Ärzte Zeitung online, 06.10.2017
 

Pädiatrie

Kinder- und Jugendärzte sehen Engpässe voraus

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte warnt vor dem Abbau von Arztsitzen wegen rechnerischer Überversorgung.

Von Raimund Schmid

BAD ORB. Viele Familien finden keinen Kinder- und Jugendarzt mehr in ihrer Nähe. Die Sicherstellung der Versorgung ist gefährdet, wenn die Politik nicht gegensteuert, warnt der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Die Gründe für die Ausdünnung der Versorgung "liegen in falschen Weichenstellungen der Gesundheitspolitik", sagte BVKJ-Präsident Dr. Thomas Fischbach zum Auftakt des Herbstkongresses am Donnerstag in Bad Orb. "Wir haben keine Überversorgung, sondern schon heute eine Unterversorgung mit kinder- und jugendärztlichen Praxen." Dafür gebe es viele Gründe, die bisher in der Bedarfsplanung keine Berücksichtigung fänden:

- Viele Praxen spezialisierten sich auf bestimmte Krankheitsbilder, um der wachsenden Zahl chronisch kranker Kinder und Jugendlicher – dem Schwerpunktthema des Herbstkongresses – gerecht zu werden. Damit fallen sie für die hausärztliche Versorgung von Kindern und Jugendlichen weitgehend aus.

- In den kommenden fünf Jahren wird ein Viertel der Pädiater in den Ruhestand gehen. Die Nachfolger bevorzugten Teilzeitmodelle, um Familie und Beruf besser unter einen Hut zu bekommen. Dadurch sinke das Arbeitsvolumen pro Pädiater.

- Schließlich dominierten den Versorgungsalltag nicht mehr Patienten mit Infekten, sondern aufwändig zu behandelnde Entwicklungsstörungen und neue Morbiditäten. Hinzu kämen immer mehr Präventionsaufgaben sowie zusätzliche Impfungen.

Fischbach adressierte daher seinen Appell an die künftige Bundesregierung: "Wir brauchen mehr und nicht weniger Kinder- und Jugendärzte." Insbesondere dürfe es nicht weiter zu einem Abbau rein rechnerischer Überversorgung kommen, solange es keine tatsächlich bedarfsbezogene Planung gebe. Diese müsse dann auch die neuen Herausforderungen berücksichtigen – etwa den gestiegenen Betreuungsaufwand, den geringeren Arbeitsstundenumfang pro Pädiater oder die steigende Geburtenzahl.

Auch die sehr zeitintensive Betreuung von zugewanderten Kindern und Jugendlichen finde bei der Bedarfsplanung keine Berücksichtigung.

Die künftige Verteilung von Kinder- und Jugendärzten sollte nach Ansicht von Fischbach regional flexibel gestaltet werden. Vor allem in Städten müsse der Arbeitsanteil der Spezialpraxen herausgerechnet werden. Diese Sitze sollten dann der hausärztlichen Pädiatrie zugeordnet werden.

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