Ärzte Zeitung, 19.12.2016
 

Landarzt-Leben

Alternativen zum Klischee sind machbar

Leben im Fachwerkhaus, während die Kühe auf der Weide grasen? Bei der Niederlassung als Landarzt ist das kein Muss. In Marburg erfahren Studenten von Alternativen – und warum man doch besser keine Freundin ins Dorf mitbringt.

Von Jana Kötter

Alternativen zum Klischee sind machbar

Von wegen nur Kühe: Das Leben als Landarzt ist oft ganz anders.

© Composer / Fotolia

MARBURG. Sich auf dem Land niederzulassen bedeutet heute nicht mehr unbedingt, auch der klassische "Landarzt" zu sein. So sei es heute in vielen Gebieten durchaus denkbar, in Dorf oder Kleinstadt zu arbeiten und in der Großstadt zu leben, betont Jutta Willert-Jacob.

"Aktuell gibt es auch in der Niederlassung als Landarzt unheimlich viel Flexibilität", sagt Willert-Jacob. Dank der Aufhebung der Residenzpflicht und der Reform des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes sei es heute nicht mehr nötig, bei der Praxis zu wohnen.

Willert-Jacob lebt selbst in Marburg, ist aber in der rund 60 Kilometer entfernten, knapp 20.000 Einwohner zählenden Gemeinde Haiger im Lahn-Dill-Kreis niedergelassen. Ihr Lebensmodell hat die Allgemeinärztin nun bei der "Chance Landarzt" an der Uni Marburg vorgestellt – und damit den ein oder anderen Studierenden zum Staunen gebracht.

Ein anderer Blick auf Landarzt-Tätigkeit

"Ziel ist, den Studierenden einmal einen anderen Blick auf das Leben als Landarzt zu ermöglichen", erklärt Professor Erika Baum. Die DEGAM-Präsidentin hat lange Zeit das Institut für Allgemeinmedizin geleitet und ist mit für das Kompetenzzentrum verantwortlich.

Der "Perspektivwechsel" beim Blick auf die Landarzt-Tätigkeit ist fester Bestandteil des Marburger Kalenders, 40 Studierende sind in diesem Jahr in den Hörsaal gekommen. Themen sind Gehaltsvorstellungen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – aber eben auch innovative Arbeitsmodelle.

Willert-Jacob plädiert dafür, offen für flexible Modelle zu sein und diese auch einzufordern. In ihrer Praxis hat sie einen weiteren Arzt in Teilzeit angestellt.

Er lebt in Darmstadt – und weil sich das Pendeln über gut 130 Kilometer einfache Strecke nicht lohnt, wurde in der Praxis mit sechs Untersuchungsräumen kurzerhand eine Schlafgelegenheit eingerichtet. "Vieles ist möglich", betont Willert-Jacob.

Dr. Gangolf Seitz pflichtet ihr bei – auch wenn der Lehrbeauftragte der Uni Marburg selbst den "klassischen Landarzt" vertritt: Er hat seine Praxis in Goßfelden, dem größten Ortsteil der Gemeinde Lahntal im hessischen Landkreis Marburg-Biedenkopf. Goßfelden zählt rund 2400 Einwohner.

Lieber keine Freundin mitbringen: Landärzte sind kleine Berühmheiten

Dass man als Landarzt da automatisch eine Person des öffentlichen Lebens sei, daraus macht Seitz vor den Studierenden kein Geheimnis: "Ihr Auto ist bekannt, und auch eine Freundin halten Sie sich auf dem Land besser nicht, sonst weiß es bald das ganze Dorf", bringt er zum Schmunzeln.

Gleichzeitig macht er aber deutlich: "Man kann sich heute auch gut raushalten. Wenn Sie sich nicht am Dorfleben beteiligen wollen, dann müssen Sie das nicht." Sprich: Ein Angebot an Vereinsleben und Nachbarschaft sei da, nichtsdestotrotz bleibe es jedem offen, dieses zu nutzen.

Seitz weiter: "Heute kann man gut auf dem Land leben und von vornherein klar signalisieren, dass man Privat- und Berufsleben trennen möchte."

In jedem Fall jedoch, rät Seitz den jungen Ärzten, sollten sie die vorhandene Infrastruktur prüfen: Kindergärten, Nahverkehr, Internet. "Das sind wichtige Fragen, wenn es um die Niederlassung auf dem Land geht."

Fördergelder könnten dann eine wichtige Rolle spielen, den entscheidenden Schritt zu wagen. Die KV Hessen etwa fördert die Famulatur in einer Gemeinde mit weniger als 20.000 Einwohnern seit Juli diesen Jahres mit 595 Euro im Monat für maximal zwei Monate, im Praktischen Jahr gibt es den gleichen Betrag für maximal 16 Wochen – macht in Summe 2380 Euro. Seitz plädiert dafür, solche Angebote wahrzunehmen – sofern sich der angehende Arzt eine Tätigkeit auf dem Land vorstellen kann.

"Wenn Sie Hausarzt werden, stehen Ihnen heute alle Türen offen", betont er. Aufgrund der günstigen Bedingungen sei es möglich, Forderungen zu stellen – auch nach flexiblen Modellen: "Sie können pokern heutzutage."

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