Ärzte Zeitung, 12.10.2011

Streik der Uniärzte droht

Sich verheizen lassen, das war gestern: Die Uniärzte wollen ihren Forderungen nach mehr Geld und besseren Arbeitsbedingungen Nachdruck verleihen. Die Urabstimmung läuft: An den deutschen Unikliniken drohen Streiks.

Von Christiane Badenberg

Unikliniken drohen Ärztestreiks

Ärzte des Klinikums Rechts der Isar unterstützten im September mit Protesten die Forderungen des MB.

© Leonhardt / dpa

Freitag 17 Uhr: Endlich gelingt es, Dr. Philipp Ivanyi für ein kurzes Gespräch über seine Arbeitsbedingungen ans Telefon zu kriegen. Sein erster Satz: "Ich beiße gerade in mein Frühstücksbrötchen." Damit ist schon klar, diese Arbeitsbedingungen können nicht gut sein.

Hochschulmediziner haben Streikerfahrung

Und weil das nicht nur für den 35 Jahre alten Internisten und Hämatoonkologen an der Medizinischen Hochschule Hannover gilt, sondern auch für fast alle seine Kollegen an den anderen deutschen Unikliniken, werden vermutlich ab dem 7. November die ersten Uniärzte wieder streiken.

Damit haben die Hochschulmediziner bereits Erfahrung. Denn sie waren es, die vor fünf Jahren durch eine hohe Streikbereitschaft den ersten arztspezifischen Tarifvertrag in Deutschland erstritten.

Vielen anderen Klinikträgern blieb später gar nichts anderes übrig, als nachzuziehen. Der Ärztemangel lässt den Arbeitgebern wenig Chancen, auf stur zu schalten.

Ernsthafte Verhandlungen? Laut MB Fehlanzeige

Das fordert der Marburger Bund

Dem Marburger Bund geht es im aktuellen Tarifstreit nicht nur um eine Lohnerhöhung von fünf Prozent, sondern auch um eine bessere Bezahlung der Nachtdienste sowie um modernere Gehaltsstrukturen.

So will der MB erreichen, dass Ärzte, die aus familiären Gründen mehr Zeit benötigen, um ihre Facharztweiterbildung abzuschließen, finanziell nicht schlechter gestellt werden.

Mehr verdienen sollen nach MB-Vorstellungen auch Fachärzte und Oberärzte, die sich entscheiden, dauerhaft an der Klinik zu bleiben. Ihre große Berufserfahrung solle honoriert werden, so der Marburger Bund. Für nicht länger tragbar hält die Gewerkschaft den Zuschlag von 1,28 Euro pro Nachtdienststunde.

Wichtig ist dem MB auch, dass der Tarifvertrag für alle im Landesdienst angestellten Ärzte geöffnet wird.

Die Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL), Verhandlungspartner des Marburger Bundes (MB) bei den Tarifverhandlungen für die Uniärzte, versucht es zur Zeit aber trotzdem. Der MB hat daraufhin die Tarifverhandlungen abgebrochen.

"Nach fünf offiziellen Verhandlungsrunden und vielen bilateralen Gesprächen hat sich in zwei Monaten nichts bewegt, weil letztlich nicht verhandelt wurde", sagt der stellvertretende MB-Vorsitzende, Dr. Andreas Botzlar.

"Pflegekräfte sind auch unterbezahlt"

Er hat das Gefühl, dass die TdL-Kommission keinen Verhandlungsspielraum hat. Die TdL biete insgesamt ein Plus von 3,75 Prozent über zwei Jahre an. Das ist die Tariferhöhung, die Verdi für die nichtärztlichen Mitarbeiter an den Unikliniken ausgehandelt hat.

Wie die 3,75 Prozent dann verteilt würden, das sei Sache des MB, so die TdL. Das wird vom Vorsitzenden der Tarifgemeinschaft, dem niedersächsischen Finanzminister Hartmut Möllring, im Prinzip bestätigt.

Er wolle den Ärzten mehr Geld geben, aber er müsse auch darauf achten, dass die Schere zwischen Pflegekräften und Ärzten nicht zu weit auseinandergehe. "Für das, was die Pflegekräfte leisten, sind die auch deutlich unterbezahlt", fällt dem 30 Jahre alten Assistenzarzt Sven Lindner von der Uniklinik Düsseldorf dazu nur ein.

Leistungen werden nicht wertgeschätzt

Lindner und MHH-Arzt Ivanyi mögen ihre Arbeit an den Unikliniken. Aber sie haben das Gefühl, dass ihre Leistungen nicht wertgeschätzt werden. Dass sie trotz einer Dreifach-Belastung aus Lehre, Forschung und Versorgung bis zu acht Prozent weniger verdienen als ihre Kollegen, die an kommunalen Kliniken oder Krankenhäuser privater Träger arbeiten, ärgert sie.

"Die Chance, dass ich mich während der 42 bezahlten Wochenstunden um Forschung und Lehre kümmern kann, liegt bei Null", berichtet Ivanyi. Das bestätigt auch Lindner: "Für Vorlesungen und Kurse werde ich freigestellt, aber alle damit verbundenen Vorbereitungen erledige ich in meiner Freizeit." Das wird von den Arbeitgebern häufig als selbstverständlich betrachtet.

Diese Zustände haben dazu geführt, dass die am besten ausgebildeten Ärzte in Deutschland mittlerweile den geringsten Stundenlohn bekommen. Ärzte an kommunalen Kliniken verdienen teilweise 150 Euro mehr, haben aber mit Forschung und Lehre nichts zu tun.

Zeitzuschlag für Nachtdienst erhöhen, fordern die Ärzte

Dass dann die TdL nicht bereit ist, über den Zeitzuschlag für den Nachtdienst, der seit vielen Jahren bei 1,28 Euro liegt, ernsthaft zu verhandeln, dafür fehlt den Uniärzten jedes Verständnis. "Von diesen 1,28 Euro bleiben mir nach Abzug der Steuern 20 bis 30 Cent übrig", hat Lindner ausgerechnet.

Diese Zuschläge stammten aus einer Zeit, als die Arbeitsbelastung in den Nächten noch gering war, sagt der Assistenzarzt. "Ich aber habe von den letzten 150 Stunden Nachtdienst nur acht Stunden nicht gearbeitet."

Lindner würde den Verhandlungsführer der TdL, Knut Bredendiek, gerne zu einer Zwei-Tage-Stippvisite an die Uniklinik Düsseldorf einladen, "damit er mal sieht, was wir für unser Gehalt alles leisten".

"Die Kliniken sollten doch gefragt werden, wo der Schuh drückt"

Der MB hielte das sicher für eine gute Idee. Denn die Gewerkschaft hegt den Verdacht, dass die Verhandlungen unter anderem deshalb so zäh verlaufen, weil auf Seiten der Arbeitgeber hauptsächlich Beamte aus den Finanzministerien sitzen.

Die würden kaum den Arbeitsalltag an einer Klinik kennen und auch sonst nur wenig Rückkopplung zu den Unikliniken haben. "Die Kliniken sollten doch gefragt werden, wo der Schuh drückt. Der MB fragt ja auch seine Mitglieder, was ihnen wichtig ist", meint Andreas Botzlar.

So habe man die Erfahrung gemacht, dass mit der Vereinigung kommunaler Arbeitgeberverbände flexiblere Gespräche möglich sind. Das liege vielleicht daran, dass deren Verhandlungsführer Joachim Finklenburg als Hauptgeschäftsführer des Klinikums Oberberg eine bessere Vorstellung vom Klinikalltag hat, vermutet der MB-Vize.

Ärzte wollen so schnell nicht nachgeben

TdL-Vorsitzender Möllring weist das zurück. "Der Minister sagt, die Verhandlungspartner in der TdL-Kommission sind über die Zustände in den Kliniken informiert", sagt sein Sprecher.

Klar ist, dass die Ärzte an den Unikliniken so schnell nicht nachgeben werden. Sie haben die ersten arztspezifischen Tarifverträge erkämpft und sehen nicht ein, dass andere nun an ihnen vorbeiziehen. Eine Tariferhöhung, die noch nicht einmal einem Inflationsausgleich entspricht, ist für sie nicht akzeptabel.

"Zu einer ersten Protestaktion sind Kollegen eine Stunde vor Dienstbeginn in die Klinik gekommen, und es haben sich 300 von 800 Ärzten beteiligt", berichtet Lindner. Das Signal sei eindeutig.

Nachwuchskräfte suchen Alternativen

Große Sorgen machen sich Lindner, Ivanyi und auch Botzlar darüber, wie Unikliniken mit solchen Arbeitsbedingungen und mit einer so geringen Wertschätzung für ihre Ärzte noch Nachwuchskräfte finden wollen.

"Es ist doch kein Wunder, dass wir Studenten uns nach Alternativen umschauen, statt sich in diesem menschenverachtenden System verheizen zu lassen", hat eine Medizinstudentin kürzlich zu Ivanyi gesagt.

Nur ein Tarifabschluss, der mehr Geld, auch für Nachtdienste sowie schnellere Aufstiegsmöglichkeiten bietet, kann nach Meinung vieler Ärzte helfen, den Arbeitsplatz Uniklinik für fähige und motivierte Mediziner wieder attraktiv zu machen.

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