Ärzte Zeitung, 10.08.2011

Landarzt als Lebensform - ist das noch zukunftsfähig?

NEU-ISENBURG (bee). Die Regierung will neue Ärzte mit Anreizen aufs Land locken. Aber wie realistisch ist es, dass das gelingt? Die "Ärzte Zeitung" hat zwei Ärzte in verschiedenen Landstrichen Deutschlands besucht.

Landarzt als Lebensform - ist das noch zukunftsfähig?

Der Weg für Patienten zur Landarztpraxis wird länger.

© NBL / imago

Ein wichtiger Teil des Versorgungsstrukturgesetzes, das am 29. September erstmals im Bundestag beraten werden soll, ist die Reform der Bedarfsplanung.

Künftig soll es vor allem den Ländern möglich sein, stärker in die Bedarfsplanung einzugreifen. Sie bekommen zwei Sitze in den zuständigen Gremien im Bundesausschuss.

Landesbehörden sollen auch in die Planungen der ärztlichen Selbstverwaltung und der Kassen eingreifen können. In einigen Regionen kann es ebenso sinnvoll sein, eine sektorenübergreifende Bedarfsplanung zu entwickeln.

Fraglich, ob Vorhaben gelingt

Ob durch veränderte Planungsparameter sowie mit zusätzlichem Honorar mehr Ärzte aufs Land gelockt werden, ist fraglich.

Zum einen ist für viele junge Ärzte die Lebensform Hausarzt mit Hausbesuchen und 60 Arbeitsstunden pro Woche oft keine Option mehr. Zum anderen werden in den nächsten Jahren immer mehr Frauen das Medizinstudium abschließen.

Da viele aus familiären Gründen keine 50 bis 60 Wochenstunden arbeiten können, steht die Lebensform "Landarzt" auf der Kippe.

Die "Ärzte Zeitung" hat zwei Landärzte, die in unterschiedlichen Regionen in Deutschland arbeiten, besucht und deren täglichen Einsatz für Patienten nachgezeichnet:

» Erich Lickroth aus dem hessischen Lützelbach - Leichenschau, Formulare und ein volles Wartezimmer

» Hartmut Kuske aus dem brandenburgischen Schönow - Auf dem Land, da ist der Hausarzt noch wer

Status quo der Bedarfsplanung

Der Fokus der Bedarfsplanung, die 1993 eingeführt wurde, liegt darauf, Überversorgung zu verhindern. Bei der Berechnung werden die KV-Regionen in Planungsgebiete unterteilt, die den Grenzen der Landkreise entsprechen. Um den Versorgungsbedarf zu ermitteln, werden Arzt- und Bevölkerungszahlen gegenübergestellt. Momentan wird die Morbidität nicht abgebildet. Der ambulante und stationäre Sektor wird getrennt berechnet. Strittig ist, ab wann ein Landkreis unterversorgt ist: Für die KBV sind Regionen mit einem Versorgungsgrad um 100 Prozent ein Problembezirk. Aus Kassensicht entsteht Handlungsbedarf erst, wenn eine Region bei unter 75 Prozent liegt. Das gilt nur für den Saalkreis in Sachsen-Anhalt mit 64,8 Prozent Versorgungsgrad. (bee)

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[12.08.2011, 12:55:06]
Dr. Bruno Josef Schotters 
Landärztemangel und dessen Verhinderung
Die Lösung des Problems ist so einfach, sodaß keiner unserer hochspezialisierten Politiker und Berufsfunktionäre darauf kommt. Diese Leute sehen vor lauter Bäumen den Wald nicht.
Die Einrichtung einer modernen dem heutigen Wissensstand angepassten Allgemeinarztpraxis verschlingt ca. 500000 Euro. Diesen Betrag kann ein verheirateter Arzt mit 3 Kindern in seiner Ausbildungszeit nicht ansparen. Die laufenden Kosten einer Praxis muß man mit ca. 15000 Euro im Monat ansetzen. Diese Kosten sind selbst mit 60 Arbeitswochenstunden einschließlich Nacht- und Wochenenddiensten nicht zu erarbeiten.
Ein Wegfall der gedeckelten Leistung nutzt da garnichts, denn der Kollege müßte 90 bis 110 Wochenstunden arbeiten um auf einen Lohn zu kommen, der den Schuldenabtrag, die laufenden Praxiskosten und den Lebenserhalt für die Familie ermöglicht.
Die Lösung: Die Anzahl der Landarzt-Praxen pro Ort muß in Relation zu den jeweiligen Einwohnern stehen, d.h. pro Praxis eine maximale Scheinzahl von 800 bis 1000 Scheinen und organisiertem Not- und Nachtdienst, damit der Arzt auch Zeit für sich, seine Familie und evtl. seinem Hobby hat.
Die Leistungen des Arztes müssen entsprechend seinem Ausbildungswerdegang honoriert werden, d.h. es muß eine völlig neue Gebührenordnung erstellt weren.
Die Finanzierung: Abschaffung der gesetzlichen Krankenkassen, die in der Verwaltung viel zu teuer sind und dafür freie, jedem zugängliche Krankenkassen mit Beiträgen, die an das Einkommen der Versicherten angepasst sind. Ein eventuelles Defizit der Kassen müßte nach Prüfung deren Verwaltungs- und Haushaltskosten aus dem Steuereinkommen des Bundes finanziert werden.
Die höheren Kosten, die zweifellos auf den Staat zu kämen, wären leicht dadurch zu finanzieren, in dem der Bundesrechnungshof sinnloses Verpulvern von Milliarden von den Verursachern zurückfordert, d.h. die Verursacher in persönliche Haftung nimmt. Wenn der Bund mit hohen Milliardenbeträgen für selbstverschuldet bankrotte Staaten eine Bürgschaft übernimmt, muß ihm die Erhaltung eines effizienten Gesundheitssystem mit gesunden, nicht ausgebrannten Ärzten doch eher zugemutet werden.
Ärzte müssen bei der Ausübubung ihres Berufes zum Wohle der Patienten ausgeruht und ausgeglichen sein. Ihr Einsatz muß sich für sie und die Patienten gleichermaßen lohnen.
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[11.08.2011, 10:05:34]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Investigativer Journalismus
Was die Ärzte Zeitung an Berichten über das Landarztleben in Hessen und Brandenburg mit Darstellung der hausärztlichen Kollegen als Protagonisten bringt, kann man mit Fug und Recht als investigativen Journalismus bezeichnen.

Landärzte 'zum Anfassen' sozusagen, die keine völlig verschnarchte, knapp 20 Jahre alte Bedarfsplanung und Versorgungsgrade von Planungsgebieten widerspiegeln, sondern die Versorgungsrealität, den demografischen Wandel und die veränderten Erwartungs- und Anspruchshaltungen von Öffentlichkeit, Politik, GKV, KVen, Ärztekammern, Aufsichtsbehörden und Patienten/-innen.

An den Reportagen über Tagesinhalte und -abläufe, an Interrogation, Intervention, Modifikation und Moderation wird die Mehrdimensionalität der primärärztlichen Tätigkeit lebendig. Und, dass Hausärztinnen und Hausärzte in Deutschland zunehmend der Letzte Notnagel und Rettungsanker für die auseinanderdriftenden gesellschaftlichen Widersprüche sind.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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