Ärzte Zeitung online, 30.08.2018

Dr. Jochen Drees

Ein Arzt macht den Videobeweis fit

Auch in der neuen Bundesliga-Saison gibt es Ärger um den Videobeweis. Abhilfe soll Allgemeinarzt Dr. Jochen Drees schaffen: Dafür gibt er seine Praxis auf.

Von Pete Smith

Allgemeinarzt macht nun den Videobeweis fit

Jahrelang arbeitete Dr. Jochen Drees wochentags als Hausarzt in seiner Praxis, am Wochenende dann als Bundesliga-Schiedsrichter.

© Andreas Gebert / dpa

FRANKFURT/MAIN. Es ist noch nicht lange her, da konnte sich Dr. Jochen Drees nur schwer vorstellen, den Arztkittel an den Nagel zu hängen und das schwarze Dress des Referees dauerhaft überzustreifen.

Nun aber hat der Facharzt für Allgemeinmedizin seine Praxis in Münster-Sarmsheim bei Bingen geräumt – um ab Oktober den Bereich Videobeweis beim Deutschen Fußball Bund (DFB) zu leiten.

Wochentags als Hausarzt in der Praxis, am Wochenende als Schiedsrichter auf dem Platz – mit dieser jahrelangen Routine war Drees zuletzt nicht mehr zufrieden gewesen.

Eigentlich habe er für "zwei bis drei Monate" nach einer Veränderung gesucht, sagte der Arzt im Interview mit dem Südwestrundfunk, vor allem weg von der Tagesroutine, wobei er sich durchaus hätte vorstellen können, weiterhin im medizinischen Bereich tätig zu sein, vielleicht in einer Klinik oder auch im Notdienst.

Neues Vorzeigeprojekt

Doch als der DFB von seinen Plänen, sich auf kurz oder lang beruflich verändern zu wollen, Wind bekam, trugen ihm die Verantwortlichen die Leitung des neuen Vorzeigeprojekts an, die Drees nach kurzer Bedenkzeit annahm. "Eigentlich wollte ich den Fußball nie in den Mittelpunkt rücken", sagt der Arzt.

"Die Kombination aus dem Druck in der Praxis, wo es um das Wichtige im Leben geht, und dem Druck auf dem Fußballfeld hat mir immer Kraft gegeben." Doch irgendwann nahm der Wunsch nach einer echten Veränderung in seiner Alltagsroutine doch Überhand.

Nun also wechselt Drees ins DFB-Video-Zentrum nach Köln, wo er sich künftig um einen speziellen Patienten kümmern wird: Den Videobeweis nämlich, auf den die Fußballbundesliga inzwischen seit einem Jahr vertraut — und der schließlich der Daueraufreger der vergangenen Saison war.

Eigentlich sollen die Video Assistant Referees (VAR) zu Klarheit, Gerechtigkeit und Transparenz beitragen, indem sie die Schiedsrichter auf dem Platz in strittigen Situationen bei der Wahrheitsfindung unterstützen.

Doch obwohl die Zahl der Fehlentscheidungen durch den Videobeweis im Vergleich zur Vorsaison objektiv betrachtet sank, kam es immer wieder zu Diskussionen über fragwürdige Eingriffe der VAR wie auch über deren Befugnisse und Kompetenzen.

Schwachstellen des Videobeweises offenlegen

Mit Jochen Drees soll nun ein ausgewiesener Diagnostiker dazu beitragen, die Schwachstellen der videogestützten Beweisfindung offenzulegen und geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um jene zu kurieren.

Im besten Falle wird es dem ehemaligen Bundesliga-Schiedsrichter gelingen, die Technik so zu verfeinern, dass die Kritik verstummt und der Videobeweis allseits akzeptiert wird.

Aktuelle Neuerungen sind kalibrierte Abseitslinien und detailliertere Informationen zu der jeweiligen kritischen Spielsituation, ihrer Überprüfung und den jeweiligen Entscheidungskriterien, die sowohl auf der Leinwand im Stadion als auch daheim im Fernsehen eingeblendet werden sollen.

Drees ist verhalten optimistisch, was seine neue Aufgabe betrifft. "Ich stell mich jetzt der Herausforderung, und dann wird man sehen, wie das läuft", sagte der 48-Jährige bei seiner Präsentation in Frankfurt am Main.

Patienten reagieren skeptisch

Weniger entspannt als ihr Arzt sind seine Patienten. Kein Wunder, ist die Landarztflucht doch auch im Mainzer Umland spürbar. "Das hat mich echt ein bisschen uffgeregt", gab eine ältere Patientin im Radio kund, "da müssen wir jetzt zusehen, dass wir einen neuen Arzt kriegen, denn einen Hausarzt muss man ja haben."

Tatsächlich hat sich Drees nach eigenen Angaben bislang vergeblich um einen Nachfolger für seinen Platz in der dreiköpfigen Gemeinschaftspraxis in Münster-Sarmsheim bemüht. "Die Suche läuft seit über einem Jahr, leider habe ich keinen gefunden, der mit einsteigen kann."

Die Fußballprominenz indes setzt große Hoffnungen auf den 1970 in Bad Kreuznach geborenen Drees.

Fredi Bobic, Sportvorstand bei Eintracht Frankfurt, nannte den ehemaligen Referee einen allseits geschätzten Experten und angenehmen Menschen. "Er hat eine sehr ruhige Art und ist in seiner Arbeitsweise sehr transparent."

Drees begegnet den Erwartungen mit zurückhaltender Bescheidenheit. "Ich bin gespannt, ob meine Arbeit den Erfolg bringt, den andere und auch ich erwarten."

Irgendwann komme dann die Zeit, die Situation neu zu bewerten. Je nachdem, wie diese Bewertung ausfällt, kann Drees sich eigenen Aussagen zufolge auch vorstellen, in einigen Jahren wieder als Arzt und vielleicht sogar Hausarzt zu arbeiten.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Alltags-Chemikalien schaden dem Sperma

In einer Studie an Spermien haben Forscher schädliche Effekte von Alltagschemikalien festgestellt. Problematisch: Die Einzelstoffe potenzieren ihre Wirkung gegenseitig. mehr »

Nervenärzte schlagen Alarm

Der Spitzenverband ZNS ist besorgt: Die Versorgung von Demenz-, Parkinson- und Schlaganfallpatienten gerate in Gefahr, warnen die Nervenärzte. mehr »

Das läuft falsch bei der Diabetes-Vorsorge

Viele Versuche, Diabetes und Adipositas vorzubeugen, sind zum Scheitern verurteilt: Gesundheitstage an Schulen und eine Zuckersteuer gehören dazu. Diabetes-Experte Prof. Stephan Martin würde die Ressourcen anders verteilen. mehr »