Ärzte Zeitung, 17.02.2015
 

ASV Rheuma

Warnung vor zu hohen Erwartungen

Betroffene setzen große Hoffnungen in die ambulante spezialfachärztliche Versorgung Rheuma. Doch die Ausrichtung auf schwere Verlaufsformen könnte manchen Patienten enttäuschen.

Von Ilse Schlingensiepen

Warnung vor zu hohen Erwartungen

Rheumapatienten benötigen unter anderem Physiotherapie. In die ASV setzen einige große Hoffnungen.

© Kneschke / fotolia.com

DÜSSELDORF. Die Beratungen zur Ausgestaltung der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung (ASV) für die Rheumatologie stehen erst am Anfang.

Doch auch wenn die neue Versorgungsform einmal ans Laufen kommt, sollten die Erwartungen nicht zu hochgesteckt werden.

Ein Grund ist die Ausrichtung der ASV auf die schweren Verlaufsformen der rheumatologischen Erkrankungen.

"Viele Versorgungsdefizite bleiben bestehen, die Probleme der Versicherten werden nicht gelöst", sagte Karsten Menn bei einem Seminar des Bundesverbands Managed Care Regional Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf.

Menn ist Leiter des Geschäftsbereichs Leistung und Vertrag bei der Barmer GEK in NRW.

Lange Wartezeiten, komplizierter Übergang

Rheumakranke klagten über lange Wartezeiten sowie Probleme beim zeit- und zielgerichteten Übergang vom Hausarzt zum Facharzt. "Der Hausarzt ist ein Dreh- und Angelpunkt, an dem wir arbeiten müssen", sagte er.

Da könne die ASV nicht weiterhelfen. Auch an der zu geringen Zahl an Lehrstühlen und dem Nachwuchsmangel in der Rheumatologie werde sich nichts ändern.

Menn hofft, dass durch die ASV nicht nur die Kooperation und Vernetzung der an der Versorgung Beteiligten Fortschritte macht, sondern dass sich auch die Wirtschaftlichkeit der Arzneimitteltherapie verbessert, etwa durch die Berücksichtigung von Rabattverträgen.

Die gezielte und strukturierte Krankenhausbehandlung mit einem Aufnahme- und Entlassmanagement könne die Situation verbessern, sagte er. "Wir erwarten durch die ASV eine stadiengerechte Arzneimitteltherapie."

Die Rheumapatienten stehen der ASV sehr positiv gegenüber, berichtete Helga Germakowski von der Deutschen Rheuma-Liga Nordrhein-Westfalen, die als Patientenvertreterin des Verbands im Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) sitzt.

Die bisherigen Ambulanzen nach Paragraf 116b alter Fassung (ambulante Behandlung im Krankenhaus) leisteten bereits einen relevanten Beitrag zur Versorgung. Er müsse ausgebaut werden, forderte Germakowski.

"Es wird darauf ankommen, dass der Gemeinsame Bundesausschuss die Qualitäts-Steigerung in den Mittelpunkt der Entscheidungen stellt."

Rheumapatienten hätten bereits sehr guten Zugang zu Innovationen. Verbesserungsbedarf sieht sie aber bei der Kooperation und dem Case Management, den nicht-medikamentösen Therapien oder der Umsetzung des Leitsatzes Rehabilitation vor Rente.

Germakowski warnte davor, das in der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung verpflichtende Kernteam auf ein "Miniteam" zu reduzieren. "Das Kernteam muss die Möglichkeit einer interdisziplinären Diagnostik und Therapie bieten."

So müssten Gastroenterologen und Schmerztherapeuten dazu gehören.

Leistungen vor Ort

In der Rheumatologie dürfe die ASV nicht auf gesicherte Diagnosen beschränkt sein, auch wenn die Abgrenzung schwer sei, forderte sie. "Sonst werden Chancen vertan, den Krankheitsverlauf zu stoppen oder günstig zu beeinflussen."

Wichtig sei auch, dass die Betroffenen die Leistungen vor Ort erhalten. "Es darf keine bloßen Überweisungen zur Mitbehandlung geben", sagte Germakowski.

Die gleichzeitige Präsenz aller Mitglieder eines Kernteams sei so gut wie unmöglich zu organisieren, sagte dagegen Professor Jürgen Braun, Leiter des Rheumazentrums Ruhrgebiet.

"Einmal pro Woche zehn Fachärzte zusammensetzen, die auf einen Patienten warten, ist nicht realisierbar." Ein Mini-Team hält Braun dagegen für machbar.

Die Präsenzpflicht des Kernteams einmal in der Woche müsse gewährleistet sein, stellte Dr. Regina Klakow-Franck klar, Vorsitzende des ASV-Ausschusses im Gemeinsamen Bundesausschuss.

"Man ist dieses Angebot den Patienten schuldig", sagte sie. Die Ärzte müssten allerdings nur zusammenkommen, wenn sich auch tatsächlich ein Patient angemeldet hat.

Die Bildung eines interdisziplinären Teams hält Klakow-Franck für die wichtigste Strukturqualitäts-Anforderung in der ASV. Die Kooperation müsse dabei nicht unter einem Dach erfolgen.

Der möglichen Bildung von "virtuellen Netzen" habe der Ausschuss aber einen Riegel vorschieben wollen. "Die ASV kann nicht alle Probleme lösen", betonte sie. "Der Fokus liegt auf der interdisziplinären Zusammenarbeit."

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