Ärzte Zeitung, 23.02.2011

Hintergrund

DMP: Die meisten Ziele werden erreicht - aber es gibt Lücken

Von Ilse Schlingensiepen

Die Evaluation der Disease-Management-Programme in Nordrhein ist wohl eine der umfassendsten Untersuchungen zur Versorgung chronisch Kranker. Sie zeigt auch die Schwächen: keine ausreichende Differenzierung nach Schweregrad und Angebotslücken.


    DMP-Evaluation zeigt: Die meisten Ziele werden erreicht - aber es gibt Lücken

Beim DMP Diabetes mellitus Typ 2 zum Beispiel sind stetige Verbesserung der ärztlichen Prozessqualität nachweisbar.

© Klaro

Die Disease Management Programme (DMP) haben inzwischen einen festen Platz im nordrheinischen Gesundheitswesen. Im Jahr 2009 waren insgesamt 705 524 Patienten in den sechs strukturierten Behandlungsprogrammen eingeschrieben. Mehr als 5500 Hausärzte, 1500 Fachärzte und 100 Kliniken beteiligen sich.

Das zeigt der DMP-Qualitätsbericht 2009 für Nordrhein, den das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung (ZI) erstellt hat. Der Bericht basiert auf rund 13 Millionen Behandlungsdaten aus den Jahren 2003 bis 2009.

In Nordrhein gibt es DMP für die Krankheitsbilder Brustkrebs, Diabetes mellitus Typ 1 und 2, Koronare Herzkrankheit, Asthma bronchiale und Chronisch obstruktive Atemwegserkrankung. "Die Qualität der Versorgung steigt bei jeder der sechs chronischen Erkrankungen, für die es ein DMP gibt", sagt der Vorstandsvorsitzende der KV Nordrhein Dr. Peter Potthoff.

Am DMP Diabetes mellitus Typ 2 nehmen inzwischen 79 Prozent der in Frage kommenden gesetzlich Versicherten teil. Das nordrheinische Programm stellt nach Einschätzung des ZI die weltweit größte Diabetiker-Population dar, über deren Versorgungsqualität Längsschnittanalysen von bis zu sechs Jahren möglich sind.

Die Diabetiker sind im Mittel 67,5 Jahre alt und seit 9,4 Jahren erkrankt. "Es gelingt bei der Mehrzahl dieser Diabetiker, die Blutzuckereinstellung auf einem zufrieden stellenden Niveau zu halten und insbesondere die mit zunehmender Krankheitsdauer zu erwartenden Verschlechterungen der HbA1c-Werte bei vielen Patienten deutlich zu bremsen", heißt es in dem Bericht.

90 Prozent der Diabetiker mit einer gleichzeitig bestehenden Hypertonie erhalten mindestens ein antihypertensives Medikament. Die Behandlungsdokumentationen zeigen, dass sich der Aufwand lohnt: Vor allem bei hohen Ausgangswerten des HbA1c-Wertes und des systolischen Blutdrucks seien bei den Patienten starke Verbesserungen zu sehen, die kontinuierlich am DMP teilnehmen.

Sieben der zehn für das DMP Diabetes mellitus Typ 2 vereinbarten Qualitätsziele sind 2009 erreicht worden. Die angestrebte Rate von 80 Prozent augenärztlicher Untersuchungen wurde mit 79,2 Prozent nur knapp verfehlt. Deutlichere Defizite gab es dagegen bei der Quote zur Verordnung von Thrombozytenaggregationshemmern bei Patienten mit kardiovaskulären Risikofaktoren - statt 80 Prozent waren es 70 Prozent - und bei der Überweisung von Patienten mit schweren Fußläsionen in eine spezialisierte Einrichtung, die bei 40 Prozent statt der anvisierten 65 Prozent lag.

Bei der Überweisung von Patienten mit diabetischem Fuß schlagen sich auch die unterschiedlichen strukturellen Voraussetzungen in den Regionen nieder, sagt Dr. Lutz Altenhofen, Leiter des DMP-Projektbüros beim ZI. Für manche Patienten sei es schwer, einen Spezialisten zu erreichen. "Das ist kein DMP-Problem, sondern ein strukturelles Problem", so Altenhofen.

Insgesamt zeigten die Dokumentation beim DMP Diabetes mellitus Typ 2 und bei den anderen Programmen eine stetige Verbesserung der ärztlichen Prozessqualität, sagt er. "Die Patienten werden engmaschig und leitliniengerecht betreut."

So kämen viele Patienten durch die DMP in Schulungen. Allerdings seien die Teilnahmequoten an den Schulungen regional sehr unterschiedlich. "Es gibt nach wie vor weiße Flecken, in denen es überhaupt keine Schulungsangebote gibt", berichtet Altenhofen. Ein Manko des DMP sei, dass es Schwankungen im Schweregrad der Erkrankung kaum Rechnung trage. Wenn Patienten wegen eines veränderten Krankheitsbildes eine neue Schulung benötigen, sei das oft nur schwer durchzusetzen. "Das sehen viele Ärzte sehr kritisch", berichtet er.

Die Dokumentation der DMP belege eine Verbesserung der Medikation. An manchen Punkten liege nur scheinbar eine medikamentöse Unterversorgung vor, weil die Dokumentationsbögen bestimmte Arzneimittelgruppen nicht erfassen.

Das ZI schickt an die teilnehmenden Ärzte zweimal im Jahr einen Feedback-Bericht. Dort werden die Ergebnisse der einzelnen Praxis mit denen aller teilnehmenden Praxen verglichen. Dabei gehe das ZI nicht mit dem erhobenen Zeigefinger vor, sondern gebe den Ärzten Orientierungshilfen. "Das ist unser Versuch, den Ärzten zu zeigen: Das Engagement im DMP ist nicht umsonst."

Fast 5,8 Millionen Patienten in DMP
Aktuelle Teilnahme an Disease-Management-Programmen
Indikation Laufende
Programme
Teilnahme
am DMP
Asthma bronchiale 1.965 714.670
Brustkrebs 1.748 128.146
Chronisch obstruktive
Lungenerkrankung
1.974 562.965
Diabetes mellitus Typ 1 1.696 136.574
Diabetes mellitus Typ 2 1.945 3.413.643
Koronare Herzkrankheit 1.899 1.618.457
Insgesamt 11.227 6.574.455
Versicherte, die in einem (oder mehreren) DMP eingeschrieben sind 5.789.690
Quelle: Bundesversicherungsamt / Stand: Dezember 2010 - Tabelle: Ärzte Zeitung

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Noch Potenziale zur Verbesserung

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