Ärzte Zeitung, 01.10.2009

Demenz: Plädoyer für gemeinsame Behandlungspfade

Die Versorgung von Demenzkranken gewinnt in der alternden Gesellschaft an Bedeutung. Ärzte- und Patientenvertreter plädieren für eine bessere Vernetzung der Angebote. Doch die Anreize fehlen dafür.

Von Angela Mißlbeck

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Eine liebevolle Betreuung ist für Demenz-Kranke wichtig. Foto Sophienhof

BERLIN. "Das Hauptproblem bei der Versorgung Demenzkranker liegt darin, dass die Angebote besser vernetzt werden müssen", sagte Dr. Carl Heinz Müller, Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) am Wochenende bei der Kooperationstagung "Demenz - gemeinsam für eine bessere Versorgung", zu der KBV und KV Berlin gemeinsam mit dem Berufsverband Deutscher Nervenärzte (BVDN), dem Hausärzteverband Berlin-Brandenburg und der Berliner Alzheimer Gesellschaft eingeladen hatten. Die Initiatoren waren sich einig, dass die Versorgung Demenzkranker unzureichend ist. Nötig seien vor allem strukturierte Versorgungsformen, die ärztliche, pflegerische und weitergehende Betreuungsangebote besser verzahnen, so die Berliner KV-Chefin und Hausärztin Dr. Angelika Prehn.

Dafür fehlen nach Meinung von BVDN-Chef Dr. Frank Bergmann jedoch die Anreize. "Der bio-psycho-soziale Versorgungsansatz wird in der ambulanten Versorgung in keiner Weise vergütet", sagte er. Nötig sei mehr Kommunikation zwischen Ärzten unterschiedlicher Versorgungsebenen, zwischen Ärzten und Pflege und mit der Selbsthilfe. Die Voraussetzungen dafür könnte seiner Meinung nach ein neues Modell schaffen, das die KBV-Vertragswerkstatt gemeinsam mit den Berufsverbänden der Psychiater und Neurologen jetzt entwickelt hat. Dieses Konzept zur neuropsychiatrischen Versorgung ist zunächst indikationenübergreifend angelegt. Es soll laut Bergmann alle neurologisch-psychiatrischen Erkrankungen umfassen, die für den Risikostrukturausgleich relevant sind. Dafür wurden gemeinsame Behandlungspfade und Schnittstellen definiert, bei denen neben Diagnostik und Therapie auch Schulungs-Maßnahmen für Patienten oder ihre Angehörigen vorgesehen sind.

Wie das Konzept umgesetzt werden soll, ist noch offen. Während Bergmann auch Integrationsverträge für denkbar hält, plädierte Müller für einen bundesweiten Kollektivvertrag. "Wir würden gern einen kassenübergreifenden Vertrag schließen, doch das muss politisch gewollt sein", sagte der KBV-Vorstand. Auch die Kostenträger müssten einsehen, "dass es auf Dauer teurer ist, nichts zu ändern, als neue Verträge für eine neue Versorgung umzusetzen". Ein Strukturvertrag wäre aus Müllers Sicht die beste Lösung. "Wenn er leitliniengerechte Therapie regelt, entfällt für den Arzt auch das Regressrisiko", so der KBV-Vorstand.

Auf Probleme mit der Arzneimittelversorgung Demenzkranker wies Professor Lutz Frölich vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit Mannheim hin. "Die derzeitige Therapie der Alzheimer Demenz wird trotz belegtem Nutzen immer noch unzureichend umgesetzt", sagte er. Die Geschäftsführerin der Deutschen Alzheimer Gesellschaft Sabine Jansen sieht nicht nur bei der Demenzbehandlung selbst Verbesserungsbedarf. Alzheimerkranke müssten auch nach einem Oberschenkelhalsbruch im Krankenhaus anders behandelt werden als andere Patienten. "Sie sind oft nicht ruhig. Das erfordert eine besondere Behandlung", so Jansen. Die Selbsthilfeorganisation testet derzeit einen standardisierten Infobogen, den Angehörige ausfüllen können, um das Klinikpersonal auf Besonderheiten des Patienten hinzuweisen. Sie plädiert zudem dafür, hier Möglichkeiten zum Rooming-In für Angehörige zu schaffen.

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