Ärzte Zeitung online, 10.04.2018

Blaupause

KV-Notfallpraxis in Berliner Krankenhaus gestartet

In Berlin gibt es jetzt eine zweite Notdienstpraxis. Ihr Konzept könnte eines der Vorbilder für die geplante Reform der bundesweiten Notfallversorgung sein.

Von Alexander Joppich

„Wir spüren eine deutliche Entlastung“

Gatekeeper für die Ambulanz? Der Empfangstresen der Notdienstpraxis am Jüdischen Krankenhaus in Berlin-Wedding.

© KV Berlin

BERLIN. "Es war ordentlich was los." – Mit diesen Worten hat der Vizechef der KV Berlin, Dr. Burkhard Ruppert, die Inbetriebnahme der zweiten Notdienstpraxis in Berlin bei einer Pressekonferenz am Freitag kommentiert.

80 Patienten habe die von der KV betriebene Praxis am Jüdischen Krankenhaus Berlin (JKB) am ersten Tag, dem Ostermontag, empfangen. 40 Patienten wurden in der Praxis ambulant versorgt, weitere 40 seien an die Klinik weitergeleitet worden.

Am Karfreitag hatte sich das Klinikpersonal noch ohne die Hilfe der ambulanten Kollegen ebenfalls um rund 80 Patienten in der Klinikambulanz kümmern müssen. "Wir spüren eine deutliche Entlastung", resümiert die Kaufmännische Direktorin des Klinikums, Brit Ismer, nach rund einer Woche Notdienstpraxis.

Positiv zu werten ist auch, dass die Patienten die Notdienstpraxis offenbar nicht als Lückenfüller für Wartezeiten in Vertragsarztpraxen nutzen: Alle Patienten hätten berechtigte Anliegen gehabt, berichtete der diensthabende KV-Arzt Dr. Christian Bohle.

Völlige Bagatellen seien ausgeblieben. Die Versorgung habe trotz leichter Startschwierigkeiten bereits am ersten Tag gut funktioniert. Insbesondere die erfahrenen Medizinischen Fachangestellten (MFA) hätten viel zum Erfolg der Triage beitragen können.

Projekt von KV und Ärztenetz

Um die Besetzung der Praxis sicherzustellen, arbeitet die KV Berlin mit der Arbeitsgemeinschaft Berliner Ärztenetze (ARGE) zusammen. Die ARGE könne aus einem Pool von etwa 60 niedergelassenen Ärzten schöpfen, so Bohle. Pro Schicht sind eine MFA und ein Arzt anwesend.

Der Dienstplan stehe bereits für die nächsten drei Monate lückenlos; falle ein Arzt kurzfristig aus, sorgten die anderen Pool-Ärzte per App intern für Ersatz, erklärte ARGE-Vertreter Bohle.

KV Berlin-Vize Ruppert will das Triage-System noch weiter ausbauen, die Notfallpraxen sollen künftig erst zweiter Anlaufpunkt für die Patienten sein. Er will die telefonische Leitstelle so konzipieren, dass sie zum Erstkontakt für den Patienten wird.

Bevor der Patient überhaupt sein Haus verlasse, hätte ein Tele-Arzt in der Leitstelle dann bereits den Versorgungspfad festgelegt. In vielen Fällen könne der Arzt Patientenfragen oder -sorgen bereits am Telefon betreuen – und somit wiederum die Notfallpraxen entlasten.

Die Praxis im Berliner Stadtteil Wedding könnte eine der Blaupausen für die geplante Neugestaltung der Notfallversorgung sein. Im Koalitionsvertrag haben Union und SPD vereinbart, dass die KVen und die Landeskrankenhausgesellschaften künftig die Notfallversorgung gemeinsam sicherstellen sollen.

Der Sachverständigenrat Gesundheit (SVR) rät der Politik zu Integrierten Notfallzentren (INZ): Ein Allgemeinarzt mit Erfahrung in der Notfallmedizin soll im INZ einen Patienten triagieren und die weitere Versorgung koordinieren – ganz ähnlich wie jetzt schon am Jüdischen Krankenhaus Berlin.

Weitere Details wollen die Gesundheitsweisen im Sommer vorstellen. Was genau die Koalition plane, erschließe sich noch nicht vollständig, sagte JKB-Direktorin Ismer. Als Klinik helfe das JKB bei der ambulanten Versorgung lediglich aus; die Notfallpraxis entlaste aber den Klinikbetrieb.

Der Politik voraus?

Zur Verbesserung der Versorgung hätten die Ärzte analysiert, wie eine praktische Patientensteuerung aussehen könne, führt Klaus Beese von der ARGE aus, – und eben nicht auf das SVR-Gutachten gewartet. Seine Botschaft an die politischen Entscheider: Redet mit den Ärzten über eine Reform der Notfallversorgung.

Die Praxis in Wedding hätten die ARGE und die KV innerhalb von sechs Monaten gestemmt. Die KV Berlin ist Betreiberin der Praxis, so wie es auch der Plan des Sachverständigenrats für INZ vorsieht.

Der SVR plädiert außerdem für eine gemeinsame Finanzierung der INZ durch Kliniken und KVen. Die Notdienstpraxis am JKB wird bislang alleine von der KV finanziert.

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