Medizinstudium

Diabetologie verliert Verankerung in der Unimedizin

Es gibt nur noch acht diabetologische Lehrstühle an medizinischen Fakultäten, die Zahl der eigenständigen Abteilungen an Kliniken ist auf 20 gesunken – Diabetologen fordern ein Umsteuern bei Bedarfsplanung und Vergütung.

Helmut LaschetVon Helmut Laschet Veröffentlicht:
Medizinstudenten: Nur jeder Zweite fühlt sich in der Lage, Diabetes-Patienten adäquat behandeln zu können .

Medizinstudenten: Nur jeder Zweite fühlt sich in der Lage, Diabetes-Patienten adäquat behandeln zu können .

© Hudolin-Kurtagic / Lumi Image

BERLIN. Die Diabetologie verliert ihre Verankerung in der Universitätsmedizin, aber auch in der stationären Versorgung – mit Auswirkungen für die Heranbildung des ärztlichen Nachwuchses und für die Patientenversorgung.

An den 33 medizinischen Fakultäten ist Diabetologie und Endokrinologie derzeit nur noch mit acht Lehrstühlen vertreten, kritisierten Professor Dirk Müller-Wieland und Professor Baptist Gallwitz von der Deutschen Diabetes Gesellschaft am Donnerstag vor Journalisten in Berlin. Die Zahl der eigenständigen, von einem Chefarzt geführten Krankenhausabteilungen für Diabetologie und Endokrinologie sei auf inzwischen etwa 20 gesunken.

Eine der Hauptursachen sieht Müller-Wieland in der gegenwärtigen Konstruktion der Fallpauschalen, die den hohen technischen vor allem den Input der interventionellen Medizin gut abbilden, nicht jedoch den hohen Anteil der sprechenden Medizin und damit die unmittelbare Arbeit des Arztes. Damit werde die Komplexität von Diagnostik und Therapie nicht mehr hinreichend abgebildet. Dies gelte aber auch für die ambulante Medizin, für die der EBM keine eigene Abrechnungsziffer bei diabetologischen Problemstellungen kenne.

Angesichts der wachsenden Prävalenz von Diabetes – so weist jeder dritte Krankenhauspatient heute die Begleitdiagnose Diabetes auf – habe dies konkrete Auswirkungen auf die Qualität der Krankenhausversorgung. So verließen Diabetiker die Klinik nach der Behandlung nicht selten in schlechterem Zustand als bei Einweisung, so Müller-Wieland. Es sei notwendig, für eine solch bedeutende Volkskrankheit einen speziellen Sicherstellungsauftrag zu schaffen und bei der Vergütung umzusteuern. Vor dem Hintergrund eines aufgrund der Morbiditätsentwicklung wachsenden Bedarfs bekomme die Nachwuchsgewinnung eine größere Bedeutung. Denn zugleich erreichten immer mehr niedergelassene Diabetologen – Durchschnittsalter inzwischen über 55 Jahre – den Ruhestand.

Im Studium sei die Diabetologie nicht ausreichend vertreten, bemängelt Professor Baptist Gallwitz. "Viele Studierende kommen in den Arztberuf, ohne auf die Behandlung von Menschen mit Diabetes ausreichend vorbereitet zu sein." Ursachen seien die sinkende Zahl diabetologischer Lehrstühle, aber auch die rückläufigen Kapazitäten in der Weiterbildung. Die strukturellen Mängel führten auch dazu, dass sich immer weniger junge Ärzte für eine Karriere in der Diabetes-Versorgung entscheiden.

Nach einer Umfrage der Deutschen Diabetes Gesellschaft unter Studenten und Dozenten im Zeitraum von Dezember 2018 bis Februar 2018 bietet nur ein Viertel der medizinischen Fakultäten Praktika oder ein Lehrangebot mit Diabetologie als interdisziplinäres Querschnittsfach an. Die Prüfungen beschränkten sich vorwiegend auf Multiple-Choice-Fragen, ließen jedoch grundlegendes theoretisches Wissen außer Acht. 70 Prozent der Studenten glauben zwar, Diabetes bei einem Patienten erkennen zu können, aber nur jeder Zweite sieht sich in der Lage , solche Patienten auch zu behandeln. Folglich hält nur die Hälfte der Studenten das Lehrangebot für ausreichend.

Die DDG leitet daraus drei Kernforderungen ab:

  1. Ausbau der Zahl der Lehrstühle für Stoffwechselkrankheiten durch die Bundesländer,
  2. Verankerung der Diabetologie im Rahmen des Masterplans Medizinstudium 2020 und
  3. bessere Karrierechancen für den Nachwuchs.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Wird es eng für Diabetiker?

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