Ärzte Zeitung online, 09.02.2017
 

ASV

Erfolgsgeschichten sehen anders aus, aber es gibt kleine Lichtblicke

Nach fünf Jahren ASV fällt das erste Fazit von Vertretern der Selbstverwaltung äußerst durchwachsen aus: Quälend sei die Umsetzung, die Anforderung an das Anzeigeverfahren zu komplex. Es gibt aber auch positive Signale aus der Praxis.

Von Martina Merten

Die Ziele, die die ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV) verfolgt, klingen zweifelsohne sinnvoll: Interdisziplinäre Ärzteteams aus Praxen und Krankenhäuser übernehmen zu gleichen Rahmenbedingungen die Versorgung von Patienten mit schweren oder seltenen Erkrankungen. Die enge Verzahnung dieser Teams ermöglicht eine noch besser gezielte Behandlung der Patienten. Das Resultat: Die stationäre und die ambulante Versorgung greifen noch besser als bislang ineinander – zum Wohle des Patienten. So weit die Theorie.

Fünf Jahre nach der Einführung der ASV ist die Liste der Negativaspekte, die Vertreter der Gemeinsamen Selbstverwaltung und ASV Teams aufzählen, so lang, dass jeglicher Glaube an eine erfolgreiche Zukunft dieser Form der sektorübergreifenden Versorgung schwerfällt.

Die häufigste Kritik: Das Anzeigeverfahren beim erweiterten Landesausschuss (eLA) sei unverhältnismäßig aufwändig, schlichtweg "überreguliert", wie es Norbert Lettau, Vorsitzender eines solchen eLA in Hamburg, nennt. "Eine Anzeige, die ein Team bei uns einreichte, umfasste mehr als 3000 Seiten", berichtete Lettau am Rande eines Symposiums zu "Fünf Jahre ASV" in Berlin. Und: "Nicht in einem einzigen Fall haben die ASV-Teams von vornherein vollständige Unterlagen bei uns eingereicht."

Nur wenige Indikationen zugelassen

Ein verheerendes Bild dazu ergab auch die erste Umfrage unter allen berechtigten ASV-Teams, die der Bundesverband Managed Care, der Bundesverband ASV und die bbw Hochschule vorgenommen haben: 70 Prozent der befragten Teams waren mit dem Umfang der einzureichenden Unterlagen unzufrieden. Aber auch die Einschränkung der ASV auf bislang einige wenige Indikationsbereiche – darunter gastrointestinale Tumoren und Tumoren der Bauchhöhle (GIST) und Tuberkulose (TB) – ist ein Kritikpunkt.

Darüber hinaus sehen Insider die Anpassungen des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) an der Richtlinie problematisch. Der GBA hat die Eingrenzung auf schwere Verlaufsformen gestrichen. Solche Änderungen lösten Unsicherheiten bei Ärzten und Krankenhäusern darüber aus, was denn nun in Zukunft gelte und was nicht, sagte Anna Maria Raskop von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung bei dem ASV-Symposium. Dies ist ihrer Ansicht nach auch ein Grund für die geringe Anzahl der bisherigen ASV-Teams. "Ärzte brauchen mehr Informationen darüber, was bei der ASV gilt und was nicht", findet auch Dr. Axel Munte vom Bundesverband ASV.

Nicht zuletzt wird das Abrechnungsprozedere im Zusammenhang mit der neuen ASV von vielen kritisch betrachtet. Das Verfahren wurde für die an der ASV teilnehmenden Ärzte und Krankenhäuser neu aufgesetzt, es gibt zwei getrennte Abrechnungsverfahren je nach Versorgungsebene. Abgerechnet wird mit den Kassen, im Einzelfall auch über die KV oder private Dienstleister. Viele der befragten ASV-Teams empfinden all dies als "kompliziert" und "aufwändig".

Alle diese Gründe haben anscheinend dazu beigetragen, dass sich bislang lediglich 62 ASV-Teams gebildet haben. 41 setzten die ASV bei Patienten mit GIST um, 21 bei Patienten mit TB, heißt es aus dem ASV-Bundesverband. Einige weitere Teams für andere Indikationsbereiche, so für Rheuma, setzen sich derzeit zusammen.

Es ist angesichts dieser Rahmenbedingungen fast schon erstaunlich, dass sich unter diesen Teams einige befinden, die mit Feuereifer bei der Sache sind. "Für uns ist die ASV toll", sagt beispielsweise Dr. Jens Ino Kirchner, ASV Teamleiter gastrointestinale Tumoren am Krankenhaus Walsrode. Die Vorstellung des Patienten am Heidekreis-Klinikum erfolgt in einer multiprofessionellen Tumorkonferenz, bei der mit telemedizinischer Unterstützung unter Teilnahme aller Kernteam-Mitglieder und Fachärzte das weitere Prozedere festgelegt wird, erläuterte Kirchner bei dem ASV-Symposium in Berlin. Der Vorteil für den ASV-Patienten: kurze Wege, ein guter Informationsfluss. Einziges Manko an der ASV: die wechselnden Strukturvoraussetzungen, so Kirchner.

Einige Idealisten lassen sich nicht entmutigen

Auch Dr. Frank Heimann, ASV Teamleiter Tuberkulose am ambulanten fachärztlichen Zentrum für Pneumologie mit Allergiezentrum Stuttgart, gibt sich optimistisch. Es sei zwar "Idealismus notwendig", so Heimann in Berlin, aber ansonsten laufe es gut. Sein fachärztliches Zentrum bildet mit anderen ambulanten Praxen und der Thoraxklinik in Heidelberg das ASV-Team. Jeder mache das, was er am besten kann. Mit Unterstützung der KV Baden-Württemberg und deren ASV-Hotline sowie zahlreichen Informationen zur ASV funktioniere das Nebeneinander von Normal- und Selektivverträgen in Baden-Württemberg gut.

Es gibt also Lichtblicke. Oder, um es mit den Worten von Professor Christoff Jenschke von der bbw Hochschule zu sagen: "Die ASV ist etwas für diejenigen, die Verwaltung können und mögen."

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