Ärzte Zeitung, 12.06.2009

"Der gute Arzt spricht die Sprache des Patienten"

Gerontologin: Krankheiten und Pflegebedürftigkeit im Alter lassen sich durch frühe Prävention reduzieren

BERLIN (hom). Nach Ansicht von Experten muss sich das Gesundheitssystem viel stärker als bisher auf die Bedürfnisse älterer Patienten einstellen.

Professor Ursula Lehr: "Es gilt, bei guter Gesundheit ein hohes Lebensalter zu erreichen."

Foto: imago

"Der Kinderarzt wird künftig weniger gefragt sein als der Geriater", sagte Professor Ursula Lehr vom Institut für Gerontologie an der Universität Heidelberg auf einer Konferenz über "Leben im Alter" am Mittwoch in Berlin. Eingeladen zu der Tagung hatte der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI).

In der alternden Gesellschaft würden "ganz andere" Krankheitsbilder wie Tumorerkrankungen, Arthrosen oder Knie- und Hüftoperationen in den Vordergrund treten, betonte Lehr. Die 79-jährige Wissenschaftlerin gilt als Gerontologin der ersten Stunde. 1986 gründete sie in Heidelberg das Institut für Gerontologie. Von 1988 bis 1991 war sie Bundesfamilienministerin in der Regierung unter Helmut Kohl.

Nach Angaben Lehrs lag der Anteil der über 60-Jährigen in Deutschland im Jahr 1950 bei rund 14 Prozent. Bis zum Jahr 2050 werde er auf 37 Prozent ansteigen. Dennoch meide sie den Begriff Überalterung. "Wir sollten doch eher von einer Unterjüngung der Gesellschaft sprechen."

Gesundheitskosten im Alter ließen sich reduzieren, wenn bereits in früheren Lebensabschnitten mehr Wert auf Prävention gelegt werde, erklärte Lehr. Die meisten Krankheiten im Alter seien "alternde Krankheiten", die in früheren Lebensjahren entstünden. "Mit gesunder Ernährung, Sport und geistiger Aktivität kann ihnen begegnet werden." Prävention und Vorsorge führten zu sinkenden Kranken- und Pflegekosten, betonte Lehr. Ein Problem sei allerdings, dass sich Investitionen in Prävention erst sehr viel später auszahlten. "Bezahlt werden muss es heute."

Aufgabe des Arztes sei es, die Patienten von einem "gesundheitsbewussten Lebensstil" zu überzeugen. Unklar formulierte, missverständliche Informationen führten zu einer "Schlechter-Deutung des Gesundheitszustandes" und damit zu einer Demotivation des Patienten, etwas für die eigene Gesundheit zu tun. "Der alte Arzt spricht Latein, der junge Arzt spricht Englisch, der gute Arzt spricht die Sprache des Patienten", so Lehr.

BPI-Vorstand Dr. Bernd Wegener sagte, um die Herausforderungen der demografischen Entwicklung erfolgreich bestehen zu können, müssten "alle Akteure" im Gesundheitswesen enger zusammenarbeiten. Arzneimittel und auch ihre Hersteller seien ein "Teil der Lösung". Der BPI vertritt nach eigenen Angaben 260 Pharma-Unternehmen, in denen etwa 72 000 Mitarbeiter tätig sind.

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