Ärzte Zeitung online, 21.06.2017
 

Gesundheitswirtschaft

Nach der Wahl sind neue Strategien gefragt

Bedarfsplanung, Nachwuchsgewinnung, Kliniklandschaft: Bei ihrer Frühjahrstagung hat die Gesundheitswirtschaft Rhein-Main Politiker auf ihre Pläne für die nächste Legislaturperiode abgeklopft.

Von Jana Kötter

Nach der Wahl sind neue Strategien gefragt

Diskutieren Fragen aus der hessischen Gesundheitswirtschaft (von links): Dr. Stefan Ruppert (FDP), Dr. Ralf-Norbert Bartelt (CDU), Kordula Schulz-Asche (Grüne) und Professor Karl Lauterbach (SPD) mit Moderator Friedrich Roeingh.

© Jana Kötter

KRONBERG. Eine kleinteiligere Bedarfsplanung – oder doch die Bürgerversicherung, die die Niederlassung auf dem Land ökonomisch attraktiver machen könnte? Wenn es zu Strategien zur Sicherstellung der Versorgung im ländlichen Raum kommt, haben Parteien zum Teil sehr unterschiedliche Ansätze. Das wurde bei der Frühjahrstagung der Gesundheitswirtschaft Rhein-Main einmal mehr deutlich. Im Wahljahr hatte die Initiative zur Frage "Wie viel Reform?" geladen und Landes- und Bundespolitiker zur Gesundheitspolitik der nächsten Legislatur befragt.

Gut drei Monate vor der Wahl plädierte Professor Karl Lauterbach, Vize-Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, im hessischen Kronberg erneut für die Bürgerversicherung. "Die Abschaffung zwei verschiedener Honorare würde bei jungen Ärzten zu einer völligen Neubewertung führen, wo sie sich niederlassen", sagt er. Aktuell sei die Stadt attraktiver, weil dort mehr Privatversicherte anzutreffen seien – wäre dieser Unterschied nicht mehr gegeben, würde das Land ökonomisch attraktiver und damit auch wieder mehr Mediziner aufs Land ziehen, ist sich der SPD-Politiker sicher.

Zwist zwischen den Parteien

Dr. Ralf-Norbert Bartelt, Vize-Fraktionsvorsitzender der Union im hessischen Landtag, sieht das anders. Er setzt auf eine weitere Verkleinerung der Zulassungsbezirke. In Hessen sei die Zahl bereits von 25 auf 65 erhöht worden, aber: "Bei jedem Inhaberwechsel haben wir weiterhin die Gefahr einer Zentralisierung der Arztsitze. Damit etwa auch innerhalb der Großstädte soziale Brennpunkte nicht Gefahr laufen, unterversorgt zu sein, ist eine weitere Verkleinerung der Bezirke ein pragmatischer Weg."

Im Gespräch mit den Vertretern der Gesundheitswirtschaft stieß dieser Vorschlag nicht nur auf Begeisterung. Die Annahme, Ärzte über eine Bedarfsplanung zu verteilen, sei eine "völlige Illusion", meinte etwa Dr. Peter Heinz, Vorstandsvorsitzender der KV Rheinland-Pfalz. Er selber habe sich auf dem Land niedergelassen, weil die ökonomischen Sorgen dort geringer gewesen seien. "Die Politik muss den Mut haben, einen Markt in Sachen Praxissitze zuzulassen, dann regelt sich vieles von allein", so Heinz.

Dr. Stefan Ruppert, Landesvorsitzender der FDP Hessen, widerspricht: "Eine gewisse Planung halte ich in diesem Bereich durchaus für nötig."

Für die Grünen-Gesundheitsexpertin Kordula Schulz-Asche sind für die Sicherstellung der ländlichen Versorgung vor allem neue Versorgungsformen entscheidend. "Das klassische Modell des Praxiskaufs und der Vollzeit-Niederlassung des Mannes, während die Frau daheim die Kinder hütet, gibt es schlichtweg nicht mehr", betonte sie. Die Versorgungsstrukturen müssten sich an diese veränderte Realität anpassen – indem auch auf dem Land verstärkt die Möglichkeit einer Anstellung geschaffen wird, etwa in Form von MVZ in privater oder auch kommunaler Trägerschaft.

Ebenfalls uneinig war man sich beim Thema stationäre Versorgung: Bartelt plädierte dabei für Verbundstrukturen. Gerade kleinen Kliniken könnten Verbünde helfen, ökonomische Risiken zu verringern und etwa vorgegebene Mindestmengen zu erfüllen. Schulz-Asche stimmte zu und betonte die Chancen insbesondere für kommunale Häuser. In Sachen Notfallversorgung ist Bartelt optimistisch, die Wissensvermittlung in der Bevölkerung – wie in Hessen aktuell über eine Werbekampagne für die 116.117 (die "Ärzte Zeitung" berichtete) – anstoßen zu können.

Ein Punkt, den Lauterbach entschieden anders sieht: "Langfristig kann es nur auf eine Triage hinauslaufen", ist sich der SPD-Vize sicher. Gerade im ländlichen Raum müssten Kliniken künftig an vielen Orten gar bewusst in die ambulante Versorgung eingebunden werden, um Unterversorgung zu vermeiden, erklärte er.

Hauch von Einigkeit bei E-Health

Ein Hauch von Einigkeit herrschte unterdessen nur beim Thema Digitalisierung: Hier hagelte es unisono Kritik. Chancen, die Versorgung auf dem Land zu stützen, seien bislang nicht genutzt worden. "Wir müssen aufpassen, dass wir in Sachen E-Health nicht zum Entwicklungsland werden", kritisierte Bartelt deutlich. Für Schulz-Asche ist der Medikationsplan mit seinem Start auf dem Papier "eines der größten Versäumnisse der großen Koalition".

Professor Babette Simon, Vorstandsvorsitzende der Unimedizin Mainz, brachte aus Sicht der Gesundheitswirtschaft einen Vorschlag ein: "Länder und Kliniken schaffen das allein nicht", sagte sie und regte daher finanzielle Unterstützung durch eine Digitalisierungsoffensive des Gesundheitsministeriums analog zur Forschungsoffensive von Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) an.

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