Ausbildungsreform

Psychotherapeuten: "Es entsteht kein neuer Heilberuf!"

Mit dem letzten Gesetzentwurf dieser Legislaturperiode sorgt das Gesundheitsministerium für Zündstoff: Ärzte- und Psychotherapeutenverbände stehen sich gegenüber.

Anno FrickeVon Anno Fricke Veröffentlicht:
Patientengespräch: Hausärzte fürchten mit der Reform der Psychotherapeuten-Ausbildung einen neuen „Hausarzt für die Seele“.

Patientengespräch: Hausärzte fürchten mit der Reform der Psychotherapeuten-Ausbildung einen neuen „Hausarzt für die Seele“.

© pressmaster / stock.adobe.com

BERLIN. Die Ärzteschaft beäugt die geplante Ausbildungsreform der Psychotherapeuten misstrauisch. Die im Spitzenverband der Fachärzte (SpiFa) organisierten Fachärzte sprechen in einer Pressemitteilung von einer Verschiebung von Zuständigkeiten, Macht und Geld in den psychologischen Bereich. Die Hausärzte fürchten die Einführung eines "Hausarztes für die Seele", geben sich aber verbindlich: "Gegen eine Reform der Psychotherapeuten-Ausbildung ist natürlich überhaupt nichts zu sagen", sagte Hausärzteverbands-Sprecher Vincent Jörres der "Ärzte Zeitung". Man warne jedoch vor Versuchen, ärztliche Aufgaben an nicht-ärztliche Berufe zu übertragen.

Für die Deutsche Psychotherapeuten-Vereinigung (DPtV) ist die Aufregung unverständlich: "Es soll am Ende nichts anderes herauskommen als bisher", hat DPtV-Vorsitzende Barbara Lubisch jetzt in Berlin klargestellt. Die Kritik komme vorwiegend von Betreibern von Ausbildungsinstituten, die um ihre Pfründen fürchteten. Es entstehe kein neuer Heilberuf in Konkurrenz zu Ärzten, der die Gesprächs- und Verschreibungskompetenz an sich reißen wolle.

Studentenzahl soll gedeckelt werden

Ein Hintergrund der Diskussionen ist unter anderem die geplante Deckelung der Studentenzahlen. Rund 220 Ausbildungsinstitute gibt es in Deutschland, die eine jährlich zunehmende Zahl von Absolventen betreuen, viele davon Selbstzahler. 2016 nahmen etwa 2700 junge Menschen die Ausbildung nach altem Modus auf. In diesem Jahr könnte die Zahl von 3000 geknackt werden, schätzt die DPtV. Etwa 200 Millionen Euro haben die gesetzlichen Krankenversicherer laut DPtV-Angaben allein 2016 an die Ausbildungsinstitute ausgeschüttet. Diese Kosten sind nicht gedeckelt. Aber: Mit der umstrittenen Reform soll die Zahl der Studienabschlüsse auf 2500 beschränkt werden, jedenfalls nach den bisher bekannten Überlegungen aus dem Gesundheitsministerium.

Auf der Tagesordnung der nächsten Regierungspartner könnte die Reform der Psychotherapeutenaus- und weiterbildung durchaus auftauchen. Kurz vor Toresschluss der Legislatur hat das Gesundheitsministerium noch einen Arbeitsentwurf für ein Gesetz in die Diskussion eingespeist (die "Ärzte Zeitung" berichtete). Im Kern geht es darum, die Zugangsvoraussetzungen für angehende Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten zu vereinheitlichen, ein zur Approbation führendes Hochschulstudium mit den Abschlüssen Master und Staatsexamen einzurichten und eine strukturierte Weiterbildung analog zu der der Ärzte aufzubauen.

Das Projekt steht bereits im Koalitionsvertrag der noch aktuellen Regierung. Auslöser der bereits seit Jahren andauernden Diskussion ist, dass die derzeitige Ausbildung nicht mit den europäischen Anforderungen des Bologna-Prozesses kompatibel ist. Die sehen eine europaweite Harmonisierung von Studiengängen- und -abschlüssen vor. Zudem, so beklagen die Befürworter der Reform, finde die Ausbildung in einer rechtlichen Grauzone statt. Die Studenten seien in Kliniken und Ausbildungsinstituten bereits vor der Approbation in Patientenbehandlungen eingebunden.

Finanzierung bleibt unklar

Das soll sich nun ändern. Die 50 Institute für Psychologie in Deutschland könnten die Aufgabe stemmen, künftige Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichentherapeuten auszubilden, sagt Dr. Thomas Fydrich von der Berliner Humboldt-Universität. Fydrich ist Vertreter der Deutschen Gesellschaft für Psychologie und der Psychologischen Institute und Fakultäten in Deutschland.

Knackpunkt ist die analog zu Ärzten geplante Weiterbildung. Dafür werde die "sinnvolle Struktur" der Institute weiter gebraucht, sind sich die Psychotherapie-Verbände und die Bundestherapeutenkammer einig. Die geplante zweijährige ambulante Weiterbildungsphase sei von den niedergelassenen Praxen nicht zu stemmen, Kliniken böten die Richtlinientherapie nicht an.

Unklar ist die Finanzierung. In der bisherigen postgradualen Ausbildung verdienen die angehenden Therapeuten wenig oder nichts und müssen sich oft mit Nebenjobs über Wasser halten. Künftig sollen sie in der Weiterbildung wie Ärzte Gehälter beziehen. Dafür brauchen die niedergelassenen Praxen, Institute und Kliniken eine Gegenfinanzierung. Dazu schweigt der bisherige Gesetzentwurf.

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