Ärzte Zeitung, 11.10.2010

Köhler: Bei Kostenerstattung stirbt jede vierte Praxis

Kostenerstattung bringt Wettbewerb um Patienten. Laut KBV-Chef Köhler wird das nicht jede Praxis überleben.

Köhler: Bei Kostenerstattung stirbt jede vierte Praxis

KBV-Chef Dr. Andreas Köhler.

© Müller-Stauffenberg / imago

DÜSSELDORF (HL). In einem Interview der "Rheinischen Post" hat sich Dr. Andreas Köhler, Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, dafür ausgesprochen, die derzeit ausschließlich auf dem Arzt lastende Kostensteuerung im Sachleistungssystem teilweise auf die Patienten zu verlagern.

"Ich halte es für notwendig, dass auch der Versicherte Eigenverantwortung übernimmt." Möglich werden soll dies laut Köhler durch Einführung der Kostenerstattung in Verbindung mit einer prozentualen Eigenbeteiligung. Um Versicherte nicht zu überfordern, müsse es zu einer sozialen Abfederung ähnlich wie bei den Zusatzbeiträgen kommen.

Nach Auffassung von Köhler führt Kostenerstattung nicht zwangsläufig zu Mehrausgaben für die ärztliche Versorgung. Der KBV-Chef: "Ich bin überzeugt, dass durch die Kostenerstattung, bei der die Versicherten mehr Eigenverantwortung übernehmen, sich die Zahl der Arztbesuche reduziert."

Zur Zeit geht jeder Versicherte im Durchschnitt 18mal pro Jahr zum Arzt. Durch weniger Arztbesuche werde auch Geld gespart.

Konkret rechnet Köhler mit einem Rückgang der Kontaktfrequenz um 20 bis 25 Prozent. Als Folge dessen werde der Wettbewerb der Ärzte um die Patienten zunehmen. Köhler: "Ich gehe davon aus, dass sich bei flächendeckender Kostenerstattung die Zahl der Arztpraxen um rund 25 Prozent reduzieren wird."

Der KBV-Chef plädiert allerdings dafür, dass ein Kostenerstattungssystem für einen Übergangszeitraum von mindestens fünf Jahren freiwillig eingeführt werden sollte, bis es für alle GKV-Versicherten verbindlich würde.

Der Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums, Christian Lipicki, wies die Darstellung Köhlers zurück. „Es ist schlicht Unfug, dass wegen der Erweiterung der freiwilligen Möglichkeit zur Kostenerstattung ein Praxissterben drohen könnte.“ Es gebe keinen Grund, warum KVen ihren Auftrag zur Sicherstellung nicht erfüllen könnten.

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[12.10.2010, 11:03:00]
Cornelia Klettke 
Denkt auch jemand an die Geringverdiener?
Bei den ganzen Diskussionen vermisse ich die Solaidarität.
Was wird aus den Geringverdienern und Familien die jeden Cent benötigen. Wie soll so jemand das Geld aufbringen um in Vorleistung zu treten. Aus der Praxis weiß ich wie oft Menschen nicht wissen wie sie die Zuzahlung leisten sollen und dann so lange mit dem Arztbesuch warten bis es nicht mehr geht. Wer redet von den Mehrkosten die dadurch entstehen?
Die vielen Arztbesuche entstehen auch durch unser eigenes Verschulden, warum kann der Hausarzt nicht eine Überweisung für eine ambulante Behandlung in einer Schmerzklinik ausstellen, der Patient muss zum Anästhesisten? Ist das logisch??? Wir produzieren doch durch solche Unsinnigkeiten unnötige Kosten. Beim ersten Besuch würde ich das ja noch gelten lassen, aber dann..
Liebe Politiker und schlauen Leute, geht doch mal unters Volk und hört euch um bevor ihr große Ideen ausbrütet.
Mit freundlichen Grüßen C. Klettke (eine ganz normale Bürgerin) zum Beitrag »
[11.10.2010, 19:05:25]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
APRIL, APRIL, DIE KBV MACHT, WAS SIE WILL!!!
"Köhler: Bei Kostenerstattung stirbt jede vierte Praxis". Als ich das las, habe ich in meinen Kalender geschaut: NEIN, HEUTE IST NICHT DER ERSTE APRIL!!! Auch Gestern und Morgen nicht. Und es war auch nicht der Vorstandsvorsitzende der Kabarettistischen Bundesvereinigung KBV! Sondern (leider) der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV).

Herr Kollege, Dr. med. Andreas Köhler,
1. gibt man der Rheinischen Post bei konservativster CDU-Lastigkeit keine Interviews. Damit ist Kollege Dr. med. Philipp Rösler schon bei seiner "intelligenten Kostenerstattung" auf die Nase gefallen.
2. Im Antrag der Koalitionsfraktionen steht: Der Versicherte soll Anspruch auf Erstattung in Höhe der Vergütung haben, "die die Krankenkasse bei Erbringung als Sachleistung zu tragen hätte". Um Verwaltungskosten zu kompensieren, kann die Kasse maximal fünf Prozent vom Erstattungsbetrag abziehen.
3. Damit gibt es, das nennt man juristisch Gleichheitsgrundsatz, keinen substanziellen oder finanziellen Unterschied zwischen Kostenerstattung und Sachleistungsprinzip.
4. Bei geringerer ärztlicher Inanspruchnahme und seltenerer Konsultationsfrequenz durch Patienten s i n k e n die Kosten der Arztpraxen. Da das Regelleistungsvolumen pro Patient pro Quartal eh' einer Behandlungspauschale entspricht, s t e i g e n die Erlöse, da die Fallzahlen nicht zwangsläufig sinken müssen.

Mit diesen vier Kernsätzen kann ich nicht falsch liegen und bin mit meiner Meinung auch nicht allein: Christian Lipicki, Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums (BGM), wies die Darstellung Köhlers zurück. „Es ist schlicht Unfug, dass wegen der Erweiterung der freiwilligen Möglichkeit zur Kostenerstattung ein Praxissterben drohen könnte.“ Es gebe keinen Grund, warum KVen ihren Auftrag zur Sicherstellung nicht erfüllen könnten. Zu meiner völligen Verblüffung bin ich an dieser Stelle mit dem BGM einer Meinung!

Tröstlich ist nur, egal wie wir zur Kostenerstattung stehen sollten, sie kann aus grundsätzlichen Erwägungen in der Rechtssystematik der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) in Deutschland nach dem derzeit gültigen Sozialgesetzbuch nicht funktionieren.

Mit freundlichen, kollegialen Grüßen, Dr. med. Th. G. Schätzler, FAfAM
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