Ärzte Zeitung online, 29.01.2018

Psychotherapie

Wissenschaftsrat will sechs Jahre Studium

Der Wissenschaftsrat empfiehlt neue Wege in der Psychotherapeutenausbildung. Die Ärzte stehen dem Projekt skeptisch gegenüber.

BERLIN. Die Reform der Psychotherapeutenausbildung wird von der Ärzteschaft argwöhnisch beäugt. Die Kritik zielt vor allem auf in einem Arbeitsentwurf des Bundesgesundheitsministeriums aufgeführten Plänen für Modellstudiengänge, mit denen die Absolventen des neuen Approbationsstudiengangs auf das Verschreiben von Medikamenten vorbereitet werden sollen. Das ist bislang den ärztlichen Psychotherapeuten vorbehalten.

Der Wissenschaftsrat berät Bund und Länder in Fragen der Entwicklung der Hochschulen sowie Wissenschaft und Forschung. In seiner jüngsten Sitzung hat der Rat Empfehlungen zu dieser umstrittenen Reform beschlossen. Die Psychotherapeutenausbildung solle im ersten Studienabschnitt in ein allgemeines Psychologiestudium eingebettet werden, sagte die Vorsitzende des Rates Professorin Martina Brockmeier am Montag in Berlin. Darauf solle dann ein Masterstudium "Klinische Psychologie und Psychotherapie" aufbauen. "Es ist gut, wenn man die Psychotherapie-Ausbildung" wieder in den akademischen Raum zurückholen kann", sagte Brockmeier.

Aus den Konflikten zwischen den Verbänden der Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten und Ärzten hält sich der Wissenschaftsrat weitgehend heraus. Immerhin sieht er in den bisher vorliegenden Plänen die Praxis untergewichtet. Das Gremium befürwortet daher Pläne, die Erteilung der Approbation über die Bachelor- und Masterprüfung hinaus auch von einer Prüfung praktischer Handlungskompetenzen abhängig zu machen. Um sicherzugehen, dass mit der Approbation auch tatsächlich praktische Fähigkeiten vorliegen, solle nach der Masterprüfung zunächst eine eingeschränkte Behandlungserlaubnis vergeben werden. Die endgültige Approbation solle dann nach einem postgradualen praktischen Jahr erfolgen.

Ansprüche stellt der Wissenschaftsrat auch an die Hochschulen. Wer ausbilden will, sollte nach Auffassung des Rates eine eigenständige und höchsten methodischen Standards entsprechende Forschung im Bereich der Psychotherapie und ihrer psychologischen Grundlagen betreiben.

Zudem sollten ausbildende Hochschulen eine psychotherapeutische Hochschulambulanz betreiben oder zumindest mit anderen Hochschulen und medizinischen Einrichtungen eng zusammenarbeiten.

Der Wissenschaftsrat fordert die Hochschulen auf, Studiengänge einschließlich einer fünfährigen Weiterbildungsphase aus einem Guss zu konzipieren. Dazu sollten Psychotherapeuten in der Weiterbildung gesetzlich mit Ärzten in Weiterbildung gleichgestellt werden.

Die Akademisierung der Psychotherapieausbildung biete Chancen für die Forschung, sagte Brockmeier. Themen wie Migration und Industrie 4.0 lägen noch weitgehend brach. "Es besteht der Eindruck, dass sich die Psychologie diesen Herausforderungen noch nicht angenommen hat", sagte Brockmeier.

In Deutschland leisten vor allem Haus- und Fachärzte die psychosomatische Grundversorgung. Ausweislich von Zahlen der Bundesärztekammer werden mehr als 80 Prozent der Patienten mit einer Depression vom Hausarzt behandelt, 40 Prozent der Patienten mit psychischen Störungen vom Facharzt mit der Zusatzbezeichnung Psychotherapie. (af)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Ausreichend Folsäure schützt Hypertoniker vor Schlaganfall

Bestimmte Hypertoniker sollten auf eine gute Folsäureversorgung achten. Dadurch können sie ihr Schlaganfallrisiko deutlich senken. mehr »

Feinsinnige Geister und Antisemiten

Ein neues Buch beleuchtet die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin während des Nationalsozialismus. Am Fallbeispiel Emil von Bergmann erkennen Leser, wie zwiegespalten die DGIM-Mitglieder waren. mehr »

Saunieren schützt vor Schlaganfall

Möglicherweise beugt häufiges Saunieren Hirninfarkten vor. In einer finnischen Studie war die Schlaganfallrate bei Saunafans um 60 Prozent reduziert - dafür mussten Saunagänger aber einen Faktor beherzigen. mehr »