Depressionen

Engpässe in der Versorgung von depressiven Diabetikern

Von den 6,5 Millionen Diabetikern in Deutschland leidet jeder Achte auch an einer Depression – mit erhöhtem Komplikationsrisiko. Vor allem die psychotherapeutische Versorgung müsste besser werden.

Helmut LaschetVon Helmut Laschet Veröffentlicht:
Viele Diabetes-Patienten leiden auch an Depressionen. Das wirkt sich häufig negativ auf das Selbstmanagement aus.

Viele Diabetes-Patienten leiden auch an Depressionen. Das wirkt sich häufig negativ auf das Selbstmanagement aus.

© Fertnig/Getty Images/istock (Symbolbild mit Fotomodell)

BERLIN. Eine qualitative und quantitative Nachrüstung der psychotherapeutischen Versorgung von Diabetikern mit Depression haben Experten der Deutschen Diabetes Gesellschaft am Donnerstag in Berlin gefordert. Hausärzte und Diabetologen müssten überdies achtsamer auf Symptome für eine Depression bei den von ihnen behandelten Diabetikern reagieren.

Nach Angaben des Psychotherapeuten Professor Bernhard Kulzer vom Diabetes-Zentrum Bad Mergentheim weist jeder dritte Diabetes-Patient eine erhöhte psychische Belastung auf. Etwa jeder Achte – also rund 800.000 Patienten – leide an einer klinischen Depression. Das führe zu einer Verschärfung von Komplikationen und Spätfolgen:

- Eine Depression erschwere massiv das Selbstmanagement von Diabetikern, etwa bei der Ernährung, der Bewegung, der Blutzuckermessung und dementsprechend auch bei der Insulingabe. Diabetiker mit Depression haben deutlich mehr Folgekrankheiten, die Behandlungskosten dafür liegen laut Kulzer um 50 Prozent über dem Durchschnitt.

- Bislang unterschätzt worden sei das Mortalitätsrisiko depressiver Diabetiker. Meta-Analysen deuteten auf eine Verdoppelung des Sterblichkeitsrisikos dieser Patientengruppe hin. Ferner sei das Suizidrisiko um 50 Prozent erhöht. Besonders gefährdet seien jüngere Männer mit Typ-1-Diabetes, die als Folge ihrer Grunderkrankung eine erektile Dysfunktion und damit eine Schwächung ihres Selbstwertgefühls erleiden. Allein in dieser Personengruppe gebe es jährlich 800 Suizide.

- Ursächlich für erhöhte Mortalität depressiver Diabetiker sei vor allem der durch Depression verursachte intrapsychische chronische Dauerstress, der zu einer Inflammation an den großen und kleinen Blutgefäßen führe. Depressionen wirkten so als "Brandbeschleuniger für Gefäßschädigungen". In Projekten des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung sei herausgefunden worden, dass sich eine derartige Stressbelastung durch verhaltenstherapeutische Programme reduzieren lasse.

Ein Problem in der adäquaten Versorgung dieser Patienten sei aber, dass die Diagnose Depression zu selten gestellt werde. Kulzer weist auf Studien hin, wonach in Deutschland nur 30 Prozent aller Patienten vom Arzt nach einer Depression befragt worden seien. Über 50 Prozent aller Depressionen bei Diabetikern seien bislang nicht erkannt, weil ersten Symptomen zu wenig Beachtung geschenkt werde.

Das Know how dafür ist aber im Prinzip vorhanden: für Patienten ein Fragebogen (WHO-5) zur Selbsteinschätzung, für Ärzte die Leitlinie "Pschosoziales und Diabetes" sowie Fragebögen zum Screening der DDG. Insbesondere begrüßte Kulzer, dass sich die psychotherapeutische Versorgung für Diabetiker mit Depression künftig dadurch verbessern werde, weil der Deutsche Psychotherapeutentag Anfang des Jahres die Weiterbildung um die "Spezielle Psychotherapie bei Diabetes" ergänzt hat.

Reform der Bedarfsplanung nötig!

Vorreiter dafür sei die Psychotherapeutenkammer in Rheinland-Pfalz gewesen, so die Mainzer Psychotherapeutin Dr. Andrea Bennecke. Eine Verbesserung der Versorgungssituation sieht sie in dem seit dem 1. April dieses Jahres geltenden Verpflichtung der Psychotherapeuten, Akutsprechstunden für einen niedrigschwelligen Zugang anzubieten.

Dies ändere aber nichts daran, dass es unbedingt erforderlich sei, die Bedarfsplanung für die psychotherapeutische Versorgung grundlegend zu reformieren. Dies war auch vor knapp zwei Wochen beim Psychotherapeutentag in Berlin gefordert worden.

800.000

Diabetiker leiden gleichzeitig auch an einer Depression. Das verschärft das Risiko für Komplikationen und erhöht die Mortalität, auch durch Suizid.

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