbisse mit einem möglichen Tollwut-Risiko. In einer eigenen Untersuchung habe das sogar auf jeden 150. Fernreisenden zugetroffen.

Dennoch plädierte er ausdrücklich dafür, die Indikation für die präexpositionelle Impfung viel großzügiger zu stellen als bisher üblich - denn sobald Symptome auftreten, kann nichts mehr gemacht werden, die Infektion ist dann immer tödlich. Die Inkubationszeit ist sehr unterschiedlich. Es kann schnell gehen, nur einige Tage, und es kann über ein Jahr oder sogar länger dauern.

Jeder Fernreisende ist gefährdet

Prinzipiell gefährdet ist jeder Fernreisende, der ein Tollwut-Gebiet besucht. "Das Risiko besteht auch für Pauschaltouristen. Denn infizierte Hunde sind nicht nur in ländlichen Gebieten anzutreffen, sondern kommen auch in urbanen Zentren und am Badestrand vor", sagte der Tropenmediziner. Viele infizierte Hunde sind asymptomatisch, überhaupt nicht aggressiv, sondern ruhig - und wirken oft mitleiderregend.

Das Virus wird auch nicht nur durch einen Biß übertragen, sondern es genügt, von einem infizierten Tier geleckt zu werden. Aus diesem Grunde hätten indische Behörden jetzt verfügt, daß jeder, der von einem streunenden Hund geleckt worden ist, postexpositionell geimpft werden müsse, sagte Dr. Kalyan S. Sachdev, Leiter des Private Hospital in Neu-Delhi und seit 30 Jahren Vertrauensarzt der deutschen Botschaft in Indien. Und er sagte ganz klar: "Jeder, der nach Indien reist, sollte gegen Tollwut geimpft sein."

Reisen in Entwicklungsländer, vor allem nach Asien, bergen immer ein Tollwut-Risiko. Darüber müssen Reisende intensiv aufgeklärt werden. Es müsse ihnen auch genau erklärt werden, wie sie sich nach einem Biß eines möglicherweise infizierten Tieres verhalten sollen, so Schönfeld. Die Wunde muß sofort mindestens zehn Minuten ausgewaschen werden mit einprozentiger Seifenlauge, die das Virus aktivieren kann.

Dann muß ein Tollwutbehandlungs-Zentrum aufgesucht werden - schon vor der Reise sollten sich Touristen erkundigen, wo das nächstgelegene Zentrum ist (beim Vertrauensarzt der Deutschen Botschaft oder beim CRM, www.crm.de). Dann muß sofort mit der postexpositionellen Impfung begonnen werden. Fünf Impfdosen sind nötig.

Wichtig ist, daß mit modernen Zellkultur-Vakzinen geimpft wird. "Reisende sollten Nervengewebe-Impfstoffe ablehnen", warnte Schönfeld. Wenn ihnen Ärzte vor Ort eine große Menge einer milchig-trüben Flüssigkeit in den Bauch spritzen wollen, sollten sie sich weigern - diese Impfstoffe seien viel zu gefährlich. Es kann zu schweren neurologischen Komplikationen kommen.

Die Zeit, bis die postexpositionelle Impfung greift, also die ersten 14 Tage, muß mit Tollwut-Immunglobulinen überbrückt werden. Die seien teuer und deshalb oft nicht erhältlich, bestätigte Sachdev. Selbst in Thailand, wo es sehr gute Tollwutbehandlungs-Zentren gebe, die nur den Zellkultur-Impfstoff verwenden, gibt es nur in jedem dritten auch die Immunglobuline. Bleibt nur die sofortige Heimreise - und die Angst.

Der sicherste Schutz ist die präexpositionelle Impfung mit einem Zellkultur-Impfstoff. Die Vorteile lägen auf der Hand, so Schönfeld: Die präexpositionelle Impfung verschafft im Notfall die nötige Zeit, bis eine postexpositionelle Behandlung eingeleitet werden kann und greift. Es sind dann nur zwei Impfungen nötig, aber kein Immunglobulin.

Der Kontakt zu infizierten Tiere läßt sich nicht immer vermeiden, außerdem schützt die Impfung auch vor unbemerkter Tollwut-Exposition. Und nicht zu unterschätzen sei der positive psychologische Effekt für Reisende - und auch für die beratenden Ärzte.

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