Ärzte Zeitung, 06.09.2006

Rasselnder Ball und sehende Helfer - so können Blinde Fußball spielen

Acht Mitglieder hat die Blindenfußballmannschaft des FC St. Pauli

HAMBURG. "Alex?", ruft eine der Spielerinnen. "Hier, hier, hier", tönt es über den Platz. Dann der Paß - der mit Rasseln ausstaffierte Ball rollt lautstark über das Spielfeld. "Geh, geh, geh", weist Trainer Ulli Pfisterer den blinden Spieler an. "Schuß", ruft der sehende Helfer am gegnerischen Tor. Nur knapp rollt der Ball am Tor vorbei. Beim Training der Blindenfußballmannschaft des FC St. Pauli geht es laut zu. Gespielt wird nicht im Stadion am Millerntor, sondern auf dem Sportplatz der Hamburger Blindenschule am Borgweg.

Beim Training: die blinden Fußballer Stefan Schleicher (von links), Thorsten Wolfsdorf, Michael Löffler und Katja Löffler. Fotos: dpa

Von Annika Levin

Auch die blinden Fußballer wollen möglichst viele Tore schießen. Nur die Mittel zum Zweck sind andere. So stehen in einer Blindenmannschaft fünf statt elf Spieler auf einem 20 mal 40 Meter großen Spielfeld. Geschossen wird auf kleinere Handballtore mit einem sehenden Torwart. Dieser darf sich nicht aus dem zwei Meter breiten Torraum entfernen. Trainer, Torwart und ein weiterer Helfer ohne Sehbehinderung am gegnerischen Tor leiten die Spieler mit ihren Rufen in die richtige Richtung.

Spieler machen durch Rufe auf sich aufmerksam

Gutes Raumgefühl und Orientierungssinn sind wichtig: die Fußballer Stefan Schleicher und Katja Löffler.

"Am wichtigsten sind Orientierung, Raumgefühl und Kommunikation. Ohne eintrainierte Signale, Positionen und Spielzüge ist die Sicherheit der Spieler stark gefährdet", erklärt Trainer Pfistler. Wenn ein Spieler seinem Gegner den Ball abnehmen will, muß er durch "Voy!"-Rufe auf sich aufmerksam machen. Damit soll ein Frontalzusammenstoß der Spieler verhindert werden.

Auch die Technik im Umgang mit dem Ball ist ein wenig anders als sonst. "Die blinden Spieler sollten im Pinguinschritt den Ball annehmen, sonst kann es passieren, daß er durch die Beine rollt", sagt Pfisterer, der selbst Fußballprofi in Australien war.

Damit die Spieler sich orientieren können, laufen sie in einer rautenförmigen Aufstellung: einer links, einer rechts, eine hintere und eine vordere Spitze. "Durch die Zurufe der sehenden Coaches können die Blinden ungefähr abschätzen, wo sie gerade auf dem Spielfeld sind", erläutert der 30jährige Michael Löffler, der von Geburt an blind ist.

Das erste Training war erst im August

Die achtköpfige Blindenmannschaft des FC St. Pauli steckt noch in den Kinderschuhen, wie der Blindenfußball in Deutschland insgesamt. Das erste Training der Hamburger war im August. "In England und Brasilien gibt es schon seit zwanzig Jahren Blindenfußball, warum in Deutschland nicht, ist mir ein Rätsel", sagt Pfisterer. Dank der Unterstützung durch die Amateurabteilung des FC St. Pauli hat die Mannschaft eine gute Basis, sich weiterzuentwickeln.

Der Kiezverein lieh seiner Blindenmannschaft das Geld für die 14 000 Euro teure Bande rund um das Spielfeld. Damit ist die Mannschaft die erste im deutschen Blindenfußball mit guter Ausstattung. Außerdem erließ der Verein seinen neuen Mitgliedern für ein Jahr den Beitrag.

"Für mich ist mit der Fußballmannschaft ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen", sagt Löffler. Damit die Spieler ihren Traum vom Fußballspielen weiter realisieren können, brauchen sie Unterstützung etwa durch Sponsoren. "Wenn wir Spieler denn auch noch in die Gänge kommen, was das Spielen angeht", dann sieht Löffler eine Chance, daß sich der Blindenfußball zwischen den anderen Sportarten im Deutschen Behinderten Verband etabliert und etwas mehr Aufmerksamkeit bekommt. (dpa)

Infos im Internet über Blindenfußball unter: www.ibcc2006.de

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