Ärzte Zeitung, 30.07.2010

Der Standpunkt

Wehrpflicht und Zivildienst

Von Helmut Laschet

Wehrpflicht und Zivildienst

Helmut Laschet ist Ressortleiter Gesundheitspolitik und stellv. Chefredakteur bei der "Ärzte Zeitung". Schreiben Sie ihm: helmut.laschet@springer.com

Mit Recht hat Bundesverteidigungsminister zu Guttenberg eine ernsthafte Debatte über den Sinn der Wehrpflicht angestoßen. Denn von Wehrgerechtigkeit kann schon lange keine Rede mehr sein. Und den heutigen Qualifikationsanforderungen können sechs Monate dienende Soldaten in keiner Weise gerecht werden. Eine Reform ist überfällig.

Denk- und Entscheidungsvorbehalte darf es auch nicht geben, weil die Existenz der Wehrpflicht mit der des Zivildienstes verknüpft ist. Hier ist präzise die Kausalität zu beachten. Denn der Zivildienst wurde aus zwei Gründen geschaffen: Er ist Resultat der grundgesetzlich verbrieften Gewissensfreiheit, die es dem Einzelnen ermöglicht, den Dienst mit der Waffe zu verweigern, und des verfassungsrechtlichen Gebots der Gleichbehandlung.

Freilich: Die seit Ende der 60er Jahre Gewohnheit gewordene Praxis, das Gewissen inflationär zu bemühen, hat zu einer Flut von Zivildienstleistenden geführt - und damit zu einer Gewöhnung der Sozialkonzerne wie Caritas, Diakonie & Co. an einen Subventionstatbestand.

Zu den Tatsachen gehört auch: Wehr- wie Zivildienstpflichtigen wird durch staatliche Gewalt Lebenszeit weggenommen - und dies bedarf einer sehr guten Begründung.

Richtig ist natürlich, dass in der Pflege - mehr noch als bei den Ärzten - die Sorge um den Nachwuchs brennend wird. Erst am Mittwoch hat der Präsident des Bundesverbandes privater Pflegeanbieter, Bernd Meurer, Alarm gegeben und den Pflegenotstand ausgerufen. Die Ursachen für die Personalnot sind vielfältig: Eine wenig attraktive Bezahlung ist vielleicht nicht einmal ausschlaggebend. Während ein Teil der Pflegeberufe in die Akademisierung und an die Schreibtische flüchtet, malochen die Basisarbeiter bis zur Erschöpfung. Frustriert wechseln sie die Arbeitgeber - und flüchten am Ende aus dem Beruf. Die Existenz von Zivildienstleistenden hat die latente Personalnot über Jahrzehnte camoufliert.

Die Humanität einer Gesellschaft zeigt sich an ihrem Umgang mit alten Menschen. Richtig! Nur, die jungen und arbeitenden Menschen zu vergessen, macht die Humanität allerdings zu einem nicht mehr erreichbaren Ideal.

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