Ärzte Zeitung online, 02.02.2018

Berlin

Aktionsprogramm für die Geburtshilfe

Ein umfassendes Aktionsprogramm soll Hebammen in Berlin entlasten und Geld in die Geburtskliniken pumpen. Monatelang hat der "Runde Tisch Geburtshilfe" an den Punkten getüftelt, am Freitag wurden sie nun vorgestellt.

Von Angela Mißlbeck

Konkrete Pläne gegen die Probleme

Beim Runden Tisch zum Thema Geburtsbegleitung sagte die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (rechts) den Kliniken 20 Millionen Euro zusätzlich für den Ausbau der Kreißsäle zu.

© Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung Berlin

BERLIN. Mehr Hebammen, zusätzliche Investitionen und digitale Plattformen sollen die Engpässe in der Geburtshilfe in Berlin beenden. Das hat der Runde Tisch Geburtshilfe, den die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD) im Herbst 2017 erstmals einberufen hatte, in einem Aktionsprogramm beschlossen.

20 Millionen Euro zusätzlich zu den im Doppelhaushalt vorgesehenen Investitionsmitteln sagt Kolat den Berliner Kliniken für den Ausbau der Kreißsäle zu. Sechs Geburtskliniken haben bereits Ausbaupläne angemeldet. Unter anderem will die nach eigenen Angaben größte Geburtsklinik Berlins am Sankt Josef Krankenhaus Tempelhof ihr Perinatalzentrum (Level 1) um drei Kreißsäle erweitern. So könnte die Klinik laut Chefarzt Professor Michael Abou-Dakn künftig 5500 Geburten jährlich betreuen.

900 Geburten mehr

Insgesamt verzeichnete Berlin in den letzten beiden Jahren jeweils rund 42.000 Geburten in den 19 Geburtskliniken, die meisten davon in den Perinatalzentren. Sie haben im Zuge der Verhandlungen am Runden Tisch den Angaben zufolge ihre Kreißsäle bereits so neu organisiert, dass sie kurzfristig insgesamt 900 Geburten mehr betreuen können. Die Bettenkapazitäten in der Geburtshilfe und gegebenenfalls in der Neonatologie sollen dem Beschluss des Runden Tisches zufolge flexibel erhöht werden.

Ab April soll zudem der digitale Bettennachweis IVENA, der für die Notfallmedizin eingesetzt wird, die Berliner Geburtskliniken vernetzen. Überlastete Geburtskliniken und die Feuerwehr sollen mit der Software Ausweichmöglichkeiten schneller finden. Die Kliniken haben sich zudem verpflichtet, in jedem Fall zu prüfen, ob eine Schwangere weitergeleitet werden kann oder muss. "Wir möchten, dass die Obhut jeder Klinik für die Frau deutlicher wird", sagte Abou-Dakn bei der Vorstellung des Aktionsprogramms. Er entwirft das "Bild einer großen gemeinsamen Berliner Klinik".

Der Hebammenmangel in Berlin wird mit einem Ausbildungsprogramm angegangen. Die Kapazitäten der Hebammenschulen steigen laut Beschluss von jetzt 202 um 130 Plätze bis zum Jahr 2020 auf 332 Plätze um 64 Prozent. Die Nachfrage ist nach Kolats Angaben vorhanden. Das gilt auch für die akademische Hebammenausbildung in Berlin, die ebenfalls vorangetrieben werden soll.

Zugleich sollen die Arbeitsbedingungen der Hebammen in den Kliniken der Hauptstadt verbessert werden. Dazu werden Best-Practice-Beispiele und Wege zur Entlastung von Beleghebammen bei den Haftpflichtprämien gesucht. Außerdem will Kolat im Rahmen der angekündigten Bundesratsinitiative für Personalstandards in Krankenhäusern auch für Hebammen auf Geburtsstationen Personaluntergrenzen auf Bundesebene einfordern.

"Peinlich für Berlin"

Die Vorsitzende des Berliner Hebammenverbands Susanna Rinne-Wolf hält diesen Faktor für zentral: "Wir gehen davon aus, dass die Hebammen zurück in die Kreißsäle kommen, wenn die Arbeitsbedingungen verbessert sind", sagte sie. Zugleich kündigte sie an, dass ihr Verband mit Lottomitteln eine Online-Plattform zur Hebammensuche aufbauen wird, bei der Frauen ihr Gesuch mit Wohnortangabe einstellen können. Das Kalkül: Wenn Hebammen weniger Fahrzeiten haben, können sie mehr Frauen und Kinder rund um die Geburt betreuen.

Außerdem soll die Anerkennung von ausländischen Hebammen beschleunigt werden. Auch eine Anpassungsqualifizierung soll künftig in Berlin möglich sein. Die gab es bisher nur in Niedersachsen. Kolat wertete das als "peinlich für Berlin". Sie zeigt sich überzeugt: "Die jetzt beschlossenen Maßnahmen werden die Situation der Geburtshilfe in Berlin spürbar verbessern." Am Jahresende will der Runde Tisch Bilanz ziehen.

Die Gesundheitsexpertin der Grünen im Abgeordnetenhaus, Catherina Pieroth-Manelli, begrüßte das Aktionsprogramm. "Die Forderungen decken sich weitestgehend mit dem Positionspapier unserer Fraktion aus dem letzten Jahr", so die Grünen-Politikerin. Sie signalisierte parlamentarische Unterstützung für die Umsetzung..

Das Aktionsprogramm

  • Die Berliner Kliniken erhalten 20 Millionen Euro zusätzlich zu den im Doppelhaushalt vorgesehenen Investitionsmitteln.
  • Die Bettenkapazität in den 19 Geburtskliniken der Hauptstadt soll flexibel erhöht werden können.
  • Ab April soll der digitale Bettennachweis IVENA, der für die Notfallmedizin eingesetzt wird, die Berliner Geburtskliniken vernetzen.
  • Dem Hebammenmangel soll mit einem Ausbildungsprogramm begegnet werden.
  • Eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Hebammen ist geplant.
  • Personaluntergrenzen für Hebammen auf Geburtsstationen sind ebenfalls im Gespräch.
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