Ärzte Zeitung, 14.12.2011

vfa bietet Kooperation zur Deregulierung an

Wissen und Erkenntnisse zusammen bringen, koordiniert handeln: Vor allem für Organisationen der Ärzte und Industrie sollte dies ein Weg für eine optimierte Arzneimittelversorgung sein, fordert vfa-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer.

vfa bietet Kooperation zur Deregulierung an

Birgit Fischer, vfa-Hauptgeschäftsführerin und Dr. Günter Jonitz, Ärztekammerpräsident Berlin

© vfa | K. Friedrich, Ärztekammer Berlin

BERLIN (HL). Die Online-Aktion der "Ärzte Zeitung" zu den Hürden für eine innovative Arzneimitteltherapie hat vor allem in der Qualität der Fragen und Statements ein beachtliches Echo ausgelöst.

"Eingemischt" hat sich dabei auch der Präsident der Ärztekammer Berlin, Dr. Günter Jonitz: Er verweist auf die Motivation und berufsrechtliche Verpflichtung der Ärzte, die bestmögliche Medizin zu betreiben, die allerdings unter anderem durch sozialrechtliche Vorgaben auch konterkariert werden können.

Bestmögliche Medizin ist aus seiner Sicht aber nicht gleichzusetzen mit Innovationen, weil diese kein Gütekriterium an sich sind. Hierbei verweist Jonitz auf eine Reihe neuartiger Arzneimittel, die schon kurz nach ihrer Markteinführung wegen ihrer Risiken wieder aus dem Verkehr gezogen wurden.

Das Neueste ist nicht unbedingt das Beste

Nach Jonitz‘ Meinung wird die Industrie lernen, dass es besser ist, eine Unternehmenspolitik unter dem Gesichtspunkt ärztlicher Verantwortung als unter Marketingaspekten zu betreiben. Denn Ärzte gefährdeten ihre Unabhängigkeit und ihren Freiberuflerstatus, wenn sie allzu leichtgläubig ihren Patienten das Neueste als das Beste verschreiben.

Das Neueste allein sei nicht unbedingt das Beste, so Birgit Fischer in ihrer Antwort - aber das Neueste berge die Chance, besser zu sein oder besser zu wirken als das Altbekannte. Ohne Forschung, Entwicklung und kritische Beobachtung der Anwendung seien therapeutische Fortschritte nicht zu erzielen.

Fischer schlägt vor, unter dem Aspekt des Wissensmanagements Erfahrungswissen, Kenntnisse und Daten aus der Ärzteschaft und der pharmazeutischen Industrie systematisch zusammenzubringen und zu nutzen, um die Versorgung der Patienten zu gestalten.

Miteinander, nicht nebeneinander

Weder ärztliche Kompetenz und Verantwortung noch wissenschaftliches und wirtschaftliches Know-how forschender Unternehmen würden dadurch Schaden nehmen. Fischer: "Wir müssen nur beginnen, nicht nebeneinander, sondern miteinander zu arbeiten, das heißt Forschung, Entwicklung und Versorgung gemeinsam zu denken. Eine Option seien gemeinsame Programme mit begleitender Versorgungsforschung.

Lars Peters weist in seiner Online-Zuschrift auf ein "wildes Durcheinander" von Regelungen für eine wirtschaftliche Arzneimittelversorgung hin. Der Arzt wisse oft nicht, welche Kosten den Kassen entstehen, unter anderem, weil Rabatte geheim gehalten werden.

Das AMNOG habe hier mit der Aufzahlungsregelung eine Option geschaffen, die für den Arzt noch mehr Intransparenz bedeute. Beispiel: Der Arzt verschreibt Präparat A, der Apotheker substituiert dies durch B, aber der Patient wählt C.

Und hier stelle sich die Quizfrage: Welche Kosten entstehen der Kasse, und welche Kosten werden bei der Richtgrößenprüfung angerechnet? Oder eine andere Quizfrage: Was belastet die Richtgröße mehr: das rabattierte patentgeschützte Präparat oder Generika unter Festbetrag?

Ziele der Patientenversorgung nicht aus dem Auge verlieren

"Die Chancen, diese Quizfragen richtig zu beantworten, sind nicht gerade hoch", gesteht Fischer zu. Ursächlich dafür seien aber nicht die Entwicklung neuer Arzneimittel oder der medizinische Fortschritt. Vielmehr scheine der Steuerungsbedarf der Politik und der Selbstverwaltung groß zu sein. Dieser Steuerungsbedarf wachse mit sinkender Bereitschaft zu einem koordinierten Handeln der Akteure.

Fischer schlussfolgert daraus, dass Ärzteschaft, Krankenkassen, Politik und Industrie gemeinsam versuchen sollten, das Regelungsdickicht zu durchforsten, damit die eigentliche Ziele der Patientenversorgung nicht aus dem Auge verloren werden. Das eröffne die Chance, intelligente Steuerungsmöglichkeiten zu finden, ohne den Fortschritt auszubremsen.

Topics
Schlagworte
Arzneimittelpolitik (7167)
Organisationen
ÄK Berlin (258)
Personen
Birgit Fischer (354)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Wenn Einsamkeit krank macht

Ein Alterspsychotherapeut warnt: Ältere Männer sind besonders häufig suizidgefährdet. Einsamkeit ist ein Grund dafür. mehr »

Diabetes-Experten sind besorgt

Schon bald könnten mehr Lebensmittel "schlechten Zucker" enthalten. Für die Industrie wird der Einsatz von Isoglukose profitabler. mehr »

PKV bekennt sich zur Innovationsoffenheit

Wird es mit der neuen GOÄ erschwert, Privatpatienten neue Leistungen anzubieten? Vom PKV-Verband kommt dazu ein klares Dementi. mehr »