Ärzte Zeitung, 02.04.2014

Demenz

Eine Krankheit, die oft auch Ärzte nicht wahrhaben wollen

Die zunehmende Häufigkeit von Demenz ist wahrscheinlich unausweichlich in einer alternden Gesellschaft. Aber die ist nicht darauf eingestellt. Die beiden Ärztekammern in Nordrhein-Westfalen haben dazu jetzt eine Initiative gestartet.

Von Ilse Schlingensiepen

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Kann es Demenz sein? Auch Ärzte weichen dieser unangenehmen Frage aus.

© Yuri Arcurs / fotolia.com

KÖLN. Rudolf Henke war nach eigenen Angaben kein "demenzsensibler Sohn". Der Vorsitzende des Marburger Bundes und Präsident der Ärztekammer Nordrhein hat weder die Zeichen der Demenz bei seinem Vater erkannt noch den Unterstützungsbedarf seiner Mutter.

"Ich habe alles für wohl geordnet gehalten", berichtet Henke auf der Auftaktveranstaltung zum Aktionsjahr "Demenz im Blick" der Ärztekammern Nordrhein und Westfalen-Lippe.

Im Umgang mit Demenzerkrankungen im eigenen Umfeld hat der Arzt nicht anders reagiert, als es viele Angehörige tun. Er hat vor den Anzeichen die Augen verschlossen und versucht, sie mit scheinbar rationalen Gründen zu erklären "Es ist schwierig, als Gesunder nachzuvollziehen, was da passiert."

Das Nicht-Wahrhaben-Wollen von Symptomen der Demenz ist nicht auf das private Umfeld der Erkrankten beschränkt. Es kann auch bei Hausärzten eine Rolle spielen.

"Die Nähe zu den Patienten steht uns oft als Barriere im Weg", weiß Professor Stefan Wilm, Hausarzt in Köln und Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin an der Uniklinik Düsseldorf.

Hausärzte fürchten die Diagnose

Der Hausarzt verlässt sich auf das Bild, das er vom Patienten hat, und zieht keine neuen Informationen ein, sagt Wilm. Zudem steckt der Arzt in einem Dilemma: Welche Aussicht, welche Therapie kann er dem Patienten bieten, wenn er den Verdacht auf eine Demenzerkrankung äußert?

"Patient und Hausarzt haben gemeinsam Angst vor der Stigmatisierung." Auch wenn die Anzeichen dafür sprechen, vermeide es der Hausarzt, das Thema aufzugreifen.

Rudolf Henke erkannte die Erkrankung seines Vaters erst, als die Mutter ins Krankenhaus musste. Die Familie hatte Glück, die Klinik hatte eine gerontopsychiatrische Station und bot eine Tagespflege an. Das Ehepaar konnte eine gemeinsame Zeit verbringen, in der die Frau von der Sorge um ihren Mann entlastet war.

Bislang ist es eher dem Zufall überlassen, ob an Demenz Erkrankte und ihre Angehörigen im Medizin- und Sozialsystem die Aufmerksamkeit und Hilfe erhalten, die sie in ihrer besonderen Situation brauchen.

Das Aktionsjahr der beiden Kammern soll mit einer ganzen Reihe von Initiativen und Veranstaltungen dazu beitragen, dass das nicht so bleibt.

"Unser Ziel ist die Weiterentwicklung von Hilfen und Unterstützung für Betroffene sowie die Förderung von Verständnis und Sensibilität für Demenzerkrankungen, um so gesellschaftlicher Ausgrenzung entgegenzuwirken", erläutert Henke. Im Lebensumfeld der Betroffenen sollen Netzwerke entstehen, die mehr soziale Teilhabe und Hilfestellung ermöglichen.

"Das Wichtigste ist, diejenigen nicht aufzugeben, die in der Gefahr sind, dass die Diagnose Demenz zum Etikett wird, bei dem manch einer sagt: Da kann man nichts mehr machen."

In der Versorgung von Demenzkranken fehlt es an Geld und an Zuwendung, kritisiert Dr. Theodor Windhorst, der Präsident der westfälischen Ärztekammer. "Die Gesellschaft entledigt sich hier auf oft würdelose Weise eines für sie unbequemen Themas." Die Kammern wollen die Verantwortung übernehmen, daran etwas zu ändern.

Kollektive Angst vor Demenz

Es gibt kaum eine andere Krankheit, die so verbreitet ist wie die Demenz und über die man gleichzeitig so wenig weiß, sagt Landesgesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne). Sie ist die Schirmherrin von "Demenz im Blick".

Nach Schätzungen sind bundesweit zurzeit 1,4 Millionen Menschen an Demenz erkrankt, im Jahr 2050 sollen es bereits drei Millionen sein. "Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern Viertel nach zwölf in der Art, in der wir uns mit dem Thema auseinandergesetzt haben", so Steffens.

Sie hält es für ein Problem, dass die Bedürfnisse der Betroffenen bislang eine zu geringe Rolle spielen. "Wir müssen lernen, die Menschen mit Demenz sagen zu lassen, was sie brauchen und was ihnen gut tut."

Wichtig seien individuelle Ansätze und keine pauschalen Lösungen. "Das ist mit unserem Gesundheitssystem eigentlich ganz inkompatibel." Sowohl in den Köpfen der Menschen müsse sich etwas ändern als auch in den Strukturen.

Der Nachholbedarf beim Wissen über den Umgang mit der Erkrankung sei groß, sagt sie. "Das Nicht-Wissen führt dazu, dass wir eine kollektive Angst vor der Demenz haben."

Steffens plädiert dafür, die Demenz als Erscheinung des Älterwerdens zu akzeptieren. In der Gesellschaft und im Gesundheitssystem muss Demenz zur Normalität werden, betont die Ministerin. "Wir müssen die Angst in der Gesellschaft gemeinsam abbauen." Es ist noch ein weiter Weg, bis das erreicht ist.

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